2017-02-27

Selbstliebe: Lernen, für sich selbst zu sorgen


Das Auftreten von Scham hat viel damit zu tun, dass wir in Konzepten von Richtig und Falsch leben und anderen die Macht zugestehen, zu urteilen, ob wir okay sind oder nicht. Diese Orientierung am Außen ist meist sehr schmerzvoll und anstrengend. Und oft ist es ein langer Weg, sich aus den damit zusammenhängenden Verwicklungen zu befreien. Ina Rudolph beschreibt, wie sie gelernt hat, Selbstliebe zu entwickeln und sich selbst okay zu finden – egal, was die anderen sagen.

Ein frühes Kindheitserlebnis hatte weitreichende Auswirkungen auf mein Leben. Bis ich es entdeckt und erforscht hatte. Ich war zehn, elf oder zwölf Jahre alt, mit anderen Kindern im Ferienlager. Und ich habe mich furchtbar geschämt. Es war Sommer, die Sonne schien, ein richtiges Badewetter. Unsere Gruppe machte sich auf zum nächsten See. Wir liefen durch Felder, sangen, erzählten Geschichten und waren gut durchgeschwitzt, als wir am See ankamen. Die anderen ließen ihre Kleider fallen, schlüpften in ihre Bade – sachen und sprangen ins Wasser. Ich nicht. Ich stand irritiert an dem Fleck, wo die anderen ihre Sachen hingeworfen hatten. Ich konnte mich nicht einfach so ausziehen. Nun, da alle schon im Wasser waren, erst recht nicht. „Hey, komm rein!“ rief jemand zu mir herüber. „Los!“ Ich stand dort wie gelähmt und konnte nicht. Alle riefen etwas, was mich ermutigen sollte, ins Wasser zu kommen. Bis eine Pause entstand, in der alle Augen auf mich gerichtet waren. Ein Mädchen rief: „Oooohhh, sie schämt sich!“

Einige lachten, andere hatten Vorschläge wie: „Wickle dir doch ein Handtuch um.“ Ein Junge sagte: „Wir gucken auch nicht hin.“ All das nützte nichts. Es war, als wäre ich entlarvt worden, in der Tiefe entdeckt und aufgeflogen. Mein Körper war fest, es tat weh und ich verstand es nicht. Ich konnte gar nichts mehr tun. Ich saß die ganze Zeit am Ufer und wurde von den anderen belächelt.

Tiefe Erschütterung

Ich betete für schlechtes Wetter, wegen mir hätte es die restlichen Wochen durchregnen können. Aber nein, wir gingen fast jeden Tag zum See. Ich lief nicht mehr fröhlich durch die Felder, sang nicht mehr mit, wollte nichts erzählen und auch nichts hören.

Was? Das war alles? Wirst du vielleicht fragen. Aber mein Schamgefühl hatte mich tief erschüttert, meinen Körper durchdrungen und sich festgesetzt – es ging ewig nicht weg. Der Anlass für Scham kann von außen unscheinbar aussehen, ja, für andere überhaupt nicht mit bloßem Auge erkennbar sein – aber für mich war es damals die Hölle. Ich bat meine Eltern, nicht mehr ins Ferienlager fahren zu müssen. Sie, die nicht acht Wochen Ferien hatten wie wir Schüler, hatten aber keine Wahl. Außerdem traute ich mich nicht, ihnen das Ausmaß meines Unwohlseins zu schildern. Denn ich schämte mich ja so. Mein Verstand sagte: wegen nichts.

Im nächsten Jahr hatte ich im Ferienlager dann häufig Kopfschmerzen. Und ich hatte sie wirklich. Ich war unpässlich und musste nichts mehr. Außer dass einige Erzieher dieselben waren wie im letzten Jahr und sich erinnerten. Vor denen schämte ich mich wieder. Sicherlich dachten sie, ich würde simulieren. Ein paar Jahre vergingen, ich musste nicht mehr ins Ferienlager fahren und die Sache schien erledigt.

