
Vor einigen Jahren hatte ich den Eindruck, dass die Mystik im Westen wieder an Raum gewinnen könnte und das sich die Menschen neu dem Inneren zuwenden, der Stille, dem unmittelbaren Erleben, doch leider zeigt sich heute ein anderes Bild. Deshalb ist es einmal mehr still in mir geworden, denn das was ich derzeit wahrnehme ist eine zunehmende Technisierung der Spiritualität. Früher wurde Mystik beschrieben in Begriffen wie Stille, Gnade, Geist und Erfahrung, doch heute wird vieles formuliert in Prozessen, Mechanismen, „Algorithmen“ ,Systemlogiken und Codes. Das hat stark mit der Zeit zu tun, in der wir leben, denn die Menschen denken zunehmend mehr in Systemen, Abläufen und Strukturen und die Digitalisierung prägt ihr denken. Alles wird erklärbar gemacht, zerlegt in Schritte und optimierbar dargestellt. Selbst existenzielle Themen wie Tod, Bewusstsein und Übergang, werden in digitale Modelle und Abläufe gepresst und hier spüre ich den kritischen Punkt, denn die Mystik lebt von einer Tiefe, die erfahrbar ist, jedoch nicht vollständig erklärbar und wenn man das in „Algorithmen“ übersetzt, wird das Lebendige zu einem Modell reduziert. Für mich fühlt sich das flach, technisch, kalt und nicht mehr wahr an. Ich glaube, dass nicht jeder Mensch die gleiche Fähigkeit besitzt, sich der zunehmenden Digitalisierung innerlich zu entziehen. Wer keine eigene, unmittelbare Erfahrung von Wahrheit in sich trägt, wird zwangsläufig stärker von dem geprägt, was ihm von außen angeboten wird. Modelle, Systeme und digitale Erklärungen erscheinen dann schnell als Ersatz für etwas, das nie wirklich erfahren wurde. Doch wer in sich einmal etwas berührt hat, das nicht erklärbar ist, nicht berechenbar und sich keiner Struktur unterordnet, entwickelt eine andere Form von Klarheit. Eine Unterscheidungsfähigkeit, die nicht gelernt, sondern erkannt ist. Ohne diese Erfahrung bleibt vieles Theorie, dann wird selbst das Tiefste in Abläufe übersetzt, in Prozesse zerlegt und in eine Form gebracht, die zwar verständlich wirkt, aber das Wesentliche nicht mehr berührt. So entsteht eine Welt, die immer genauer erklärt werden kann und sich dabei doch immer weiter vom Erleben entfernt und hier liegt subtil die eigentliche Trennung zwischen dem, was erfahren wurde, und dem, was nur gedacht ist.
Allein der Begriff „Christus Code“ löst ein Unbehagen in mir aus, weil hier etwas wesentliches massiv reduziert wird. Das, was ursprünglich als lebendige, innere Erfahrung verstanden wurde, wird in eine Form gebracht, die eher an Mechanik erinnert als an Mysterium. Es wirkt, als müsse selbst das Heiligste heute erklärbar, zugänglich und reproduzierbar werden. Als dürfe nichts mehr einfach sein, ohne in eine Struktur gepresst zu werden. Eine Welt, die alles beschleunigt, kann schwer ertragen, was sich nur in Stille offenbart und eine Denkweise, die in Systemen denkt, versucht selbst das Unverfügbare in Abläufe zu übersetzen. Doch Mystik entzieht sich genau dem. Sie beginnt dort, wo das Wissen endet. Dort, wo nichts mehr optimiert werden kann, nichts mehr verstanden werden muss, sondern erfahren wird. Wo das Mysterium zum „Code“ wird, hat man aufgehört zu erfahren und begonnen, es zu ersetzen. Je mehr das Heilige erklärbar gemacht wird, desto weiter entfernt man sich von ihm und wo alles verstanden werden will, geht das verloren, was nur erfahren werden kann. Die Digitalisierung kann vieles erfassen, aber nicht das, was sich nur in der Stille offenbart. Wer das Heilige in Codes übersetzt, hat nicht nur nichts verstanden, sondern bereits Alles verloren. Wer in sich Unendlichkeit berührt hat, entzieht sich jeder Form, die ihn begrenzen will. Er beginnt zu erkennen, dass kein System, kein Konzept und keine äußere Struktur fassen kann, was in ihm lebendig geworden ist. Was einmal erfahren wurde, lässt sich nicht mehr anpassen, nicht mehr zurückdrängen, nicht mehr in vorgegebene Muster einordnen und darin liegt die Freiheit nicht mehr werden zu müssen, was erwartet wird, sondern zu sein, was sich nicht begrenzen lässt.
Klaus Praschak
Bild : printerest. de danke
Quelle:
Klaus Praschak
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Bei Kommentaren bitten wir auf Formulierungen mit Absolutheitsanspruch zu verzichten sowie auf abwertende und verletzende Äußerungen zu Inhalten, Autoren und zu anderen Kommentatoren.
Daher bitte nur von Liebe erschaffene Kommentare. Danke von Herzen, mit Respekt für jede EIGENE Meinung.