Seiten

2026-06-05

Klaus Praschak: Menschenwürde


Menschenwürde bedeutet den Menschen als Wesen mit einem unveräußerlichen inneren Wert zu erkennen - unabhängig von Leistung, Herkunft, Besitz, Glauben, Gesundheit, sozialem Status oder gesellschaftlichem Nutzen. Würde entsteht nicht dadurch, dass ein Mensch etwas „leistet“ oder bestimmten Erwartungen entspricht. Sie gehört zum Menschsein selbst. Ein würdevolles Verständnis des Menschen erkennt deshalb an, dass jeder Mensch fühlen, leiden, lieben, hoffen, irren, wachsen und sich entwickeln darf, ohne dadurch seinen grundlegenden Wert zu verlieren. Im tieferen Sinne bedeutet Menschenwürde auch den Menschen niemals nur als Mittel zum Zweck zu betrachten, denn sobald Menschen nur nach Funktion, Produktivität, Macht, Nutzen oder Anpassung bewertet werden, beginnt Würde verloren zu gehen. Deshalb hängt Menschenwürde eng zusammen mit Respekt, Mitgefühl, Freiheit, innerer Achtung und dem Recht auf seelische und körperliche Unversehrtheit. Spirituell betrachtet kann man sagen, Menschenwürde entsteht aus der Erkenntnis, dass im Innersten jedes Menschen etwas Unantastbares lebt. Etwas, das weit über Rollen, Fehler, Meinungen oder äußere Erscheinungen hinausgeht. Deshalb berührt uns Würde so tief, weil sie den Menschen nicht auf seine äußere Form reduziert, sondern sein inneres Wesen achtet. Wahre Menschlichkeit zeigt sich im Umgang mit den Schwächeren, den Andersdenkenden, den Verletzlichen und jenen, die gesellschaftlich keinen besonderen Nutzen bringen, denn eine wirklich bewusste Gesellschaft würde den Wert eines Menschen niemals davon abhängig machen, wie erfolgreich, stark oder angepasst er ist.
 
Ich denke, dass es sich lohnt etwas tiefer auf die Aussage Jesu einzugehen „ Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin“. Denn oberflächlich verstanden wirkt der Satz oft wie Schwäche, passive Unterwerfung oder grenzenlose Duldung. Doch bin ich mir sicher, dass Jesus nicht meinte, der Mensch solle sich willenlos misshandeln lassen oder jede Form von Unrecht gutheißen. Vielmehr scheint darin eine tiefere Bewusstseinsfrage verborgen zu liegen. Lässt du zu, dass die Härte eines anderen auch dein eigenes Herz verhärtet? Denn genau das geschieht oft. Wer verletzt wird, beginnt zurückzuschlagen, zu hassen, sich innerlich zu verschließen oder die eigene Menschlichkeit zu verlieren und Jesus meinte : Durchbreche diesen Kreislauf, nicht durch Unterwerfung, sondern durch Bewusstheit. Das bedeutet nicht, keine Grenzen zu setzen, nicht alles hinzunehmen und Missbrauch nicht zu erlauben. Menschenwürde schließt auch Selbstachtung mit ein, aber man kann sich abgrenzen, ohne innerlich zu verbittern. Die andere Wange hinzuhalten bedeutet nicht, sich weiter verletzen zu lassen, sondern sich zu weigern, dieselbe innere Härte zurückzugeben, die einem selbst begegnet und genau dort bekommt Menschenwürde eine tiefere Bedeutung. Denn sie zeigt sich nicht nur darin, wie wir jene behandeln, die wir lieben, sondern auch darin, ob wir in schwierigen Begegnungen unsere eigene Menschlichkeit bewahren können.

