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2026-01-23

Klaus Praschak: Wenn die Technik das Leben bestimmt


Ich kenne noch eine Zeit, in der ein Telefon eine Schnur hatte und eine Wählscheibe. Wollte ich ungestört mit meiner Freundin sprechen, musste ich das Haus verlassen und bis zur Telefonzelle gehen, fünfhundert Meter entfernt. Es war umständlich, es brauchte Entscheidung, Zeit und einen kleinen Weg. Und doch, wenn ich heute daran zurückdenke, war es eine wunderbare Zeit, weil Momente kostbarer waren. Kommunikation war nicht jederzeit verfügbar. Gerade dadurch wurde sie bewusst gewählt. Ein Gespräch war kein beiläufiger Hintergrund, sondern ein Ereignis. Man war ganz da, weil man es sich nicht leisten konnte, abgelenkt zu sein. Der Weg zur Telefonzelle gehörte dazu, das Warten, manchmal auch das Scheitern, wenn sie besetzt war. All das schuf einen inneren Raum, in dem Begegnung Tiefe gewinnen konnte. Heute sind wir jederzeit erreichbar. Das hat unbestreitbar Vorteile. Es schafft Sicherheit, Flexibilität und Nähe über große Distanzen. Doch gleichzeitig ist etwas verloren gegangen. Ständige Erreichbarkeit löst das Gespräch aus seiner Besonderheit. Worte werden schneller, kürzer, austauschbarer. Aufmerksamkeit zerfällt. Die Stille zwischen den Kontakten verschwindet, und mit ihr oft auch der Nachklang. Was verloren geht, ist nicht die Technik, sondern die Begrenzung, die früher selbstverständlich war. Diese Begrenzung schützte etwas Wesentliches: die Qualität des Augenblicks. Heute müssen wir diese Grenze bewusst setzen, weil sie uns nicht mehr geschenkt wird. Ohne diese bewusste Entscheidung werden wir verfügbar für alles und gleichzeitig weniger wirklich anwesend. Es ist wohl das, was wir heute neu lernen dürfen: nicht die Rückkehr zur Telefonzelle, sondern die Rückkehr zur Entscheidung. Wann bin ich erreichbar, und wann nicht? Wann schenke ich meine Aufmerksamkeit ganz, und wann lasse ich sie ruhen? Denn was wir jederzeit haben können, verliert an Gewicht. Was Weg, Zeit und Verzicht braucht, gewinnt an Tiefe. So liegt in der Erinnerung an die Schnur und die Wählscheibe weniger ein Blick zurück als ein stiller Hinweis nach vorn. Kostbare Momente entstehen dort, wo wir nicht ständig verfügbar sind, sondern bewusst gegenwärtig. Ich möchte dem Smartphone nicht die Schuld geben. Es ist ein Werkzeug, nicht mehr und nicht weniger. Und doch ist mit seiner Einführung etwas sichtbar geworden, das mich nachdenklich stimmt: wie unbewusst wir oft leben und wie leicht wir beeinflussbar sind, wenn äußere Systeme beginnen, unser inneres Erleben zu strukturieren.

Ich kenne Menschen, die eine deutliche Abhängigkeit, aus Unbewusstheit und aus Gewöhnung, von ihrem Gerät entwickelt haben. Unzählige Apps begleiten jeden Schritt, ob beim Gehen, beim Sport, beim Autofahre und sogar, beim Schlafen. Alles wird gemessen, bewertet und gespeichert. Was früher gespürt wurde, muss heute sichtbar sein. Erst wenn es auf einem Bildschirm erscheint, scheint es wirklich zu existieren. Dabei verschiebt sich etwas Wesentliches, nämlich das die Wahrnehmung nach außen wandert. Vertrauen in das eigene Empfinden wird ersetzt durch Zahlen, Kurven und Rückmeldungen. Der Körper wird nicht mehr gehört, sondern kontrolliert. Der Alltag wird nicht mehr erlebt, sondern dokumentiert. Was als Unterstützung gedacht war, beginnt unmerklich zu führen. Diese Entwicklung sagt weniger über Technik aus als über uns. Sie zeigt, wie groß das Bedürfnis nach Orientierung, Sicherheit und Bestätigung geworden ist und wie wenig wir uns selbst noch zutrauen. Manipulation geschieht hier selten durch Zwang. Sie geschieht durch Bequemlichkeit, durch permanente Verfügbarkeit, durch das Versprechen, nichts zu verpassen und alles im Griff zu haben.

Was mich dabei besonders berührt, ist nicht die Nutzung der Geräte, sondern der Verlust an innerer Selbstverständlichkeit. Viele Menschen scheinen verlernt zu haben, einfach da zu sein, ohne Rückmeldung, ohne Vergleich, ohne ständige Einordnung. Stille wird schnell als Leere empfunden. Nichtstun als Zeitverlust. Das eigene Maß als unsicher. Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung unserer Zeit, nicht im Verzicht auf Technik, sondern in der Rückkehr zur bewussten Beziehung mit ihr. Zu spüren, wann sie dient und wann sie übernimmt. Wann sie unterstützt und wann sie ersetzt, was nur im Inneren wachsen kann. Diese Fragen sind keine Anklage, sondern eine Einladung. Zu mehr Wachheit. Zu mehr Eigenverantwortung und zu einem Leben, in dem nicht alles sichtbar sein muss, um wirklich zu sein.

Klaus Praschak

Bild: printerest.de danke

2 Kommentare:

  1. Vielen Dank für diese Gedanken, diesen Text! Es gibt bereits hier und jetzt viele mehr Menschen, als man sich so vorstellen kann, die bereits in den letzten Jahren sich ... zurückverbunden haben und zurück heißt auch, zurück zur Natur, den Naturwesen. Hierzu läuft noch bis Sonntag ein wunderbarer Naturwesenkongress, der das sich Er-Innern... unterstützt... https://www.naturwesen-kongress.de/ Ergänzend hierzu noch der Hinweis auf den jetzt in Deutschland laufenden Kinofilm "silent friend", bei dem es auch auch um Rückverbindung, Kommunikation geht... Schönes Wochende!

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  2. Die Herausforderung FREIHEIT 🙃

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