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2016-08-29

Diese fleischfressende Pflanze könnte das Mittel gegen Glutenintoleranz liefern


Fleischfressende Pflanzen sind wie kleine, aber gefährliche Wesen aus Science-Fiction-Filmen: Sie sind strategisch dafür konzipiert, Insekten in ihre Falle zu locken und sie dort mitttels Verdauungsenzymen bei lebendigem Leib langsam zu zerlegen. Dieser ziemlich abgebrühte Trick der Evolution könnt nun vielleicht sogar die Lösung für eines der Probleme unserer modernen Ernährungsalltags darstellen: Die Glutenintoleranz.

Um eins klarzustellen: Ich rede hier nicht von den Menschen, die freiwillig eine glutenfreie Diät bevorzugen, weil sie meinen, das sei gesünder (Spoiler: Ist es nicht). Es geht hier um die Leute, die keine glutenhaltige Nahrung essen dürfen, weil ihr Körper das Gluten nicht zersetzen kann. Tun sie es doch, endet das meistens mit Bauchschmerzen, Krämpfen, Durchfall und Schädigungen des Darmtrakts. Joanna Schroeder, die von Zöliakie—so der Fachterminus für eine Form der Glutenunverträglichkeit— betroffen ist, berichtete im vergangenen Jahr auf dem BlogGood Housekeeping darüber, wie schwierig es im Alltag ist, mit der Krankheit umzugehen.

„Wenn ich aus Versehen etwas glutenhaltiges esse, wird mir total übel, manchmal musste ich sogar ins Krankenhaus, weil ich nach dem Durchfall und Erbrechen so stark dehydriert war“, schrieb sie.

Und so ist es für all diejenigen, die Zöliakie oder eine andere Art der Glutenintoleranz haben, nicht „hip“, sich glutenfrei zu ernähren—es schlicht und einfach ist notwendig. Eine neue Behandlung mit Enzymen aus tropischen Kannenpflanzen könnte jedoch einen großen Beitrag zur Lösung der Gluten-Problems beisteuern.

In einem neuen Paper, das Anfang August in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht wurde, wird dargelegt wird, dass die gleichen Enzyme, die Insekten-fressenden Pflanzen ihre Superkräfte verleihen, auch erstaunlich gut darin sind, Glutenproteine zu zerlegen—was es all den Menschen mit Glutenintoleranz ermöglichen könnte, ab und zu ohne körperliche Konsequenzen ein Bier zu zischen oder ein Stück Pizza zu verschlingen.

Die Enzyme würden nicht als Heilmittel an sich funktionieren. Menschen, die an Zöliakie leider, würden viel mehr theoretisch eine Kapsel mit diesen Enzymen einwerfen, bevor sie ein glutenhaltiges Mahl zu sich nehmen—so ähnlich wie laktoseintolerante Menschen Lactaid nehmen, bevor sie eine Kugel Eis essen. Allein dieser Workaround wäre für viele eine wesentliche Verbesserung und Erleichterung in ihrem Ernährungsalltag, denn bisher gibt es kein ähnliches Mittel.

Wie David Schriemer, außerordentlicher Professor an der University of Calgary in Kanada, gegenüber Motherboard erzählte, seien er und seine Forscherkollegen gar nicht auf der Suche nach einem Mittel gegen Zöliakie gewesen, als sie begannen, die Enyzme aus Kannenpflanzen zu sammeln. Stattdessen suchten sie nach Enzymen, die ihnen bei ihrer Forschung im Bereich der Proteomik helfen sollten: Hier geht es darum, zu erforschen, wie Proteine sich auf die Biologie auswirken und welchen Einfluss sie auf diverse Krankheiten haben.

„Man benötigt eine besondere Art von Enzymen, die wie eine molekulare Schere funktionieren, um die Proteine auf die erforderliche Weise zu zerschneiden“, erklärte Schriemer. Dem Forscher-Team ist es gelungen, ein Enzym-Paar zu identifizieren, das in dem Sekret einer gewissen Sorte der Kannenpflanze vorkommt und haben es analysiert.

„Wir waren total überwältigt“, so Schriemer weiter. „Es war unglaublich, zu sehen, an welchen Stellen diese molekulare Schere die Proteine zerschneidet und vor allem, wie aktiv sie schneidet. Wir dachten sofort: das muss doch für etwas anderes nützlich sein!“.

Da Gluten ein Stoffgemisch aus Proteinen ist, baten sich Zöliakie- und Glutenintoleranz-Patienten als Kandidaten für die weitere Erforschung des Enzyms geradezu an. Nachdem die besonderen Enzyme dann sowohl in Laborversuchen als auch an Mäusen getestet wurden, fanden Schriemer und seine Kollegen heraus, dass es die im Gluten enthaltenen Proteine sehr effektiv zerlegt. Es ist zwar nicht das erste Mal, dass Wissenschaftler Enyzme als mögliches Mittel für Glutenintoleranz herangezogen haben, doch das hier vorgefundene Enzym-Paar ist einzigartig in der Hinsicht, wie aggressiv und gründlich es Gluten zerlegt—was bedeutet, das bereits eine geringe Dosis ausreichen könnte, um die Verdauung einer glutenreichen Mahlzeit zu unterstützen.

Doch bis es tatsächlich so weit ist, und Zöliakie-Erkrankte vor dem Essen eine gluten-zerlegende Wunderkapsel schmeißen können, steht noch einiges an Forschung bevor. Schriemer sagte, es sei geplant, weitere Tierversuche durchzuführen und die Kultivierung der Enzyme zu verbessern. Er sei zuversichtlich, dass die so gewonnen Ergebnisse auch in andere vielversprechende Heilmittel gegen Glutenintoleranzeinfließen könnten, an denen bereits gearbeitet wird.

„Mir an diesen unterschiedlichen Strategien gefällt, dass man sie auch miteinander verbinden kann”, erklärte Schriemer. „Die Betroffenen werden ihre glutenfreie Diät nicht komplett über Bord werfen können, aber man könnte diese durch ein, zwei andere Ansätze ergänzen.“

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