Selbstzerstörerische Gedanken

An den Entwicklungsschritten meiner Tochter konnte ich später erkennen: Es scheint Phasen zu geben, in denen Heranwachsende überhaupt nicht schamhaft sind, und dann gibt es wieder Zeiten, da sind sie sehr empfindlich. Wenn ich mich und meinen Körper gerade nicht zeigen möchte und das mit Gedanken übergehe wie: „Hab’ dich doch nicht so“ oder „Das ist völlig unnötig“, oder es streift mich nur nebulös der Gedanke: „Ich sollte mich nicht schämen, ich sollte es einfach so machen können wie die anderen“ – dann glaube ich Gedanken, die sich gegen das richten, was gerade ist. Was in mir fühlbar eigentlich stimmt, wäre ich in Gedanken nicht dagegen. Schlimm war für mich damals nicht die Scham. Nicht der Fakt, dass ich mich nicht vor den anderen entkleiden wollte. Schlimm war, dass ich dieses Bedürfnis nicht in Ordnung fand. Dass ich dachte, es müsse anders sein. Ich müsse anders sein. Ich müsse sein wie die andern.

Der Schmerz kam nicht nur aus der Ablehnung meines vorhandenen Bedürfnisses, sondern auch aus der Aussichtslosigkeit des Unterfangens. Ich konnte in dem Moment nicht anders sein. Das war nicht möglich. Niemand kann jetzt gleich anders sein, als er ist. Wenn ich das möchte, ist mir Leid garantiert.

Was passiert, wenn ich mir nicht erlaube, das zu fühlen, was ich aber fühle? In meinem Ferienlagerbeispiel am See war ich erstarrt. Ich glaubte, ich hätte es so machen sollen wie die anderen, und diese Chance hatte ich nach ein paar Minuten verpasst. Die anderen waren bereits im Wasser, sie hatten längst bemerkt, dass ich mich schämte. Ich konnte es überhaupt nicht mehr so machen wie sie. Schachmatt. Aus der Erstarrung heraus war es mir auch nicht mehr möglich, woanders hin zu denken. Heute könnte ich sehen, dass die Umkehrung des Gedankens viel wahrer ist: Ich muss nichts so machen wie die anderen. Hätte ich das damals schon sehen können, wäre ich frei gewesen, andere Lösungen zu finden. Etwa kurz im Wald zu verschwinden, dort in meinen Badeanzug zu schlüpfen und dann auch ins Wasser zu springen. Hätte ich mich für mein Bedürfnis nicht verurteilt und es damals okay gefunden, dass ich mich nicht entkleiden möchte, wäre alles nicht so schlimm gewesen. Ich hätte den anderen vielleicht zuwinken können, hätte zu ihnen hinübergerufen, dass ich gleich nachkomme, hätte ein passendes Plätzchen zum Umziehen gefunden und wäre dann zu ihnen ins Wasser gehüpft. Hätte mich jemand gefragt, ob ich mich etwa geniere, mich vor den anderen umzuziehen, hätte ich wahrheits – gemäß „ja“ sagen können. „So ist es.“ Dann liebe ich vielleicht noch nicht, was ist. Aber ich nehme es, wie es ist. Das ist der Ort, an dem der Frieden wohnt.

Selbstliebe: Dem Fühlen vertrauen

In meinen siebzehn Jahren mit der Bewusstseinsmethode „The Work“ sind mir viele Menschen begegnet, die schon als Kinder von ihren Eltern gelernt haben, dass man seine Gefühle nicht zeigt. Gerade vor ein paar Tagen im Zug hörte ich einen Vater zu seinem Kind sagen: „Hör auf zu heulen. Du hast gar keinen Grund.“

Ich habe als Kind bei solchen Sätzen gehört: Mein Gefühl ist falsch. Ich sollte das nicht fühlen. Ich habe gar keinen Grund. Bei all diesen Menschen ist etwas Ähnliches passiert. Auf lange Sicht kennen sie sich einfach nicht mehr mit sich aus. Sie können ihre Gefühle nicht mehr auf der direkten Gefühlsebene verstehen und müssen immer erst darüber nachdenken. Ihnen fehlt das Vertrauen. Das Vertrauen, das bei anderen Menschen einfach so da ist, wofür sie nichts extra tun oder sein müssen.

