2026-07-09

Klaus Praschak: „Nur die Liebe ist die wahre Macht“


Vor knapp 2000 Jahren, nämlich in den Jahren 54 bis 56 n. Chr., schrieb Paulus seinen ersten Brief an die Korinther. Besonders das 13. Kapitel hat bis heute nichts von seiner Kraft und Aktualität verloren. Im Gegenteil – ich glaube, dass seine Worte heute wichtiger sind denn je. Denn nie war es bedeutsamer, die Liebe nicht nur mit dem Verstand zu verstehen, sondern sie im Herzen zu erfahren und im Alltag zu leben.

Paulus beschreibt die Liebe nicht als Gefühl, das kommt und geht. Er spricht von einer Wirklichkeit, die den Menschen von innen her verwandelt. Deshalb schreibt er: „Die Liebe ist langmütig und freundlich. Die Liebe eifert nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf.“ Er beschreibt keine moralischen Forderungen, sondern die Früchte eines Herzens, das sich der göttlichen Liebe geöffnet hat.

Gerade in einer Zeit, in der wir täglich mit Meinungen, Bewertungen und Spaltungen konfrontiert werden, erinnern uns diese Worte daran, worauf es wirklich ankommt. Wir können über unermessliches Wissen verfügen, außergewöhnliche spirituelle Erfahrungen machen oder beeindruckende Erkenntnisse besitzen – wenn die Liebe nicht unser Denken, Fühlen und Handeln durchdringt, bleibt das Wesentliches unvollendet.

Paulus macht uns genau darauf aufmerksam, denn die Liebe ist nicht nur eine Eigenschaft Gottes - sie ist seine Gegenwart. Dort, wo sie unser Herz berührt, beginnt sich unser Bewusstsein zu wandeln. Dann verlieren Angst, Rechthaberei und das Bedürfnis, uns über andere zu stellen, allmählich ihre Macht.

Nach meinen mystischen Erfahrungen ist die Liebe nicht etwas, das wir selbst hervorbringen können. Sie ist eine Gnade, der wir uns öffnen dürfen. Je mehr die Schleier unseres Egos fallen, desto freier kann diese Liebe durch uns hindurch in die Welt wirken.

Es ist das tiefste Geheimnis des 13. Kapitels. Paulus lädt uns nicht ein, eine Vorstellung von Liebe zu entwickeln. Er lädt uns ein, selbst zu einem Ausdruck dieser Liebe zu werden. Denn am Ende unseres Weges wird nicht entscheidend sein, wie viel wir wussten oder glaubten, sondern wie sehr wir der Liebe Gottes Raum gegeben haben. Und so klingen seine abschließenden Worte heute noch eindringlicher als damals: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Denn die Liebe ist die einzige Wirklichkeit, die niemals vergeht. Sie war vor uns da, sie trägt uns durch dieses Leben, und sie wird uns auch dann noch empfangen, wenn alle Schleier gefallen sind.

„Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“

Die tiefste Dunkelheit erleben wir oft dort, wo wir uns ohnmächtig fühlen und glauben, von äußeren Mächten, Umständen oder Entscheidungen bestimmt zu werden. Kaum ein Bereich unseres materiellen Lebens scheint davon unberührt zu bleiben.

Doch selbst in der tiefsten Finsternis bleibt der göttliche Funke gegenwärtig. Er ist das Licht der Liebe, das niemals erlischt. Oft verborgen unter den Schleiern der Angst und des Getrenntseins, wartet er darauf, wieder erkannt zu werden.

Ein einziger Augenblick wahrer Erkenntnis kann genügen, damit dieses Licht unser Bewusstsein durchdringt und alles zu verwandeln beginnt. Denn die Liebe kämpft nicht gegen die Finsternis - sie offenbart sich, und die Finsternis verliert ihre Macht.

Sei gewiss, nicht die Dunkelheit ist die stärkste Kraft, sondern die Liebe. Sie ist der göttliche Funke in jedem Menschen, der jederzeit bereit ist, unser Herz zu entzünden und uns daran zu erinnern, dass wir niemals außerhalb der Gegenwart Gottes gewesen sind.

Den Pfad der göttlichen Liebe zu gehen, kann im Alltag ein schmaler, manchmal auch einsamer Weg sein. Nicht weil die Liebe trennt, sondern weil sie uns Schritt für Schritt aus den gewohnten Denk- und Verhaltensmustern herausführt. Vieles, was die Welt für wichtig hält, verliert an Bedeutung. Gleichzeitig gewinnen Stille, Hingabe, Mitgefühl und die innere Verbundenheit mit Gott immer mehr an Tiefe. Wer diesen Weg geht, wird nicht immer verstanden. Manchmal stößt er auf Unverständnis, Ablehnung oder Spott und das geschieht nicht weil er sich über andere erhebt, sondern weil seine Orientierung eine andere geworden ist. Er sucht immer weniger Bestätigung im Außen und immer mehr die Nähe Gottes im Inneren.

Doch gerade in diesen Augenblicken der Einsamkeit geschieht etwas Wunderbares. Der Mensch entdeckt, dass er niemals wirklich allein ist. Dort, wo die äußeren Sicherheiten schwinden, wächst eine tiefere Gewissheit. Es ist, als würde die Liebe Gottes selbst zu einem stillen Begleiter werden, der jeden Schritt mitgeht. Es ist wohl die größte Herausforderung dieses Weges, der Liebe treu zu bleiben, auch wenn sie nicht verstanden wird. Denn die göttliche Liebe sucht keine Zustimmung. Sie möchte gelebt werden. Und irgendwann erkennen wir: Der schmale Weg war niemals ein Weg der Einsamkeit. Er war der Weg zurück nach Hause - in eine Liebe, die uns von Anfang an getragen hat.

Klaus Praschak

Quelle: Klaus Praschak

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