2026-09-04

Otfried Weise: EINFACH MENSCH SEIN



Im Grunde ist alles ganz einfach.
Die SEELE ist immer unberührt, kennt keine Konditionierungen und braucht weder spirituelle Arbeit, noch Seelsorge, um vollkommen zu sein. Nur der Mensch, in seinem ROLLENSPIEL ist unvollkommen und macht Erfahrungen von Therapien.

Und doch leben wir als Menschen in einer Welt, in der wir geprägt werden, dies beginnt schon im Babyalter durch unsere Eltern, durch unsere Kultur, durch Erziehung und Schule, durch Beziehungen, durch Erfahrungen und den Erwartungen unserer Umgebung. Wir übernehmen Vorstellungen darüber, wie man zu sein hat, was richtig und falsch ist, was sich gehört und was nicht. Wir entwickeln Gewohnheiten, Schutzmechanismen und Verhaltensweisen, die uns helfen, in dieser Welt zurechtzukommen.

Diese KONDITIONIERUNG gehört zum menschlichen Alltagsleben. Sie ist nicht ein Fehler, den es zu beseitigen gilt. In gewisser Weise ist sie sogar notwendig, damit ein Mensch sich in der Welt orientieren kann.

Wir lernen, Rücksicht zu nehmen.
Wir lernen, zu grüßen, hinzuhören und miteinander zu sprechen.
Wir lernen, Verantwortung zu übernehmen und die Grenzen anderer zu achten.
Wir lernen, dass man einem anderen Menschen nicht einfach alles sagen oder antun kann, was einem gerade in den Sinn kommt.

All das ist Teil des menschlichen Spiels, jener Welt, die wir als die alltägliche, materielle oder „3.D-Welt“ bezeichnen.

Es geht also nicht darum, jede Konditionierung abzulegen, sondern sich dessen BEWUSST ZU WERDEN, inwieweit sich der Mensch klar ist, dass er mit dieser lebt.

DIE KONDITIONIERUNG MUSS NICHT VERSCHWINDEN

Man könnte die Konditionierung höchstens dort ein wenig verfeinern, wo sie das Zusammenleben erleichtert und unnötiges Leiden verursacht. Aber wir können aus allem etwas lernen, auch durch das Leid findet Bewusstseinserweiterung statt. Es könnte auch Leben geben, indem auch keine Bewusstseinserweiterung erlebt wird.

Wenn ein Mensch beispielsweise gelernt hat, andere ständig zu verletzen, darf er lernen, achtsamer mit ihnen umzugehen. Wenn jemand niemals „Nein“ sagen durfte, kann es heilsam sein, die eigenen Grenzen kennenzulernen. Wenn jemand gelernt hat, jedes Gefühl sofort zu unterdrücken, darf er entdecken, dass ein Gefühl wahrgenommen werden kann, ohne dass man ihm ausgeliefert sein muss.

Das bedeutet nicht, dass der Mensch dadurch „besser“ wird.
Es bedeutet nur, dass das Leben leichter fließen kann.
Wie bei einem Fluss, dessen Wasser ohnehin zum Meer fließt. So kann es manchmal sinnvoll sein, einen großen Stein aus seinem Bett zu nehmen, an dem sich das Wasser ständig staut.
Der Fluss bleibt derselbe.

WENN GEFÜHLE NICHT WAHRGENOMMEN WERDEN KÖNNEN
Besonders deutlich wird das bei tiefen Verletzungen oder Traumatisierungen.
Ein Mensch kann beispielsweise als Kind gelernt haben:
„Meine Gefühle werden mit Liebesentzug bestraft.“
„Ich darf keine Angst haben.“
„Ein kleiner Junge weint nicht.“
„Wut ist verboten.“
„Ich muss funktionieren.“
„Wenn ich Bedürfnisse habe, werde ich abgelehnt.“
Irgendwann bemerkt dieser Mensch gar nicht mehr, dass er Gefühle unterdrückt. Er sagt: „Ich spüre keine Gefühle.“
Dabei können die Gefühle sehr wohl da sein.
Sie zeigen sich vielleicht nur nicht mehr als bewusst wahrnehmbare Emotion, sondern als innere Anspannung, Leere, Schlaflosigkeit, Gereiztheit, Rückzug oder ein ständiges Gefühl, funktionieren zu müssen.

Hier kann es sinnvoll und heilsam sein, sich Unterstützung zu holen und sich wieder spüren zu lernen:
Was geschieht gerade in mir?
Was zeigt sich gerade in meinem Körper?
Ist da Traurigkeit? Angst? Wut? Freude?
Kann ich dieses Gefühl für einen Augenblick einfach da sein lassen?