Wenn ich kein Vertrauen habe, glaube ich, dass ich mich auf meine Gefühle nicht verlassen kann, und diskutiere sie weg. Argumente werden gefunden, der Kritiker wächst und bläht sich auf. So folge ich nicht mir, nicht meiner ureigenen Stimme, nicht dem, was wirklich für mich wahr ist, sondern einem Konstrukt von mir.

Diese Menschen haben mir oft auch zu erklären versucht, was für ein Mensch sie sind. „Ich bin ja kein Spielverderber. Ich mache alles mit. Aber das geht wirklich zu weit…“ oder: „Ich bin ein friedlicher Mensch. Ich kann keiner Fliege etwas zuleide tun…“ – „Wenn xy passiert, dann bin ich immer soundso.“

Sie haben das Bedürfnis, eine bestimmte Art von Mensch zu sein, in ein er – klärbares Modell hineinzupassen, ein bestimmbarer Typus zu sein. Schmerz, Angst oder Verwirrung stellt sich dann ein, wenn etwas passiert, was nicht in ihr Selbstbild passt. Oder ihr Gesprächspartner wissend grinst, wenn sie behaupten, sie seien dies und das, jenes aber nicht.

Schmerzhaftes Über-sich-Drübertrampeln

Einige Jahre später war ich bei Dreharbeiten für eine Serie stark eingespannt. Eines Morgens kam ich ans Set und erfuhr, dass ich in der Bettszene, die heute gedreht wurde, splitterfasernackt sein sollte. Ich erschrak. Das hatte so nicht im Drehbuch gestanden und niemand hatte das vorher mit mir besprochen. Während der Regisseur mir erklärte, was für ein schönes, dezentes Licht er veranlasst hatte, sah ich, wie der Produzent der Serie am Set auftauchte, was er nur in besonderen Fällen tat. Ich spürte, wie mein Gefühl auf der Kippe stand. Einerseits vermutete ich, dass die Produktionsriege mich hier hatte überrumpeln wollen, und ich verspürte keine Lust, mich überrumpeln zu lassen. Ich hätte gern meine Agentur angerufen, um zu überprüfen, was im Vertrag bezüglich Nacktaufnahmen vereinbart war.

Andererseits würde ich, gab ich meinem gefühlten Widerstand nach, die Szene nachher gar nicht mehr spielen können. Ich würde den Ablauf des Tages verkomplizieren. Ich würde mir mit meiner Verzögerung den Ärger des ganzen Teams aufhalsen, das es sowieso schon nicht schaffte, seine Überstunden abzubummeln. Ich sah das Licht, welches der Regisseur hatte einleuchten lassen, und es war tatsächlich ein warmes, weiches, fast zärtliches Licht. Er versprach, man würde „nichts sehen“, das wäre ja im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (vor zwanzig Jahren) sowieso nicht erlaubt – und so überging ich meine Scham.

Seitdem habe immer wieder daran gearbeitet, mich locker zu machen. Es hatte seinen Reiz, als unkompliziert zu gelten. Kompliziert sein war echt nicht beliebt. Besonders am Filmset nicht, wo jede Stunde richtig viel Geld kostet. Ich habe öfter erlebt, dass Kolleginnen als Zicken verschrien wurden, weil sie bestimmte Bedingungen brauchten, um gute Arbeit zu leisten. Um sich zu öffnen, sich zu zeigen und hochemotionale Szenen zu spielen. Und wer hat schon Lust, in seinem Team als Zicke zu gelten?

