Von: Jason Gray
23.09.2026 (6026 A.L.)
10:49 Uhr (GMT-6)
#WINNIPEG, #MANITOBA, #KANADA
Ich habe viele Gespräche mit Gott geführt.
Manche davon würden wahrscheinlich kaum wie ein Gebet klingen.
Manche fanden in der Stille statt.
Manche unter Tränen.
Manche, als ich wütend war.
Manche bestanden aus einem einzigen Wort, das immer und immer wiederholt wurde.
Warum?
Warum?
Warum?
Warum?
Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen ich mich wirklich allein gefühlt habe.
Nicht körperlich allein.
Ich genieße es eigentlich, körperlich allein zu sein.
Ich meine die andere Art des Alleinseins.
Jene Art, bei der man von Menschen umgeben sein kann und sich dennoch fühlt, als gäbe es irgendwo im Inneren eine riesige Leere, die niemand sonst erreichen kann.
Ich habe einmal jemanden sagen hören, es sei ein Loch in der Seele.
Etwas, das fehlt.
Etwas, das wir zu füllen versuchen, indem wir einen enormen Teil unseres Lebens darauf verwenden.
Manche füllen es mit Geld.
Manche mit Beziehungen.
Manche mit Arbeit.
Manche mit Sex.
Manche mit Erfolgen.
Manche mit Aufmerksamkeit.
Manche mit Religion.
Manche mit Besitztümern.
Manche mit ständigem Lärm, damit sie niemals lange genug stillsitzen müssen, um zu entdecken, dass dieses Loch da ist.
Ich entdeckte schon sehr früh etwas, das meine Leere zu füllen schien.
Alkohol.
Ich fing an zu trinken, als ich elf Jahre alt war.
Eine Zeit lang bewirkte der Alkohol etwas für mich, das ich selbst nicht zustande brachte.
Er veränderte mein Befinden.
Dann kamen schließlich Drogen ins Spiel.
Auch sie wirkten.
Bis sie es nicht mehr taten.
Das ist das Seltsame daran, wenn man versucht, ein Loch in der Seele mit etwas zu füllen, das außerhalb von einem selbst liegt.
Irgendwann stellt man fest, dass das Loch keinen Boden hat.
Man schüttet immer weiter Dinge hinein.
Mehr Alkohol.
Mehr Drogen.
Mehr Beziehungen.
Mehr Ablenkungen.
Von allem mehr – und schließlich wird genau das, womit man dem Schmerz entfliehen wollte, zu einer weiteren Quelle des Schmerzes.
Wenn all diese Dinge wegfallen, bleibt man schließlich mit sich selbst zurück.
Irgendwo in dieser Stille begann ich, mit Gott zu sprechen.
***
Die meiste Zeit meines Lebens habe ich nach oben geblickt, wann immer ich an Gott dachte.
Ich weiß nicht einmal genau, warum.
Wahrscheinlich, weil man es uns so beibringt.
Gott ist „da oben“.
Der Himmel ist „da oben“.
Wir richten den Blick zum Himmel, wenn wir beten.
Wir heben die Hände nach oben.
Wir stellen uns eine gewaltige Präsenz irgendwo hinter den Wolken vor, die auf diesen winzigen blauen Planeten herabblickt.
Also blickte ich dorthin.
Nach oben.
Auf der Suche nach Antworten.
Nach Zeichen.
Nach Hilfe.
Nach irgendeinem Hinweis darauf, dass jemand zuhörte – und manchmal?
Nichts.
Es gab Momente in meinem Leben, in denen ich mich völlig verlassen fühlte.
Momente, in denen ich mich fragte, wo Gott war.
Momente, in denen ich um Hilfe bat und keine Antwort erkennen konnte.
Momente, in denen ich darum flehte, dass sich Dinge ändern würden – und sie sich nicht änderten.
Momente, in denen ich mit ansehen musste, wie geliebte Menschen aus meinem Leben verschwanden.
Momente, in denen Beziehungen zerbrachen.
Momente, in denen ich Teile von mir selbst verlor, von denen ich dachte, ich würde sie nie wiederfinden.
Momente, in denen ich mich ernsthaft fragte ...
Wo bist du?
Wenn es dich gibt, wo bist du dann?
Wenn du zuhörst, warum antwortest du mir nicht?
Wenn du uns liebst, warum tut das so verdammt weh?
Auch solche Gespräche habe ich mit Gott geführt.
Ich glaube, wir machen manchmal den Fehler zu glauben, dass Gespräche mit Gott immer höflich sein müssen.