HINGABE BEDEUTET NICHT RESIGNATION
Hingabe wird manchmal mit „Aufgeben“ verwechselt.
Doch Hingabe sagt nicht:
„Es ist alles egal.“
Sie sagt vielmehr:
„Ich höre auf, gegen die Wirklichkeit dieses Augenblicks Widerstand zu leisten.“
Wenn Traurigkeit da ist, darf Traurigkeit da sein.
Wenn Angst da ist, darf Angst da sein.
Wenn Freude da ist, darf Freude da sein.
Wenn Verwirrung da ist, darf auch Verwirrung da sein.
Hingabe bedeutet nicht, jeder Handlung zuzustimmen. Sie bedeutet nicht, Missbrauch, Gewalt oder destruktives Verhalten gutzuheißen und sie bedeutet auch nicht, dass man niemals etwas verändern sollte.

Sie bedeutet zunächst nur, ANZUERKENNEN was JETZT tatsächlich DA IST.
Erst aus dieser Anerkennung heraus kann eine Veränderung geschehen, die nicht aus Ablehnung entsteht.
Ein einfaches Beispiel
Jemand bemerkt:
„Ich bin ständig angespannt.“
Der gewöhnliche Impuls könnte sein:
„Das muss weg. Ich muss entspannter werden. Ich muss meditieren. Ich muss an mir arbeiten.“
Hingabe könnte zunächst etwas ganz anderes bedeuten:
„Aha. Da ist Anspannung.“
Nicht mehr als das.
Keine Verurteilung,
keine Analyse,
keine Ablehnung.
Nur die stille Wahrnehmung dessen, was gerade ist.
Vielleicht wird dabei plötzlich eine Angst spürbar oder eine alte Traurigkeit zeigt sich, oder es geschieht auch gar nichts.
Und auch das darf sein.

Ein anderes Beispiel
Ein Mensch ist sehr schüchtern und hat Angst, in einer Gruppe zu sprechen.
Er könnte sich sagen:
„Ich muss endlich selbstbewusster werden.“
So könnte er stattdessen entdecken:
„Da ist Angst, mein Körper zieht sich zusammen, ich möchte mich schützen.“
Er muss die Angst nicht sofort beseitigen,
er kann lernen, mit ihr zu sein.
Und möglicherweise spricht er irgendwann trotzdem vor einem Publikum,
nicht weil die Angst vollständig verschwunden ist, sondern weil sie nicht mehr bekämpft wird.
Das ist ein entscheidender Unterschied.

DAS MENSCHLICHE LEBEN DARF MENSCHLICH BLEIBEN
In dieser Erkenntnis erleben wir eine große Befreiung:
Wir müssen nicht aus unserem menschlichen Leben herauskommen, um frei zu sein.
Wir dürfen konditioniert sein,
wir dürfen Gewohnheiten haben,
wir dürfen zuzeiten unbewusst reagieren,
wir dürfen „Fehler“ machen, es sind einfach Erfahrungen,
wir dürfen lernen, wir dürfen uns verändern
und wir brauchen uns auch nicht ständig zu verändern.
All das gehört zum menschlichen Dasein dazu.

Diese Form der Konditionierung betrifft grundsätzlich alle Inkarnationen: Jedes menschliche Leben findet innerhalb bestimmter Bedingungen statt, in einem bestimmten Zeitrahmen, in einer Kultur, in einem physischen Körper, in Beziehungen, in unterschiedlichen Erfahrungen, das menschliche Leben beginnt nicht als unbeschriebenes Blatt.
Und gerade das ist Teil des Spiels,
das Gemüt muss nicht aus dieser menschlichen Erfahrung „herausoptimiert“ werden.
Er kann durch einen menschlichen Körper lachen, weinen, lieben, verlieren, hoffen, scheitern und wieder aufstehen.

Und unter all dem bleibt etwas unberührt:
DIE SEELE
Dies ist der entscheidende Kern der Hingabe:
Was wir verändern können, sind unsere menschlichen Muster. Wir können lernen, besser mit ihnen umzugehen, wir können Traumata heilen, Beziehungen klären, Grenzen setzen, Gefühle wieder wahrnehmen und unser Leben so gestalten, dass es freudvoll ist, trotz äußerer Umstände.
Aber all das muss nicht geschehen, weil mit unserem tiefsten Wesen etwas nicht stimmt.
Wir tun es nicht, um endlich „wertvoll genug“ oder „spirituell genug“ zu werden.

UND DANN GESCHIEHT ETWAS TIEFGRÜNDIGES
Der Kampf gegen uns selbst lässt nach, wir entspannen uns.
Wir müssen nicht mehr fragen:
„Was stimmt mit mir noch nicht?“
Die Frage ist:
„Was ist JETZT?“
Und wenn die Antwort Angst lautet:
„Dann ist JETZT Angst da.“
Wenn die Antwort Traurigkeit lautet:
„Dann ist JETZT Traurigkeit da.“
Wenn die Antwort Leere lautet:
„Dann ist JETZT Leere da.“
Und wenn für einen Augenblick nichts Besonderes geschieht:
„Dann ist JETZT eben nichts Besonderes.“
Das Leben ist eine sinnliche Erfahrung.
Hingabe ist deshalb nicht das Ende der Entwicklung, sondern das Ende des Zwangs, sich entwickeln zu müssen, denn dein wahres Wesen IST schon VOLLKOMMEN.

Quelle: Otfried Weise

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