Den Schmerz zulassen

Als ich vor sechzehn Jahren „The Work“ von Byron Katie kennen lernte und verstand, wie ich meine Glaubenssätze finden und überprüfen kann, wurde mir klar, dass ich einen hohen Preis gezahlt hatte. Ich wollte gemocht werden und glaubte, dafür unkompliziert sein zu müssen. Für die Zuwendung von anderen hatte ich es aufgeben, ehrlich in mich hineinzuspüren und mich so zu nehmen, wie ich bin. Ständig habe ich an mir herumgebastelt. Ich habe Scham beiseitegefegt und alles andere auch, was mich wie einen kapriziösen Menschen hätte aussehen lassen können. Verrückt daran ist: Natürlich haben mich die anderen deswegen nicht mehr gemocht.

Ab dem Moment der Erkenntnis war der Spuk aber nicht gleich vorbei. Ich hatte meine lange eingeübten Denk- und Handlungsmuster, die sich, meist überraschend, immer mal wieder bemerkbar machten, bevor sie sich endgültig verabschieden konnten.

Ein paar Mal noch musste ich schmerzhaft erfahren, wie es ist, wenn ich nicht auf meine Impulse höre, sondern wieder glaube, nicht kompliziert sein zu dürfen. Oder es so machen zu müssen wie die anderen. Im Unterschied zu früher erlaubte ich mir, den Schmerz, der dadurch auftrat, gründlich zu fühlen. Wenn ich deutlich bemerken kann, wie weh es tut, nicht für mich da zu sein, wächst die Erkenntnis, wie wichtig das für mich ist. Die Bereitschaft wird von ganz alleine größer, das alte Muster abzulegen und es gegen ein freundliches einzutauschen.

Es so wie die anderen machen

Das entscheidende Erlebnis hatte ich vor ungefähr zehn Jahren auf einem mehrtägigen Seminar zum Thema „Erkenne dich selbst“. Dieses Erlebnis hatte ich noch gebraucht, um mich endgültig von meinem alten Denkmuster verabschieden zu können. Das Seminar war in verschiedene Lebensbereiche aufgeteilt, es ging um Geld, Liebe, den Körper und an einem Nachmittag auch um Sex. Wenn ich mich recht erinnere, gab es für alle Teilnehmer die Aufgabe, eine schmerzliche Geschichte zum Thema Sex aufzuschreiben. Im Anschluss fragte der Seminarleiter, wer seine Geschichte vor der Gruppe vorlesen möchte. Eintausendprozentig war mir klar: ich nicht. Eine Teilnehmerin las vor, dann noch eine, dann trat wieder Stille ein. Der Seminarleiter fragte wieder und wartete. Ein weiterer Teilnehmer stellte sich vor die Gruppe und las seine schmerzliche Geschichte vor, die er mit Sex erlebt hatte. So ging es, bis alle vor der Gruppe vorgelesen hatten und wieder Stille eintrat. Erneut fragte der Seminarleiter, wer noch vorlesen möchte, obgleich nur noch ich übrig geblieben war. Lange saßen wir so in Stille, bis es mir absurd vorkam. Nein, niemand schaute mich an. Ich wurde auch nicht aufgefordert. Dennoch spürte ich einen Druck in mir, der mich fast platzen ließ. Um nicht auseinanderzubersten, stand ich auf, zuckte mit den Schultern und sagte: „Okay, na gut, dann lese ich eben auch noch vor.“