Meine waren das nicht.
Ich war wütend.
Verwirrt.
Dankbar.
Voller Angst.
Mit gebrochenem Herzen.
Voller Hoffnung.
Manchmal alles innerhalb desselben Gesprächs.
Irgendwann sagte mir jemand etwas, das meinen Blickwinkel völlig veränderte.
Man sagte mir, dass Gott in uns wohnt.
Das war etwas anderes, denn plötzlich lautete die Frage nicht mehr: „Wo ist Gott?“
Die Frage lautete nun: „Wohin habe ich eigentlich geblickt?“
***
In wenigen Tagen steht mein Geburtstag an.
Die große 52.
Geburtstage fühlen sich heute ganz anders an als früher, als ich noch jünger war.
Mein Vater starb im Alter von 53 Jahren.
Ich war 29.
In letzter Zeit denke ich über etwas nach, das ich zuvor nie wirklich in Betracht gezogen hatte. Als mein Vater in meinem Alter war, begann für ihn das letzte Jahr seines Lebens.
Er wusste das nicht.
Er konnte es auch gar nicht wissen.
Wahrscheinlich wachte er morgens auf und dachte, es gäbe noch ein weiteres Jahr.
Noch einen Geburtstag.
Noch einen Sommer.
Noch ein Weihnachtsfest.
Noch ein Gespräch.
Noch eine Gelegenheit, etwas zu sagen, das er bisher nicht ausgesprochen hatte.
Doch dazu kam es nicht mehr.
Es hat etwas ungemein Ernüchterndes, das Alter zu erreichen, in dem sich der eigene Vater kurz vor seinem Tod befand.
Die eigene Sterblichkeit ist plötzlich keine theoretische Angelegenheit mehr.
Ich sehe das Alter von 53 Jahren heute mit ganz anderen Augen.
Ich betrachte den heutigen Tag anders.
Ich habe schon früher über meine „Bucket List“ geschrieben und darüber, wie drastisch sie sich verändert hat.
Mit zwanzig ist eine solche Liste voller Reiseziele, Erlebnisse, Besitztümer und Abenteuer.
Dinge, die man sehen will.
Dinge, die man besitzen möchte.
Dinge, die man erreichen will.
Und mit fast 52?
Meine Liste ist unglaublich schlicht geworden.
Wenn ich ganz ehrlich bin, glaube ich sogar, dass sie so gut wie vollständig ist.
Nicht, weil ich alles schon erlebt hätte.
Bei Weitem nicht.
Es gibt Tausende von Orten, die ich noch nicht gesehen habe.
Tausende von Dingen, die ich noch nicht erlebt habe – doch irgendwann auf diesem Weg wurde mir klar, dass sich ein erfülltes Leben vielleicht nicht daran bemisst, wie viele Punkte man abgehakt hat.
...
Vielleicht misst es sich daran, ob man jemals herausgefunden hat, was einem wirklich wichtig ist.
Irgendwie, allen Widrigkeiten zum Trotz, habe ich etwas gefunden, das mir ungeheuer wichtig ist.
Das hier.
Das Schreiben.
Diese Worte in die Welt hinauszutragen.
Kleine Einblicke in meine Reise hier auf Erden mit Menschen zu teilen, denen ich vielleicht nie begegnen werde.
Etwas zu nehmen, das mir wehgetan hat, und es in Worte zu fassen, die vielleicht jemand anderem helfen, seinen eigenen Schmerz zu verstehen.
Eine Frage zu nehmen, die mich seit Jahrzehnten begleitet, sie Tausenden anderer Menschen zu stellen und zu fragen: „Geht es noch jemandem so?“
Damit ist einer meiner größten Träume wahr geworden – und das Seltsame daran ist, dass ich nie davon geträumt habe.
Ich habe nie um diese Aufgabe gebeten – oder vielleicht doch?
Vielleicht habe ich irgendwann auf meinem Weg genau darum gebeten, ohne mir dessen bewusst zu sein.
Vielleicht hat mich jeder Weg, den ich gegangen bin, irgendwie hierher geführt.
***
Es gibt noch einen Gedanken, der mir regelmäßig in den Sinn kommt.
„Gott führt dich nicht an einen Punkt, ohne dich auch hindurchzuführen.“
Ich weiß nicht, ob das universell wahr ist.
Ich maße mir nicht an, die Architektur des Leids zu verstehen.
