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2026-09-26

Klaus Praschak: Wenn Gott das Leid nicht verhindert


Wie kann eine liebende göttliche Kraft zusehen, wenn Menschen leiden?

Diese Frage beschäftigt derzeit viele Menschen. Und ich glaube, dass wir ihr nur näherkommen können, wenn wir zunächst unsere Vorstellung davon hinterfragen, wer oder was Gott für uns eigentlich ist. Ich durfte Gott erfahren als keine äußere Autorität, die irgendwo außerhalb von uns steht, über unser Leben wacht und entscheidet, wann sie eingreift und wann nicht. So glaube ich auch nicht, dass Gott für das Leid der Menschen verantwortlich ist. Vielmehr entsteht ein großer Teil des menschlichen Leids dort, wo der Mensch seine innere Verbindung zu Gott verliert und sich immer stärker von äußeren Autoritäten, Vorstellungen und Machtstrukturen bestimmen lässt. Wir haben uns im Laufe unserer Entwicklung Systeme geschaffen, die auf Trennung beruhen: auf Haben und Nichthaben, Macht und Ohnmacht, Überlegenheit und Unterordnung, Angst und Kontrolle. Und wenn der Mensch sein eigenes inneres Wissen nicht mehr wahrnimmt, sucht er Orientierung zunehmend im Außen. Er ordnet sich Autoritäten unter und übernimmt Vorstellungen, die ihn immer weiter von seiner eigenen inneren Wahrheit entfernen können.

So entsteht ein Bewusstseinsfeld, in dem Leid nicht deshalb geschieht, weil Gott es will, sondern weil der Mensch sich selbst und den anderen immer wieder aus der Verbundenheit an äußere Strukturen heraus betrachtet. Deshalb sehe ich auch den freien Willen als etwas sehr Kostbares. Gott nimmt dem Menschen nicht ständig die Folgen seines Handelns ab. Würde jede Konsequenz unseres Denkens, Fühlens und Handelns sofort verhindert, würden wir vielleicht nie wirklich erkennen, was Trennung hervorbringt und was Verbundenheit bewirkt. Der Mensch unserer Zeit legt sein Leben nur noch selten wirklich in Gottes Hand. Er sucht Sicherheit, Orientierung und Zugehörigkeit zunehmend im Außen und ordnet sein Leben den Strukturen unter, die seine Welt bestimmen: wirtschaftlichen Interessen, gesellschaftlichen Erwartungen, politischen Systemen, Leistungsdenken und dem ständigen Streben nach Anerkennung und Sicherheit. Dabei geschieht etwas Entscheidendes, nämlich aus dem Selbst, das sein Leben aus einer inneren Verbindung zu Gott empfängt, wurde immer mehr ein Ich, das sich über das definiert, was es besitzt, leistet, erreicht oder im Außen darstellt. Dieses Ich muss ständig funktionieren. Es muss sich absichern, vergleichen, behaupten und anpassen. Und je stärker es sich von äußeren Bedingungen abhängig macht, desto größer wird auch seine Angst, etwas zu verlieren.

Ich sehe eine tiefere Ursache für einen Teil des menschlichen Leidens nicht darin weil Gott sich vom Menschen abgewandt hätte, sondern weil der Mensch vergessen hat, woher sein eigentliches Leben kommt. Er sucht Halt bei den Mächten dieser Welt und wundert sich, dass er dabei seine innere Freiheit verliert. Gott aber ist für mich keine weitere Machtstruktur, der wir uns unterwerfen sollen. Gott ist für mich jene Liebe, die uns aus dieser Abhängigkeit wieder in unser eigentliches Sein führen kann. Ich muss mein Leben nicht selbst hervorbringen, denn die göttliche Gnade besteht darin, dass wir für einen Augenblick erfahren dürfen.... Ich muss mein Leben nicht allein aus meinem persönlichen Ich heraus tragen und gestalten. Ich darf mich wieder für jene göttliche Kraft öffnen, aus der mein Leben seine eigentliche Tiefe und seinen Sinn empfängt.

Für einen Menschen, der sein Leben ausschließlich zwischen Wiege und Grab versteht, muss es unbegreiflich erscheinen, warum Gott zulässt, dass z. B. bei Katastrophen so viele Menschen sterben. Denn wenn mit dem Tod das Leben endgültig endet, dann bleibt tatsächlich die Frage: Warum greift eine liebende göttliche Macht nicht ein?

Doch was, wenn das Grab nicht das Ende des Lebens ist?