Bild: printerest. de Danke

Quelle: Klaus Praschak

5 Kommentare:

  1. Wundervoll erklärt...es geht einem das Herz auf bei jedem Satz.
    Danke
    Christa Maria

    AntwortenLöschen
  2. Hier dringt Klaus Praschak leider noch nicht tief genug in der Betrachtung vor, so dass es zur Einsicht kommen würde, sondern verbleibt noch in der Sphäre des Glaubens, was sich ja auch in der Formulierung zeigt, „Denn oberflächlich verstanden wirkt der Satz oft wie Schwäche, passive Unterwerfung oder grenzenlose Duldung. Doch bin ich mir sicher, dass Jesus nicht meinte, der Mensch solle sich willenlos misshandeln lassen oder jede Form von Unrecht gutheißen.“

    Gandhi erschuf den Begriff der Satyagraha, des Festhaltens an der Wahrheit. Dieses Festhalten ist nichts Passives, sondern ein Bekenntnis aus tiefstem Herzen. Mit der Begriffsschöpfung wollte Gandhi eine bewusste Abgrenzung zum Begriff des passiven Widerstandes verdeutlichen. Widerstand ist auch mehr, als bloßer Ungehorsam. Deswegen sagte Gandhi auch: „Die Aussage, ich hätte meine Idee des Zivilen Ungehorsams aus den Schriften Thoreaus abgeleitet, ist falsch. Der Widerstand gegen die Obrigkeit in Südafrika war bereits weit fortgeschritten, bevor ich den Aufsatz erhielt … Als ich den Titel von Thoreaus großartigem Aufsatz sah, begann ich seinen Ausdruck zu verwenden, um den englischen Lesern unseren Kampf zu erklären. Ich fand jedoch, dass selbst ‚Ziviler Ungehorsam‘ nicht die ganze Bedeutung des Kampfes vermittelte. Deshalb übernahm ich den Ausdruck ‚Ziviler Widerstand‘.“

    Jesus ging es dagegen nicht um den politischen Kampf, sondern um etwas Grundsätzlicheres, das Eintreten für die eigene Menschenwürde. Deswegen hatte Jesus auch kein großes Interesse an einer bekannten Form des zivilen Ungehorsams, dem Nichtzahlen von Steuern. Von den Pharisäern diesbezüglich befragt, die ja die Absicht hatten, ihn dann bei der römischen Obrigkeit als Aufrührer in Verruf bringen zu können, antwortete er ja: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“

    Klaus Praschak fokussiert einseitig auf die Ahimsa, die Gewaltlosigkeit, beschreibt die Herausforderung, sich durch die durch andere erfahrene Gewalt nicht selbst zur Gewalt verleiten zu lassen. Dies überwindet zunächst nur die Suche nach Vergeltung, wie sie im frühen Rechtsgrundsatz des „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ zum Ausdruck kommt. Ein archaischer Rechtsgrundsatz, aber zumindest führte er erstmals den Gedanken der Verhältnismäßigkeit beim Vergelten ein. Das Überwinden der Suche nach Vergeltung ist dann nochmal ein weit größerer Schritt.

    Aber Klaus Praschak fokussiert halt nicht auf den Aufruf zur Aktivität, dem Einnehmen einer Widerstandsposition. Dass Jesus eben ganz spezifisch vom Schlagen auf die RECHTE Wange gesprochen hat, wird ja gern übersehen, manchmal entfällt der Schlag ganz und es wird nur noch von der Reaktion, dem Hinhalten der anderen Wange gesprochen.
    Zu Jesu Zeiten schlug man die, die man als nicht gleichwertig betrachtete, mit der Außenseite der Hand auf die rechte Wange, also Kinder, Frauen und Sklaven. Im Machtkampf schlägt man mit der Innenseite der Hand auf die linke Wange, da ist die Kraftentfaltung viel größer. Gleichzeitig gibt es im Römischen Recht auch das Strafmaß des Schlagens auf die rechte Wange, was als besonders erniedrigende Strafe empfunden wurde. Ein Schlag auf die rechte Wange stellt also sowohl Gewalt, als auch den Versuch der Erniedrigung dar.