Ich glaube nicht, dass ich wirklich eine Erklärung dafür habe, warum guten Menschen schreckliche Dinge widerfahren, und ich werde niemanden, der unerträglichen Schmerz erleidet, damit kränken, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht.
Manchmal tut das Leben einfach verdammt weh.
So viel weiß ich.
Ich hatte beileibe kein leichtes Leben, und ich weiß auch, dass es Menschen gibt, die Leid erfahren haben, das weit über alles hinausgeht, was ich ertragen musste.
Das hier ist kein Wettbewerb.
Schmerz braucht kein Rangsystem.
Deine tiefste Wunde schmerzt nicht weniger, nur weil irgendjemand anderswo eine noch tiefere Wunde hat.
Schmerz ist Schmerz.
Verlust ist Verlust.
Trauer ist Trauer, und Einsamkeit ist Einsamkeit.
Irgendwie bin ich immer noch hier.
Nach allem.
Immer noch hier.
Es gibt Tage, an denen ich mich frage, ob das die Antwort auf einige jener Gespräche ist, bei denen ich dachte, Gott würde nicht antworten.
Vielleicht war die Antwort keine Stimme.
Vielleicht war die Antwort nicht Gott, der aus den Wolken herabgreift und das Hindernis beseitigt.
Vielleicht war die Antwort die Kraft, einen weiteren Tag zu überstehen.
Und noch einen.
Und noch einen. Bis ich eines Tages zurückblickte und erkannte, dass ich irgendwie durch etwas hindurchgegangen war, von dem ich einst geglaubt hatte, es würde mich zerstören.
Vielleicht bedeutet es nicht, vor dem Schmerz bewahrt zu bleiben, wenn man durch etwas hindurchgeführt wird.
Vielleicht bedeutet dieses Hindurchgeführt werden manchmal, zu entdecken, dass der Schmerz nicht das letzte Wort hatte.
***
Jemand erzählte mir einmal etwas noch Seltsameres.
Man sagte mir, dass wir dieses Leben – bevor wir hierherkamen – im Grunde maßgeschneidert bestellt hätten.
Alles davon.
Den Liebeskummer.
Die Enttäuschung.
Den Verrat.
Die Angst.
Die Einsamkeit.
Die Menschen, die wir verlieren würden.
Aber auch das Lachen.
Die Freundschaften.
Die Hunde.
Die Lagerfeuer.
Die Sonnenaufgänge.
Die stillen Morgenstunden.
Die Momente, in denen man so sehr lacht, dass der Bauch wehtut.
Die Menschen, die unerwartet in das eigene Leben treten und es verändern.
Die Momente, in denen alles vollkommen still wird und sich das Leben für ein paar Sekunden absolut wunderbar anfühlt.
Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt.
Überhaupt keine.
Aber ich denke darüber nach.
Falls ich dieses Leben tatsächlich gewählt habe, bevor ich hier ankam, habe ich verdammt noch mal ein paar ernste Fragen an denjenigen, der mir das Bestellformular in die Hand gedrückt hat.
Vielleicht wird das eines meiner ersten Gespräche sein, wenn ich zurückkehre.
„Wirklich? Ich habe mir *das alles* ausgesucht?“
Vielleicht lautet die Antwort: „Ja. Und schau nur, was du daraus gemacht hast.“
Wer weiß.
Ich jedenfalls nicht.
Ich fühle mich zunehmend wohl dabei, diese Worte auszusprechen.
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nicht genau, was Gott ist.
Ich weiß nicht genau, was passiert, wenn wir sterben, aber nach einigen persönlichen Erfahrungen mit dem Tod habe ich eine ziemlich gute Vorstellung davon.
Ich weiß nicht, ob wir uns dieses Leben ausgesucht haben.
Ich weiß nicht, warum manche Gebete erhört zu werden scheinen, während andere im Schweigen verhallen.
Ich weiß nicht, warum manche Menschen uns viel zu früh verlassen.
Ich weiß nicht, warum wir manchmal die Dinge verlieren müssen, die wir am meisten lieben.
Ich weiß nicht, warum Menschen Liebeskummer erleben müssen.
Ich weiß nicht, warum manche Lektionen anscheinend so schmerzhaft sein müssen.
Ich war noch nie Atheist. Selbst in den Zeiten, in denen ich wütend auf Gott war, habe ich dennoch mit ihm gesprochen – was irgendwie interessant ist, wenn man darüber nachdenkt.
Vielleicht ist Wut auf Gott auch eine Form der Beziehung zu ihm; denn irgendwo unter der Wut liegt die Überzeugung, dass da tatsächlich jemand zuhören könnte.