Ich setzte mich vor die Gruppe, sah diese Menschen an, die mir nicht mehr fremd waren, und sah auf mein Blatt. Immer noch konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ich meine Geschichte vor allen vorlesen sollte. Ich würgte ein Wort nach dem anderen hervor, spürte den Widerstand und las dennoch weiter. Ich wollte nichts als weg. Weg von dem Stuhl, weg von der Gruppe, raus aus dieser Situation. Aus meiner Anspannung entfuhren mir einige Stöhner und Ächzer, und als die Worte auf meinem Blatt endlich zu Ende gelesen waren, saß ich stocksteif. Ich wollte mich erheben, mich erlösen und wurde gefragt, wie ich mich jetzt fühle. Die Mehrheit der anderen Teilnehmer hatte auf diese Frage geantwortet, dass es erlösend oder angenehm gewesen sei, die Geschichte mit der Gruppe zu teilen. Ich konnte nicht mehr. Tränen fingen wie Sturzbäche zu laufen an und das Letzte, was ich noch sagen konnte, war: „schrecklich“. Den Rest des Tages war ich nicht mehr zu gebrauchen. Es fühlte sich so an wie damals im Ferienlager. Ich war verletzt, weinte mehrere Stunden und verstand, dass ich es selbst war, die sich verletzt hatte. Ich hatte mich geschämt. So furchtbar geschämt und nicht für mich gesorgt. Ein letztes Mal war ich dem alten Muster gefolgt, dem Gedanken: Wenn ich es nicht so mache wie die anderen, bin ich kompliziert.

Stressige Glaubenssätze

Ab diesem Erlebnis konnte ich das einfach nicht mehr glauben. Die Frage, ob dieser Gedanke wahr ist, konnte ich nur noch mit NEIN beantworten. Wenn etwas so viel Schmerz freisetzt, kann es für mich nicht die Wahrheit sein. Vielleicht, so war meine Überlegung, hatte es Konsequenzen, wenn ich mir erlaubte, kompliziert zu sein. Allerdings war ich nun bereit, diese zu tragen, und auch ein wenig neugierig, ob und wie diese wirklich auftauchten. Wie ich reagiere, wenn ich diesen Gedanken glaube, habe ich in aller Deutlichkeit gespürt. Weitere stressige Glaubenssätze tauchten auf, die mit den Erlebnissen der Vergangenheit verbunden sind: „Wenn ich nicht vorlese, empfindet die Gruppe mich als komisch, verklemmt oder als Außenseiter. Dann bin ich wieder die Zicke.“

Und wer wäre ich in meiner Situation gewesen, wenn der Gedanke nicht aufgetaucht wäre? Ich hätte das, was ich fühle, gar nicht als etwas Kompliziertes eingestuft. Es ist einfach, was es ist. Ich möchte nicht vorlesen. Mehr nicht. Der Seminarleiter wartet, ob noch jemand vorlesen möchte, und ich warte, bis es weitergeht. Wenn ich es nicht so mache wie die anderen, bin ich nicht kompliziert Dieser Satz – in „The Work“ Umkehrung genannt – besitzt für mich viel mehr Wahrheitsgehalt.

Denn erstens war ich ja gar nicht kompliziert. Das war lediglich ein Gedanke. Ein Gedanke, den ich schon lange geglaubt habe und der mir deshalb so vorkam, als sei das nunmal so. „Wenn ich es nicht so mache wie andere, bin ich kompliziert.“ Zweitens ist das die Entscheidung der anderen Menschen, ob ich kompliziert bin. Diese Bewertung wird in den Köpfen der Betrachter gefällt. Und dort kann ich sie auch lassen. Und drittens: Ich kann es gar nicht so machen wie die anderen. Ich kann ja gar nicht in sie hineinschauen, weiß gar nicht, was alles in ihnen vorgegangen ist und warum sie sich so verhalten, wie sie es tun.

Bei mir selbst ankommen

Und ich lache schon, während mir die nächste Umkehrung in den Kopf kommt: Wenn ich es so mache wie die anderen, bin ich kompliziert. Da ich gleich lachen musste, ist da sicher auch was dran. Warum könnte diese Umkehrung auch wahr sein? Inwiefern könnte ich kompliziert sein, wenn ich es so mache wie die anderen? Wenn ich mich darauf ausrichte, alles so zu machen, wie die anderen es machen, dann bin ich selber nicht richtig vorhanden. Ich bin nicht sichtbar, kein richtiges Gegenüber. Das kann für andere durchaus kompliziert sein.