Für mich endet Leben nicht mit dem Tod des Körpers. Der Körper gehört zu unserer irdischen Erfahrung, aber der Geist, der ihn belebt, reicht über diese körperliche Existenz hinaus. Der Tod ist nicht das Ende, sondern ein Übergang in eine andere Form des Seins. Aus dieser Perspektive verändert sich auch unser Blick auf das Sterben. Es bedeutet nicht, dass der Tod dadurch weniger schmerzhaft wird. Der Verlust eines geliebten Menschen bleibt für die Zurückbleibenden real und schmerzhaft. Aber wir sollten den Tod nicht ausschließlich als Auslöschung verstehen. Ich kann mir vorstellen, dass eine Seele ihre Entwicklung nicht ausschließlich hier auf der Erde vollzieht, denn es gibt Erfahrungen und Entwicklungsräume jenseits unseres körperlichen Daseins, die wir mit unserem begrenzten menschlichen Bewusstsein überhaupt nicht erfassen können. Und so gibt es auch Situationen, in denen die weitere Entwicklung einer Seele im Jenseitigen sinnvoller oder unmittelbarer möglich ist als in ihrem gegenwärtigen körperlichen Leben. Was uns wie ein sinnloses Ende erscheint, ist aus einer höheren Perspektive lediglich ein Übergang oder eine Metamorphose. Auch der Gedanke, dass es Zeiten gibt, in denen ganze Völker von schwerem Leid oder Katastrophen betroffen sind, lässt sich aus dieser Sicht anders betrachten, denn es gibt Entwicklungsprozesse, die nicht allein innerhalb einer irdischen Existenz vollzogen werden können. Menschen kehren nach ihrem Tod in jene geistige Wirklichkeit zurück, aus der sie gekommen sind, und bereiten sich – wenn es ihrer Entwicklung entspricht – auf eine weitere Erfahrung im Körper vor.

Ich behaupte nicht, dass wir das Schicksal eines einzelnen Menschen auf diese Weise erklären können. Dafür wissen wir zu wenig. Und gerade angesichts eines konkreten Todes wäre es vermessen, einem trauernden Menschen sagen zu wollen, warum seine geliebte Person gehen musste. Aber wenn wir Leben nicht auf die Zeit zwischen Wiege und Grab begrenzen, verändert sich die Frage vielleicht grundlegend. Dann lautet sie nicht mehr nur, warum lässt Gott zu, dass Menschen sterben? Sondern die Frage lautet, was wissen wir eigentlich über das Leben, das über unseren körperlichen Tod hinausreicht?“

Ich könnte noch vieles zu diesem Thema schreiben. Je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir, wie vielschichtig die Zusammenhänge sind. Wahrscheinlich könnte man allein darüber ein ganzes Buch schreiben – und selbst dann wären längst nicht alle Fragen beantwortet.

Aber eines bin ich mir sicher, jetzt ist nicht mehr die Zeit, die Schuld für das Leid der Menschen bei Eliten, Politikern, gesellschaftlichen Systemen oder letztlich sogar bei Gott zu suchen. Denn jetzt ist die Zeit, dass wir als Menschheit beginnen, in unsere eigene Verantwortung und Selbstermächtigung zu kommen. Nicht im Sinne eines „Wir können alles allein“, sondern in dem Bewusstsein, dass wir selbst daran beteiligt sind, welche Kräfte durch uns in diese Welt gelangen. Wir können weiterhin Angst, Trennung, Schuldzuweisung und Macht nähren – oder beginnen, aus Liebe, Wahrhaftigkeit, Mitgefühl, Freiheit und innerer Verbundenheit zu leben. Und ich glaube, dass wir auf diesem Weg nicht allein sind. 

In meinem eigenen Leben habe ich immer wieder erfahren, dass sich etwas öffnete, wenn ich bereit war, mich dieser geistigen Wirklichkeit anzuvertrauen. Ich nenne jene Kräfte, die mich dabei begleitet haben, geistige Helfer. Für mich sind sie eine erfahrbare Wirklichkeit und sie uns weit näher, als wir denken. Sie warten nicht darauf, dass wir sie irgendwann vollkommen verstehen, sondern lediglich darauf, dass wir uns für ihre Unterstützung öffnen. Und damit beginnt eine neue Form menschlicher Entwicklung, indem wir nicht mehr darauf warten, dass jemand – ein Politiker, eine Elite, ein System oder sogar Gott – unsere Welt für uns verändert, sondern selbst zu dem Menschen zu werden, durch den Veränderung geschehen kann. Das ist die eigentliche Selbstermächtigung, zu erkennen, dass wir nicht machtlos sind – und dass wir dabei trotzdem nicht allein sind.

Klaus Praschak

Bild: printerest. de

Quelle: Klaus Praschak

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