2026-04-13

Klaus Praschak: Ein häufiges Missverständnis


Eine der häufigsten Fragen, die ich auf meine Texte hin bekomme, ist: „Wie komme ich dahin?“ oder „Wie erreiche ich das?“ In dieser Frage liegt bereits das Missverständnis.

Denn sie entspringt dem gleichen Denken, das im Alltag funktioniert, welches Ziel kann ich setzen, wie kann ich einen Weg finden um ein Ergebnis zu erreichen, doch das, worum es hier geht, folgt keiner solchen Logik, denn die Frage selbst trägt die Bewegung des Verstandes in sich, ein Ziel, das erreicht werden will, ein Weg, der dorthin führen soll, ein „Ich“, das sich verändern möchte. Der Verstand sucht nach einem Weg, weil er davon ausgeht, dass etwas noch nicht da ist. Doch genau diese Annahme hält die Suche aufrecht und so wird aus dem Suchenden ein Kreislauf - ein „Ich“, das glaubt, etwas finden zu müssen und dadurch immer wieder bestätigt, dass es noch nicht angekommen ist. Je mehr gesucht wird, desto mehr scheint zu fehlen. Je intensiver der Weg verfolgt wird, desto weiter entfernt wirkt das Ziel und so dreht sich der Suchende im Kreis, weil die Ausgangsannahme nie hinterfragt wurde. Die Suche endet nicht dort, wo etwas gefunden wird, sondern dort, wo erkannt wird, dass das Suchende selbst Teil der Bewegung war, die nie zur Ruhe kommen konnte.

So funktioniert unsere Welt. So habt wir gelernt zu denken, zu handeln, zu werden, doch das, worauf sich meine Texte häufig beziehen, entzieht sich genau dieser Bewegung. Es ist nichts, das erreicht werden kann, weil es nie verloren war und doch wird es übersehen, nicht, weil es verborgen ist, sondern weil der Blick unaufhörlich nach vorne gerichtet ist. Der Verstand sucht Wege, weil er in Möglichkeiten denkt. Das Sein kennt keine Wege. Es ist. Spirituelles Wachstum ist kein Aufstieg, kein Werden und kein Hinzufügen. Es ist ein sanftes Durchschauen, ein Zurücktreten aus dem ständigen Drängen, aus dem inneren Lärm, aus der Gewohnheit, alles benennen zu müssen. Ja, das ist für den Verstand unbefriedigend, weil er begreifen, verstehen und sichern will. Er will wissen, wo er steht und wohin er geht, doch hier gibt es keinen Ort, den er markieren könnte. Es gibt nur diesen einen Moment, in dem ihr aufhört, euch selbst zu verfolgen. In dem die Suche für einen Augenblick still wird und in dieser Stille öffnet sich etwas, das nicht gemacht werden kann. In der Stille, die wir wahrhaftig sind, gibt es kein Ziel und kein Ergebnis, sondern eine stille Gegenwart, die immer da war und nur darauf gewartet hat, dass wir aufhören, sie zu übergehen. Das scheint ein schweres Unterfangen zu sein, in einer Zeit, in der die meisten Menschen gelernt haben, zu funktionieren. Wir haben früh damit begonnen uns anzupassen, etwas zu leisten, zu reagieren, den Erwartungen entsprechen und den eigenen Wert an Ergebnissen zu messen und so haben sich innere Muster verfestigt; immer in Bewegung zu sein, immer auf etwas hin auszurichten, immer jemand werden zu müssen. In einer solchen Dynamik wirkt Stillwerden fast wie ein Widerspruch und manchmal sogar wie ein Verlust. Denn wenn das Tun innehält, taucht oft das auf, was lange übergangen wurde, nämlich Unruhe, Leere und nicht selten auch Angst und deshalb greifen viele wieder zum Gewohnten zurück, zum Funktionieren, zum Weitermachen und zum nächsten Ziel, nicht, weil sie es wollen, sondern weil sie nichts anderes gelernt haben. Doch hier liegt der Wendepunkt, an dem es oftmals zu Missverständnissen kommt, denn der stille Raum ist kein Ausstieg aus der Welt und kein Verweigern des Handelns, sondern es geht darum, mitten im Tun einen Raum zu entdecken, der nicht vom Tun abhängig ist. Ein Innehalten, das nicht gegen das Leben gerichtet ist, sondern es erst wirklich erfahrbar macht.

So beginnen viele, in alten Schriften zu suchen. In Worten, die überliefert wurden, in Weisheiten, die Bestand hatten. Doch auch hier stellt sich eine subtile Frage: Suche ich, oder lasse ich mich inspirieren? Denn beides wirkt ähnlich und doch entspringt es einer völlig anderen Bewegung. Die Suche trägt oft ein Ziel in sich. Sie will finden, verstehen und ankommen. Sie liest, um etwas zu bekommen, dass eine Lücke schließt, die sie in sich wahrnimmt und darin setzt sie das fort, was sie eigentlich überwinden möchte. Inspiration hingegen geschieht anders, sie hat kein Ziel, sondern sie entsteht, wenn etwas in uns still genug ist, um berührt zu werden. Da wird nichts erzwungen oder gar festgehalten. Ein Satz, ein Gedanke, ein Bild und plötzlich klingt etwas an, das nicht neu ist, sondern vertraut. In diesem Moment wird nichts hinzugefügt. Es wird etwas erinnert und hier liegt der entscheidende Unterschied. Die Suche blickt nach außen, in der Hoffnung, dort zu finden, was fehlt. Inspiration geschieht nach innen, weil erkannt wird, dass nichts fehlt, sondern nur überdeckt war.

Klaus Praschak

Bild: printerest.de danke

Quelle: Klaus Praschak

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