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2016-03-28

Die Transzendenz der Maschine

Von Eduard Kaeser


An futuristischen Visionen fällt auf, dass sie Entwicklung im einseitig Technisch-Maschinellen sehen. Sie verraten ein Desinteresse am Menschen.

Eine seltsame und nicht ganz geheure Obsession befällt unseren Blick auf die Zukunft. Wir sind Produkte einer natürlichen Evolution, und doch stellen wir uns die Weiter- und Höherentwicklung unserer Spezies gerne vor als eine Überwindung der Condition humaine durch Technologie. Die Träume vieler Futuristen gravitieren um das Zentrum einer postbiologischen Superintelligenz, welche alle Formen der organischen „Wetware“ abgestreift haben wird. Man hat fast den Eindruck, als erschallte aus den Schaltkreisen unserer Computer ein neuer Ton mit geradezu erlöserischen Oberklängen.

Wo sind sie denn, die fremden Intelligenzen?

Seit den disruptiven Technologien der Dampfmaschine, des Verbrennungsmotors, der Elektrizität und Elektronik liebt die wissenschaftlich-technische Intelligenz futuristische Spekulationen. Es wurde ja auch gesagt, dass das 19. Jahrhundert die Epoche sei, welche die Transzendenz von der Vertikalen in die Horizontale drehte: vom Himmel in die Zukunft.

Wir versuchen uns vorzustellen, wohin uns die gegenwärtige technische Entwicklung trägt, und wir ergehen uns dabei auch in Fantasien über fremde Intelligenzen. Schon 1950 stellte der Physiker Enrico Fermi bei einem nicht ganz ernsten Tischgespräch über fliegende Untertassen und dergleichen die Frage, wo denn nur all diese Intelligenzen, wenn sie existieren, seien. Dabei wies er auf einen Widerspruch zwischen Empirie und Theorie hin, zwischen offenkundiger Abwesenheit und der Wahrscheinlichkeit fremder, extraterrestrischer Intelligenzformen.

Die Diskussion um dieses sogenannte Fermi-Paradox hat sich seither in eine Richtung entwickelt, in der die künstliche Intelligenz eine immer grössere Rolle spielt. Wenn Maschinenintelligenz den Höhepunkt der technischen Entwicklung darstellt, so ein Lösungsvorschlag für den Widerspruch, dann könnte es ich bei Aliens ja um superentwickelte Maschinen handeln, welche die biologische Entwicklung längst hinter sich gelassen haben.

Die Kommunikation zwischen solchen Maschinen könnte derart optimal kodiert sein, dass sie uns Menschen bloss als interstellares Rauschen gegenwärtig wäre. So gesehen würde also die Abwesenheit fremder Intelligenz eigentlich nichts weiter bedeuten als die Abwesenheit, will heissen: Unfähigkeit unserer Intelligenz zu ihrer Erkennung.

Von der Biologie zur Technologie

Was man auch von solchen Phantasien halten mag, so verraten sie uns doch einiges über unsere expliziten oder impliziten Perfektionsvorstellungen. Wie es scheint, reizt die Vervollkommnung nicht im „Weichen“, Biologischen, sondern im „Harten“, Technologischen. Damit Intelligenz eine Reichweite interstellaren Ausmasses haben kann, so lautet ein Argument, bedarf sie postbiologischer Ausstattung: robuste, leistungsfähige, dauerhafte Hard- und Software, nicht delikate Wetware mit beklangenswert kurzer Verfallszeit.

Maschinen sind viel eher für die Ewigkeit geschaffen, sie können sich kopieren und sich perfekt bestimmten Umweltbedingungen anpassen, ohne die lange und zufällige Stolperei der biologischen Adaptation. Schon in einer Generation würden die Maschinen vielleicht die Kluft zwischen Sternen und anderen Welten übersprungen haben.

Futuristen wie Ray Kurzweil – „Director of Engineering“ bei Google - sind verzaubert von dieser Idee. Er verkündet mit viel Aplomb eine technische Transzendenz – Singularität genannt –, in der die maschinelle die menschliche Intelligenz eingeholt und überholt haben wird. Er rechnet mit einem solchen epochalen Sprung um die Mitte dieses Jahrhunderts.

Die Zukunft des Menschen sähe nach Kurzweil so aus, dass wir sozusagen in neuer hybrider Form, als Module von superintelligenten Maschinen weiterexistierten. Der Grossmeister der Science Fiction, Stanisław Lem, sprach schon 1964 in seine „Summa technologiae“ von „Intelligenzverstärkern“, also von Maschinen, die klüger sind als ihre Erbauer und gut und gerne das Tausenfache des menschlichen Intelligenzquotienten aufweisen. Und 1999 forderte der deutsche Physiker, Philosoph und Schriftsteller Max Bense: „Der Mensch als technische Existenz: das scheint mir eine der grossen Aufgaben einer philosophischen Anthropologie von morgen zu sein.“

Wie es den Anschein macht, ist eine künftige Zivilisation kaum noch zu denken ohne hochgerüstete Technologie. Immerhin kann man sich nach wie vor die unaufgeregte Frage stellen, ob denn die biologische Evolution wirklich in eine Sackgasse führen müsse, aus der nur technische Transzendenz heraushilft. Gäbe es nicht auch eine andere Geschichte?

