Wer versucht, eine Frau vollständig zu verstehen, gleicht einem Mann, der mit einem Regenschirm das Meer vermessen möchte. Er wird nass werden, gelegentlich untergehen und am Ende feststellen, dass die Gezeiten sich nicht nach seinen Berechnungen richten.
Eine Frau ist kein Kreuzworträtsel, dessen Lösung sich auf der letzten Seite findet. Sie ist vielmehr ein Gedicht, das bei jedem Lesen etwas anderes erzählt. Mal ist sie ein Sonett voller Zärtlichkeit, mal eine Ballade von dramatischer Wucht und gelegentlich ein dreibändiger russischer Roman, in dem der Mann bereits auf Seite zwölf schuldig ist, ohne zu wissen, weshalb.
Und doch: Welch armselige Welt wäre es, ließe sich die Liebe mit Logik bezwingen!
Wenn sie sagt: „Es ist nichts“, dann mag das Universum für einen Augenblick den Atem anhalten. Wenn sie fragt: „Findest du mich schön?“, ist dies keine Einladung zu einer objektiven Bestandsaufnahme. Und wenn sie erklärt: „Mach, was du willst“, dann sollte der kluge Mann erkennen, dass die menschliche Freiheit durchaus ihre Grenzen hat.
Aber wer liebt, muss nicht jedes Geheimnis lüften. Er muss nicht jeden Gedanken entschlüsseln, jede Stimmung kartografieren und jedes Schweigen mit einer wissenschaftlichen Abhandlung beantworten.
Wir müssen schließlich auch nicht verstehen, warum die Sonne scheint, um sich an ihr zu wärmen, wir müssen nicht wissen, wie eine Rose ihre Blütenblätter ordnet, um ihren Duft zu genießen und niemand käme auf die Idee, einem Schmetterling seine Flugbahn zu erklären, außer vielleicht ein Mann, der anschließend verwundert ist, warum der Schmetterling davongeflogen ist.
Eine Frau zu lieben bedeutet, ihr zuzuhören, auch wenn die Geschichte Umwege nimmt. Sie zu umarmen, wenn Worte zu klein geraten. Ihr zu widersprechen, wenn es sein muss, und ihr recht zu geben, wenn das eigene Überleben es nahelegt.
Es bedeutet, gemeinsam durch die Jahreszeiten des Herzens zu wandern: ihren Frühling zu feiern, ihren Sommer zu genießen, im Herbst ihre Hand zu halten und im Winter zu wissen, dass eine warme Decke, ein Glas Wein und ein aufrichtiges „Du hast recht, mein Schatz“ mitunter mehr bewirken als sämtliche Weisheiten der abendländischen Philosophie.
Natürlich soll man versuchen, Frauen zu verstehen, schon aus Respekt, doch man sollte nicht verzweifeln, wenn es nicht immer gelingt. Denn auch Männer sind keineswegs so durchschaubar, wie sie glauben. Ein Wesen, das zwanzig Minuten vor einem geöffneten Kühlschrank steht und behauptet, es sei nichts zu essen da, sollte mit Urteilen über die Rätselhaftigkeit des anderen Geschlechts ohnehin vorsichtig sein.
Das Geheimnis der Liebe liegt gerade darin, dass zwei Menschen einander niemals vollständig ergründen und dennoch jeden Morgen aufs Neue beschließen, gemeinsam Kaffee zu trinken.
Denn Liebe ist keine Gleichung, die aufgeht. Sie ist ein Wunder, das bleibt.
Und so sollte ein Mann seine Frau nicht lieben, weil er sie verstanden hat, sondern weil er sie liebt, gerade auch dort, wo sein Verstand versagt.
Denn wer eine Frau verstehen will, braucht womöglich ein ganzes Leben. Wer sie lieben will, darf sofort damit anfangen.
Und wenn er Glück hat, wird sie ihn eines Tages ansehen, lächeln und sagen:
„Du verstehst mich einfach nicht.“
Worauf er antwortet:
„Nein, mein Schatz. Aber ich liebe dich.“
Und sie wird erwidern:
„Das ist jetzt auch wieder nicht die richtige Antwort.“
Ach, die Liebe! Wie langweilig wäre sie, wenn sie logisch wäre.

Was für ein wundervoller Text, lieber Otfried Weise.
AntwortenLöschenHerzensdank dafür.
Vielen Dank für die von Männerherz kommende Ausführung, die auch Frau ans Herz gehr 🙏💖
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