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2026-08-08

Otfried Weise: EILE MIT WEILE...


...beinhaltet scheinbar einen Widerspruch: vorwärtsgehen, ohne sich zu hetzen. Darin steckt eigentlich schon die ganze Botschaft.

Eile mit Weile bedeutet nicht, langsam oder untätig zu sein. Es bedeutet, ohne innere Hast zu handeln. Ich darf entschlossen voranschreiten und zugleich bei mir bleiben.

Es bedeutet, dem eigenen Weg zu vertrauen und zugleich den Augenblick nicht zu versäumen.

Ein erfülltes Leben braucht keine ständige Beschleunigung. Ich muss nicht alles gleichzeitig tun, nichts erzwingen und mich selbst auch nicht unter Druck zu setzen. Ich gehe Schritt für Schritt, gebe jeder Aufgabe meine ungeteilte Aufmerksamkeit und lasse sie möglichst zu Ende kommen, bevor ich mich dem Nächsten zuwende.

Präsenz ist dabei der Schlüssel. Wenn ich wirklich bei dem bin, was ich gerade tue, entsteht eine andere Qualität des Handelns. Körper, Verstand und Emotion sind nicht voneinander getrennt. Ich nehme wahr, was in mir geschieht, achte auf meine Kräfte und lege rechtzeitig Pausen ein. Gerade dadurch kann der schöpferische Fluss ohne Hektik erhalten bleiben. Er entsteht aus Gegenwärtigkeit.

Heute ist der einzige Ort, an dem mein Leben wirklich stattfindet.

Multitasking kann den Eindruck erwecken, besonders viel zu leisten. Doch oft zerstreut es nur die Aufmerksamkeit. Der Verstand springt von einem Gedanken zum nächsten, während der Körper längst nach Ruhe verlangt. So entsteht Hektik und aus dauernder Hektik, Krankheit.

Heilsam ist es dagegen, BEOBACHTER dessen zu sein, was ich gerade tue. Ein Mensch, der seinen Garten pflegt, kann in Gedanken schon beim nächsten Termin sein und dabei die Erde unter seinen Händen, den Duft der Pflanzen und der Früchte übersehen. Er kann aber auch einfach PRÄSENT sein: bei der Erde, bei den Pflanzen, bei seinem Atem. Die gleiche Tätigkeit bekommt dadurch eine völlig andere Qualität.

Wenn ich esse, esse ich. Wenn ich gehe, gehe ich. Wenn ich mit einem Menschen spreche, bin ich wirklich bei ihm. Wenn ich arbeite, gebe ich meiner Arbeit meine volle Aufmerksamkeit. So wird selbst etwas Alltägliches zu einer bewussten Handlung.

Darin liegt das Geheimnis des Glücks:

PRÄSENT SEIN IST ALLES

Bewusstes Handeln ist segensreich, weil es mich wieder mit mir selbst verbindet. Ich frage mich: Bin ich wirklich bei dem, was ich tue? Will ich das, was ich gerade tue? Dient es mir? Oder laufe ich nur einer Gewohnheit, einer Erwartung oder einer Angst hinterher?

SELBSTLIEBE, ich achte mich selbst und ich lerne, das zu lieben, was ich tue oder ehrlich genug zu sein, es sein zu lassen. Nicht alles muss erledigt werden. Nicht jede Aufgabe, nicht jede Beziehung, nicht jedes Vorhaben muss um jeden Preis fortgesetzt werden. Manchmal besteht Weisheit gerade darin, innezuhalten und zu erkennen: Das ist nicht mehr mein Weg.

Selbstliebe ist dabei kein Egoismus. Sie ist ein Segen. Wer sich selbst annimmt, muss sich nicht ständig gegen sich selbst behaupten. Wer sich selbst mit Wohlwollen begegnet, braucht seine innere Unzufriedenheit weniger an anderen auszulassen.

Ein Mensch, der sich selbst nicht leiden kann, kann seine Umgebung unbewusst zum Schauplatz seines eigenen inneren Kampfes machen. Der alte Mann, der seine Familie schikaniert, könnte ein solches Negativbeispiel sein: Vielleicht verlangt er von den anderen Anerkennung, Achtung oder Liebe, die er sich selbst nie geben konnte. Seine Härte nach außen verbirgt eine Unversöhnlichkeit mit sich selbst, Mitgefühl ist angesagt.

Doch auch hier beginnt Heilung nicht mit dem Kampf gegen sich selbst. Sie beginnt mit dem ehrlichen Hinschauen und Annehmen.

SELBSTANNAHME bedeutet: Ich sehe mich, wie ich bin und muss mich nicht vor mir selbst verstecken, mit meinen Stärken und Schwächen, meinen Ängsten, meinen Widersprüchen und meinen ungelebten Möglichkeiten. Ich muss nichts schönreden, aber ich muss mich auch nicht verurteilen, Selbstannahme bedeutet: Daraus können Gleichmut, innere Ruhe und echte Veränderung entstehen.

Nicht alles muss mich aufwühlen. Nicht jede Provokation verlangt eine Antwort. Nicht jeder Gedanke verdient meine Aufmerksamkeit. Ich kann lernen, zwischen einem Ereignis und meiner Reaktion darauf, einen kleinen Raum entstehen zu lassen. In diesem Raum liegt Freiheit, aus Reaktion wird Aktion.

Je besser ich mich selbst kennenlerne, desto weniger muss ich vor mir davonlaufen. Und je weniger ich vor mir davonlaufe, desto ruhiger werde ich.

So bekommt „EILE MIT WEILE“ eine tiefere Bedeutung:

Ich erlaube mir voranzuschreiten, ohne mich zu hetzen.

Ich erlaube mir, innezuhalten, ohne stehen zu bleiben.

Ich erlaube mir, Pausen zu machen und fokussiere trotzdem mein Ziel.

Ich erlaube mir, langsam zu sein, ohne Hektik.

Ich erlaube mir, entschlossen zu sein, ohne etwas erzwingen zu wollen.

Ich gehe meinen Weg, Schritt für Schritt.

Quelle: Otfried Weise

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