In jedem Fall wird es kompliziert für mich, wenn ich es so mache wie die anderen. Denn „die anderen“ waren im Falle des Seminars zwölf andere Menschen. Außerdem muss ich mich dann immer informieren, wie andere ihr Leben leben, um es ihnen nachzutun. Und wen picke ich mir heraus? Also für mich klingt das kompliziert, abgesehen davon, dass es sowieso unmöglich ist, es so zu machen, wie andere es machen. Denn es ist ja nur das, was ich denke, wie die anderen es machen. 

Na? Schön kompliziert, oder?

Seit diesem Seminar ging es gar nicht mehr anders, als mich vom Blick auf die Anderen zu verabschieden. Es war auf allen Ebenen meines Seins angekommen: Ich möchte mir selbst mein bester Freund sein, ich möchte auf mich hören und – wenn das der Preis sein sollte – dann bin ich halt manchmal für andere die Zicke. Ich muss noch nicht einmal verstehen, warum ich das nicht vorlesen möchte, es reicht, es zu fühlen.

Immer wieder geschieht es, dass ich nicht erklären kann, warum ich dies oder das fühle. In den letzten beiden Wochen zum Beispiel hatte ich ein starkes Bedürfnis, mit mir alleine zu sein. Ich bemerke das und stelle mich nicht dagegen. Mein Leben muss nicht so laufen wie sonst immer. Dinge dürfen sich ändern. Ich sage Verabredungen ab und nehme keine neuen an. Ich gebe mir so viel Zeit mit mir selbst wie möglich und spüre, ob das schon reicht.

Liebender Kontakt mit mir selbst

In den Jahren, die seit der wichtigen Erkenntnis auf dem Seminar vergangen sind, hat sich ein Kontakt zu mir herausgebildet, den ich früher nicht kannte. Ein Kontakt, der sich mit jeder Zelle und darüber hinaus rund und richtig anfühlt. Diesen liebenden Kontakt mit mir verlasse ich nicht mehr, komme, was wolle. Oder ich bemerke die Anzeichen sehr schnell. Ich bin mir selbst die wichtigste Person. Ich verlange nicht mehr von mir, unkompliziert zu sein. Oder ich nenne das, was ich bin, nicht mehr „kompliziert“. Es ist einfach das, was ist. Es sind genug Freunde übrig geblieben, die genau das lieben und die ich genau so liebe, wie sie sind. Befinde ich mich in diesem Kontakt mit mir, kann ich deutlich spüren, ob ein Mensch, eine Sache oder ein Vorgang die Kraft hat, mich dort rauszuholen. Das schaue ich mir dann ganz genau an, bevor ich mich entscheide, ob ich mich da herausholen lassen möchte.

Damals, im Ferienlager, hatte ich diesen fürsorglichen Kontakt mit mir selbst noch nicht. Ich hatte noch nicht gelernt, wie ich bei mir bleiben, für mich selbst da sein kann, mich selbst okay finden kann – auch wenn die anderen das nicht tun. Ja, ich wusste damals noch nicht einmal, dass das überhaupt möglich ist. Damals war mein Wohlgefühl mit mir immer noch von anderen abhängig. Davon, ob sie mich okay finden und okay finden, was ich tue, wie ich reagiere und fühle. Heute weiß ich: Wenn ich das glaube und dem folge, komme ich nicht zur Ruhe, nicht zu mir, und die Scham wartet immer gleich um die nächste Ecke.

Über die Autorin


Ina Rudolph ist Schauspielerin, Autorin und Coach für The Work. Sie arbeitet seit 16 Jahren mit dieser Methode und hilft anderen dabei, sich von ihren belastenden Glaubensmustern zu befreien.

Nächste Seminare: 13.-12. Mai „Selbstliebe“ in der Prignitz und
10.-11. Juni „Loslassen“ in Frankfurt.


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