Grenzen der Rechenleistung

Ohne Zweifel besteht schon heute eine Mensch-Maschine-Interaktion, die man auf einem beträchtlichen Intelligenzniveau – beiderseits – ansiedeln muss. Die Maschinenintelligenz befindet sich in der Lernphase. Die einschlägige Methode nennt sich „Deep Learning“. Und sie funktioniert auf sogenannten neuronalen Netzen. Es handelt sich, kurz gesagt, um Algorithmen, die nicht definitiv geschrieben sind, sondern die sich im Lösungsprozess bestimmter Aufgaben selber justieren können.

Damit verabschieden wir die landläufige Vorstellung des Computers, der einfach nach Vorschrift dumm und stur Schritte durchführt. Bereits schlagen solche Programme Menschen im Schach oder im Go; ein Spiel nota bene, das man bis kürzlich als zu kompliziert für einen Maschinensieg erachtete.

Hier manifestiert sich ein typisches Merkmal der Entwicklung der künstlichen Intelligenz: immer wieder werden scheinbar unüberwindbare Barrieren übersprungen, sei es, dass man raffiniertere Software entwirft oder Rechner mit grösserer Kapazität baut. Das beflügelt natürlich den Optimismus der „Singularisten“. Sie sehen Intelligenz nur als Funktion der Rechenleistung eines Systems, nicht des materiellen Substrats. Und deshalb stellt für sie die Biologie einer maschinellen Transzendenz auch keine prinzipiellen Hindernisse in den Weg.

Neuromorphe Maschinen

So schnell sollte man die Rechnung allerdings nicht ohne Biologie machen. Es gibt zum Beispiel die sogenannte Energieschwelle. Intelligenz verbraucht Energie. Die Rechnereffizienz bemisst sich an der Anzahl Schritte pro Sekunde. Deshalb spielt im Computerbau das Verhältnis der Anzahl Rechenschritte pro Joule eine vorantreibende Rolle. Mit der Entwicklung von Mikroprozessoren und den immer kleineren Dimension der Schaltkreise nahm dieses Verhältnis stetig zu. Aber die Entwicklung flacht ab, das heisst die Zunahme verlangsamt sich.

Das könnte sich für das Projekt einer hirnartigen – „neuromorphen“ – Maschine als ernsthafte Barriere erweisen. Dabei fällt die bemerkenswerte Tatsache ins Gewicht, dass unser Gehirn auf dem Leistungsniveau einer Glühbirne – zwischen 20 und 30 Watt – arbeitet. Wollten wir es in ein System mit heute praktikabler Technologie hochladen, dann benötigten wir eine gigantische Energie, die etwa das chinesische Kraftwerk des Dreischluchtendammes liefert. Man braucht dies nur mit der aktuellen Erdbevölkerungszahl von 7,3 Milliarden zu multiplizieren, um sich eine Zivilisation mit menschenähnlichen künstlichen Gehirnen auszumalen.

Relikte verfallener kosmischer Zivilisationen?

Wenn Leben nichts Ungewöhnliches ist und regelmässig, wenn auch erratisch Formen der Intelligenz produziert, dann könnte es sein, dass wir uns heute quasi in der Zukunft vergangener Intelligenzen befinden. Denn das Universum ist über 13 Milliarden Jahre alt, und wir können nicht ausschliessen, dass es schon Interessantes ausgebrütet hatte, bevor unser Sonnensystem existierte.

Dies zumindest ist ein spekulativer Gedanke des Astronomen und „Astrobiologen“ Caleb Scharf. Vielleicht tummeln sich in den instellaren Weiten ingenieurale Relikte von Intelligenzen, die ihre Klimax überschritten haben und uns nur noch als kosmischer Schrott und kosmisches Rauschen erscheinen. „Vielleicht haben sich fremde Zivilisationen in ein abgeschiedenes biologisches Reduit zurückgezogen und die Relikte ihrer Ingenieurskunst der Unbill von kosmischer Strahlung, Verdampfung und explosivem Sternenschutt ausgeliefert.“

Und was, wenn auch wir eines Tages entdecken werden, dass die Zukunft künstlicher Intelligenz nicht mehr Rechnen, sondern mehr Biologie erfordert? „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ lautet der Titel des Science-Fiction-Klassikers von Philip K. Dick. Vielleicht träumen künftige künstliche Intelligenzen davon, aus Fleisch zu bestehen.

Menschenflüchtige Horizonte

Lassen wir die Spekulation und stellen einfach fest: Das Transzendieren der Condition humaine ist nicht bloss denkbar, es erscheint heute machbar. In gewissem Sinne stellen alle modernen technologischen Projekte menschenflüchtige Horizonte in Aussicht: Weg von der Erde! Weg von unserem Körper! Weg von unserer Sterblichkeit!

In der Raumfahrt verlassen wir unsere erdgebundenen, in der Robotik und Computertechnologie unsere körpergebundenen Lebensbedingungen, in der Genetik unsere biologische Gewachsenheit. Aber wir sollten vielleicht in all den seraphischen Erlösertönen das Dissonante nicht überhören. Technische Transzendenzverheissungen strahlen umso mehr, je expliziter sie unsere Erdgebundenheit, Körperlichkeit, Vergänglichkeit als etwas Schlechtes, etwas „Gefallenes" hinstellen.

Wenn also die neuesten transhumanen Visionen uralte Menschheitsträume einer verbesserten Condition humaine wecken, dann manifestieren sie insgeheim immer auch ein Desinteresse, um nicht zu sagen: eine versteckte Verachtung des Menschlichen.

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