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2026-08-23

Otfried Weise: DER OUROBORUS UND DIE BEDEUTUNG DES SONNENBLITZES


Das Bild vom Ouroboros lässt sich sehr schön als Symbol einer letzten, paradoxen Vollendung deuten: Die Schlange berührt nicht einfach ihren Schwanz, sie wird zu ihrem eigenen Anfang wie Ende zugleich. Was zunächst wie ein Kreis aussieht, kann als Bewegung aus der Trennung zurück in die Einheit verstanden werden.

Der „ultimative Sonnenblitz“ ist jener Augenblick, in dem nichts mehr außerhalb von uns gesucht werden muss. Der Suchende, das Gesuchte und der Weg verschmelzen miteinander. Die Schlange erkennt: Ich bin nicht nur der Kreis.

ICH BIN ALLES

DER OUROBORUS ALS ERLEUCHTUNGSMETAPHER

Viele Weisheitstraditionen kennen dieses Motiv, auch wenn sie es unterschiedlich ausdrücken:

• Im Daoismus ist das Tao nicht ein Sieg des Einen über das Andere, sondern die lebendige Harmonie von Yin und Yang. Das Gegensätzliche gehört zusammen.

• Im Buddhismus führt der Weg nicht zu einem verbesserten Ego, der Buddhist durchschaut die feste Vorstellung eines getrennten Ichs. Der Kreis der Anhaftung verliert seine Macht.

• In der Advaita-Vedanta-Tradition findet sich die radikale Erkenntnis: Atman und Brahman sind nicht zwei, sie sind EINS. Derjenige, der nach dem Göttlichen sucht, entdeckt letztlich das Göttliche als seinen eigenen tiefsten Urgrund in sich selbst.

• Im Christentum kann man die Kreuzigung und Auferstehung ebenfalls als ein Paradox von Tod und Leben verstehen: Das vermeintliche Ende wird zum Durchgang in eine andere Seinsebene.

• Und in der Alchemie wurde der Ouroboros geradezu zum Bild des Einen, das aus sich selbst hervorgeht und in sich selbst zurückkehrt.

ERLEUCHTUNG IST DAS ERWACHEN, WAS IN UND AUSSERHALB DES KREISES SCHON IMMER GEGENWÄRTIG

Die südafrikanische weise Frau Kerry K beschreibt ihre Arbeit selbst nicht als das Vermitteln neuer Informationen, sondern als „Aktivierung“ und Rückkehr in die eigene Präsenz. Sie betont, dass es nicht darum gehe, ihr zu folgen oder von ihr Antworten zu beziehen, sondern die eigene Weisheit in sich wiederzuerkennen und voll zu verwirklichen.

Dies folgt direkt aus der Ouroboros-Metapher:
Wenn der Mensch immer wieder fragt:
„Wann kommt endlich die Erleuchtung?“
erschafft er bereits eine Trennung:
Ich hier - Erleuchtung dort.
Ich jetzt - Vollkommenheit später.

Kerry K. betont: Sei dort, wo du bist. Fühle, was JETZT IST. In einem ihrer Texte beschreibt sie Präsenz, Verbindung wie Stille als Weg aus dem übermäßigen Denken in eine unmittelbarere Erfahrung des Herzens.

Das illustriert den Ouroboros in menschlicher Gestalt:
Die Suche nach Hause führt zurück zu dem Ort, an dem die Suche begann.

DER SONNENBLITZ
Man könnte ihn als den Moment verstehen, in dem die Sonne nicht auf die Schlange scheint, sondern plötzlich aus ihrem Inneren kraftvoll herausleuchtet.

„Die Erleuchtung muss nicht gefunden werden“
sondern:
„Ich erkenne, dass diejenige Instanz, die finden wollte, selbst die Illusion der Trennung aufrecht erhält.“

Auch Kerrys Aussage vom Erwachen, vom Ablegen der „dichten Matrix“ und von der Rückkehr zur eigenen Göttlichkeit ist ein passendes Bild. Sie beschreibt Spiritualität als etwas, das erfahren und verkörpert wird, nicht als ein System von Vorstellungen.

Und Kerry betont:
Veränderung geschieht erst dann, wenn ich dort bin, wo ich bin und es so ist, wie es ist.“
Das ist beinahe eine moderne Meditation über den Ouroboros.
Denn solange ich gegen das "Jetzt" kämpfe, befinde ich mich in der Trennung.

DIE FINALE BALANCE
Die finale Balance ist nicht ein Zustand, in dem es keine Dunkelheit mehr gibt.
Sie ist vielmehr ein Zustand, in dem Licht und Dunkelheit nicht länger Gegensätze sind, um ihre Existenz zu rechtfertigen:
Tag wie Nacht,
Einatmen wie Ausatmen,
Geburt wie Tod,
Werden wie Sein,
wie die Schlange, die ihren eigenen Schwanz berührt.
Der Schwanz ist das Ende und zugleich der Kopf, der ihn erreicht.
Anfang und Ende schauen einander ins Gesicht und erkennen: Wir sind nie zwei, wir sind EINS.
Und genau darin liegt das Geheimnis des „finalen Sonnenblitzes“:
Die letzte Tür öffnet sich nicht nach außen,
sie öffnet sich nach innen.
Der Suchende läuft bis an das Ende des Weges
und findet dort seine eigenen Fußspuren.
Er sucht Gott im Himmel,
in den Sternen, in den Meistern, in den alten Schriften
und plötzlich wird es still.
Denn die Sonne, der er entgegenlief,
hat die ganze Zeit aus seinem eigenen Herzen geleuchtet.
Die Schlange schließt den Kreis,
der Anfang küsst das Ende,
das Ende gebiert den Anfang.
Und für einen zeitlosen Augenblick
gibt es niemanden mehr, der irgendwohin gelangen müsste.
EINFACH SEIN
PRÄSENT SEIN
DAS EINE DAS SICH SELBST ERKENNT

Quelle: Otfried Weise

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