2026-05-30

Otfried Weise: GUT WIE BÖSE


Es gibt kein Böses, das für sich allein besteht,
kein Dunkel, das nicht einst aus Licht hervorging.

Was wir als Schatten sehen, ist nur das Licht,
das noch nicht erkannt und gesehen wurde.
Alles nimmt seinen Platz im großen Ganzen ein,
wie Sturm und Stille ihren ewigen Tanz.

Die Rose blüht, die Distel sticht,
doch beide wachsen aus derselben Erde empor.
Das Böse ist nur eine Benennung,
die wir dem Unverstandenen geben.

Denn was heute Schmerz bringt,
kann morgen Erkenntnis schenken.

Der Winter scheint dem Frühling fremd,
und doch bewahrt er seinen Samen.

Die Nacht verhüllt die Welt im Schweigen,
damit der Morgen neu entstehen kann.

ALLES IST, WIE ES IST

Der Fluss fragt nicht, ob sein Wasser gut sei.
Der Berg zweifelt nicht an seiner Höhe.
Der Wind rechtfertigt nicht seine Stärke und seine Richtung.

So sind auch wir Teil des großen Ganzen:
Gebären, Erhalten, Vergehen.
Nicht außerhalb der Ordnung,
sondern mitten in ihr.

Und vielleicht ist das sogenannte Böse nicht die Abwesenheit von Licht, dann wäre alles Leben ein Ausdruck desselben Ursprungs,
um sich in verschiedenen Formen zu erfahren,
von kaum erkennbarem Licht
bis zu strahlender Klarheit.

ALLES IST, WIE ES IST

Und alles trägt auf seine Weise
einen Funken des Lichts im scheinbar Guten wie Bösen in sich.

Hier noch einige Beispiele

• Die Dornen der Rose
Die Dornen verletzen, doch sie schützen auch die Blüte. Was schmerzhaft erscheint, dient zugleich dem Erhalt des Schönen.

• Der Waldbrand
Ein Feuer zerstört Bäume und Lebensräume. Doch manche Samen keimen erst nach großer Hitze, und neues Leben entsteht.

• Eine Niederlage
Eine Niederlage im Wettkampf fühlt sich schlecht an. Oft wird daraus jedoch Erfahrung, Demut oder neue Stärke.

• Der Regen
Für den Wanderer mag der Regen lästig sein, für die Felder ist er ein Segen. Dasselbe Ereignis wird unterschiedlich bewertet.

• Die Nacht
Sie nimmt das Licht, schenkt aber Ruhe, Träume und Erholung. Nacht wie Tag sind gleich bedeutsam.
• Kritik

Sie kann verletzen, aber auch Entwicklung ermöglichen. Was zunächst unangenehm wirkt, kann langfristig hilfreich sein.

Quelle: Otfried Weise

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