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2026-07-19

DAS GLEICHNIS VOM TROPFEN von Uta Weise nacherzählt von Otfried Weise



Ein verirrter Tropfen aus dem weiten Himmel
findet Aufnahme im wogenden Meer,
fühlt sich weit und groß,
wiegt und hüpft mit den Wellen,
blinkt und glitzert schelmisch,
gischt und spült ihn an den Strand.

Dort erschrickt er,
fast berührt der heiße Odem der Sonne
seine verwundbare Haut.

Zischend weicht er zurück,
huscht und gleitet mit leisem Schsssss
in die kühle Umarmung der Tiefe.

Dort rauscht das Wasser:
schschsch... sch sch... schschsch
Muscheln flüstern,
Tang wiegt sich wispernd,
und ferne Strömungen summen
uralte Lieder von Wind, Salz und Meer.

Der Tropfen lauscht,
vergisst den Fall aus den Wolken,
vergisst das AllEinsSein mit dem Himmel.

Jede Welle nimmt ihn erneut auf,
jede Strömung erzählt ihm
von Monden, Gezeiten und Sternennächten.

Er tanzt im Schäumen der Brandung,
sprüht silbern im Atem des Windes,
platscht gegen schlafende Felsen,
klatscht, klirrt, perlt und springt.

Ein winziges Herz
im unendlichen Pulsschlag des Meeres.

Doch immer wieder
streckt die Sonne ihre goldenen Finger aus,
lockt mit flimmerndem Licht,
mit funkelnden Versprechen.

Der Tropfen bebt, bäumt sich auf,
zittert im gläsernen Glanz,
er weiß,
Licht wärmt
und löst auf.

So flieht er zurück
in unendliche Tiefe,
in dunkle Geborgenheit,
wo das Blau ins Schweigen sinkt
und das Schweigen selbst zu klingen beginnt.

Dort ist er unauflösbar verbunden
mit Neptuns unergründlicher Seele,
ist Strömung und Stille zugleich,
ein kaum hörbares Raunen,
ein ewiges Rauschen,
ein tiefes Brausen,
das seit Ewigkeiten die Küsten umarmt.

Und wenn heute die Wellen
flüsternd den Strand umspülen und liebkosen,
mit einem Schschsch, einem Plitsch, einem Platsch,
wenn Gischt wie lachende Perlen zerstäubt
und das Meer im Abendlicht atmet,
dann erzählt jede Woge
vom kleinen Tropfen,
der einst vom Himmel fiel,
und mit dem Meer verschmolz
und erkannte:
Nicht die Größe macht unendlich,
sondern die Hingabe
an den ewigen Klang des Wassers.

Quelle: Otfried Weise

2 Kommentare:

  1. Ein anmutiger Tropfen 😘
    Ich danke dir dafür, lieber Otfried 💖

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  2. Danke lieber Otfried!
    Vor Jahren hab ich ähnliche Gedanken über den Weg des Wassers niedergeschrieben:

    Der Weg des Wassers

    Zwischen Gestein an versteckter Stelle
    sprudelt das Wasser als klare Quelle.
    Kraftvoll tritt es zwischen den Felsen hervor,
    es bricht sich ans Licht sein eigenes Tor.

    Und hat es dieses Werk vollbracht,
    sich Eintritt in unsere Welt verschafft,
    so stürzt es schäumend mit großer Kraft
    wild tosend über Felsen hinab,
    fließt brodelnd unter manchem Steg,
    sucht unbeirrt sich seinen Weg.

    Mühsam ist dieses erste Stück,
    doch endlich ist es geschafft, zum Glück.
    Nun ist unser Wasser zum Bach geworden,
    hat sich etwas mehr Sanftheit erworben.
    Ohne sein jugendliches Ungestüm
    fließt es durch schattige Wälder dahin.

    Frisch und sauber sprudelt es daher
    und stillt den Durst der Wanderer.
    Mensch und Tier sich am Bach erquicken,
    freundlich in sein klares Wasser blicken.
    Manch einer lässt sich an seinem Ufer nieder,
    erfrischt mit ihm die müden Glieder.

    Kinder schicken ihre Schiffe auf die Reise,
    der Bach nimmt sie mit – freundlicherweise.
    Auch die Tiere stecken ihre Nasen hinein,
    Durst hat schließlich nicht nur der Mensch allein.
    Verborgen in seinem kühlen Nass
    haben die Fische ihren Spaß.

    Doch weiter rauscht unser Bach seiner Wege,
    Brücken ersetzen nun die früheren Stege,
    verbinden die grünen Wiesen voller Saft,
    umströmt vom Wasser mit sanfter Kraft.

    Andere Bäche still und heiter
    fließen in ihn und er trägt sie weiter.
    So wächst er, unser Bach, und wird zum Schluss
    ein kraftvoll dahinströmender mächtiger Fluss.

    Viele Städte muss er dabei durchqueren,
    auf seinem Wasser große Schiffe verkehren.
    Wieder nimmt er andere Flüsse auf
    und vereinigt seinen mit ihrem Lauf.

    Er wächst und gedeiht und wird zum Strom,
    auf sein Ufer herab schaut manch prächtiger Dom.
    Kraftwerke werden in seinem Bett gebaut,
    mächtige Turbinen dröhnen laut.

    So zieht er dahin durch Stadt und Land
    unaufhaltsam, als glänzendes Band.
    Dann – eines Tages ist es soweit,
    er vereinigt sein silbern glänzendes Kleid
    mit dem tiefen Blau des Ozeans
    und weiß genau – nun bin ich dran.

    Mein Ziel war dieses große Meer –
    und es fällt ihm gar nicht schwer,
    sich mit dieser Flut zu verbinden
    und in ihr seine Ruhe zu finden.

    Doch irgendwann steigt er hervor
    als Dunst und schwebt zum Himmel empor,
    von wo er als Tropfen zur Erde fällt
    und wird so wieder an den Anfang gestellt.

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