    Wenn man als Kind, Frau oder Sklave geschlagen wurde, dann besteht die normale Reaktion in einem Wegducken oder man versucht sich durch das Heben der Hände vor den Schlägen zu schützen. Das heißt eben passiv zu bleiben. Sich aufzurichten, den Rücken durchzudrücken und dem anderen die andere Wange hinzuhalten, ist die Forderung ernstgenommen zu werden, für seine Menschenwürde einzutreten. Das konnte einen durchaus in die Gefahr bringen, dass dieser Widerstand dann mit umso härteren Mitteln zu brechen versucht wurde. Dieses Hinhalten der anderen Wange erfordert also Mut und Aktivität, bringt ein Bekenntnis zum Ausdruck. Deswegen sah Gandhi die Satyagraha auch nicht als ein Werkzeug eines Schwachen an, sondern der geistig und moralisch Stärksten.

    Ende Erster Teil

    AntwortenLöschen
  3. Anfang Zweiter Teil

    In den Zeiten meiner Kindheit war das körperliche Züchtigen von Kindern noch gang und gäbe und gesellschaftlich akzeptiert. Als ich als Vier- oder Fünfjähriger von meiner Mutter geschlagen wurde, habe ich mich aufgerichtet, den Rücken durchgedrückt und ihr gesagt, dass wenn sie mich noch einmal schlagen würde, ich kein einziges Wort in meinem Leben mehr mit ihr reden würde. Es war das letzte Mal gewesen, dass sie mich geschlagen hat, obwohl mein fünfeinhalb Jahre älterer Bruder noch Schläge zu erdulden hatte, bis er dann mit 18 von Zuhause auszog.

    Auch in der Schule haben sich die Lehrer, die mich versucht haben zu brechen, die Zähne an mir ausgebissen, bis sie eingesehen haben, dass mein Widerstand nicht zu bezwingen ist. Ich habe ihnen klargemacht, dass ich mich keiner anderen Macht beuge, als der Wahrheit und der Vernunft. Irgendwann haben sie alle eingesehen, dass man mir mit Argumenten kommen kann, aber nicht mit Drohungen oder Strafen.

    Viele Eltern haben ja auch ein Problem mit der Emanzipierung ihrer Kinder und betrachten sich lebenslang als übergeordnete Autoritäten über ihre Kinder. Denen, die mit solcher Übergriffigkeit der Eltern zu kämpfen haben, gebe ich gern zur Empfehlung, dass sie ihren Eltern sagen sollten, dass man zwar sein Leben lang Sohn oder Tochter bliebe, aber man bliebe nicht sein Leben lang Kind.

    Wer sich nur wegduckt oder klaglos misshandeln lässt, tritt seine eigene Menschenwürde mit Füßen. Eigenverantwortung und Selbstermächtigung erfordern ein klares Bekenntnis zu sich selbst. Die Widerstandsbereitschaft mit Gewaltlosigkeit zu kombinieren, ist nicht Ausdruck von Schwäche, sondern Stärke und bringt Meisterschaft zum Ausdruck.

    AntwortenLöschen
  4. „ Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin“

    Dies bedeutet die Gewaltspirale zu durchbrechen, das erfordert Stärke, Intelligenz und Nichtanhaftung.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Nichts ist falsch an einem Aufruf zur Gewaltlosigkeit und einem Versuch der Durchbrechung einer Gewaltspirale. Aber in diesem Falle wäre es angemessen, statt von der „rechten“ Wange von „einer“ oder „der“ Wange zu sprechen. Was gilt dann für den Fall, dass man auf die linke Wange geschlagen würde?

      Löschen

Bei Kommentaren bitten wir auf Formulierungen mit Absolutheitsanspruch zu verzichten sowie auf abwertende und verletzende Äußerungen zu Inhalten, Autoren und zu anderen Kommentatoren.

Daher bitte nur von Liebe erschaffene Kommentare. Danke von Herzen, mit Respekt für jede EIGENE Meinung.