***
Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich darüber schreiben soll.
Ich habe privat darüber geschrieben.
Viel tiefgründiger.
Viel persönlicher.
Dinge, die nie veröffentlicht wurden und es vielleicht auch nie werden.
Ich weiß nicht genau, warum ich mich heute dazu gedrängt fühle, dies zu teilen.
Vielleicht gibt es keinen Grund.
Das Leben geschieht einfach.
Worte kommen zu mir.
Ich schreibe sie auf – aber vielleicht liest dies gerade jemand, der um drei Uhr morgens an die Zimmerdecke starrt und genau dieselbe Frage stellt, die auch ich unzählige Male gestellt habe ...
„Gott, wo bist du?“
Vielleicht hat jemand, der dies liest, dieses Loch in der Seele.
Vielleicht versucht diese Person verzweifelt, es zu füllen.
Vielleicht ... Alkohol ... Alles funktioniert.
Vielleicht wirken die Medikamente noch.
Vielleicht funktioniert die Beziehung noch.
Vielleicht bewirkt das Geld noch etwas.
Vielleicht hilft das endlose Scrollen noch.
Vielleicht funktioniert noch immer das, womit man der Stille entflieht.
Bis es eben nicht mehr funktioniert.
Vielleicht muss diese Person etwas von jemandem hören, der ein Leben lang Fragen gestellt hat und dennoch nicht alle Antworten kennt.
Du bist nicht der Einzige, der nach dem Warum fragt.
Du bist nicht der Einzige, der sich verlassen gefühlt hat.
Du bist nicht der Einzige, der zum Himmel geblickt und nichts gehört hat.
Du bist nicht der Einzige, der sich gefragt hat, ob Gott aufgehört hat zuzuhören – und ob Stille vielleicht nicht zwangsläufig bedeutet, dass niemand da ist.
Manche Antworten kommen vielleicht erst Jahre nach der Frage.
Manche Antworten kommen vielleicht in der Gestalt des Überlebens.
Manche kommen vielleicht in Form von Menschen.
Manche kommen vielleicht als Abschiede.
Manche kommen vielleicht als Worte.
Manche Antworten sind vielleicht gar keine Antworten.
Vielleicht sind sie einfach nur genug Kraft, um es bis zum Morgen zu schaffen.
Ich weiß es nicht.
Mit fast 52 Jahren, nach allem, was ich erlebt, verloren, überstanden, geliebt, bereut, gefeiert und hinterfragt habe, frage ich mich langsam, ob ich zu viele Jahre damit verbracht habe, nach etwas zu suchen, das vielleicht die ganze Zeit schon still in mir vorhanden war.
Vielleicht wollte dieses Loch in meiner Seele gar nicht gefüllt werden.
Vielleicht wollte es, dass ich hineingehe.
Dass man darin verweilt, ohne wegzulaufen.
Ohne zu trinken.
Ohne sich zu berauschen.
Ohne sich abzulenken.
Ohne sofort eine Antwort zu verlangen.
Einfach nur dazusitzen.
Zuzuhören.
Und vielleicht zu entdecken, dass unter all dem Lärm, der Angst, der Wut und den Fragen doch etwas ist.
Vielleicht ist das Gott.
Vielleicht auch nicht.
Ich frage immer noch.
Ich vermute, das werde ich auch immer tun.
Vielleicht ist genau das der Punkt.
Vielleicht sollte Glaube nie bedeuten, alle Antworten zu haben.
Vielleicht bedeutet Glaube, das Gespräch fortzuführen, auch wenn keine Antwort kommt.
Also tue ich das.
Heute teile ich einen Teil dieses Gesprächs mit dir – aus Gründen, die ich selbst nicht ganz verstehe.
Vielleicht braucht das heute jemand, der dies liest.
Vielleicht muss jemand wissen, dass er nicht allein ist.
Vielleicht braucht jemand die Erlaubnis, wütend auf Gott zu sein. Vielleicht braucht jemand die Erlaubnis, alles zu hinterfragen.
Vielleicht musst jemand hören, dass irgendwo auf diesem Planeten ein anderer Mensch steht und sich dieselben Fragen stellt.
Vielleicht war die Person, die das heute alles hören musste …
… ich.
Jason Gray
Quelle:
Jason Gray[übersetzt von mascha: Herzlichen Dank lieber Jason, für deine berührenden ehrlichen Worte💖Wir freuen uns über eure Unterstützung, Von Herzen Danken wir Euch💖]