2026-03-25

Klaus Praschak: Die stille Sehnsucht nach dem „Wir“


Es sind jene Impulse, die aus der Stille kommen, die uns zeigen, dass Entwicklung dahin führen kann, einander näher zu kommen. Diese Impulse drängen sich nicht auf, sie argumentieren nicht und sie wollen nichts beweisen. Sie tauchen in Momenten auf, in denen es stiller wird in uns, wenn das ständige Reagieren nachlässt und wir beginnen, wieder wahrzunehmen. Dann kann etwas durchscheinen, das im Lärm des Alltags leicht überhört wird, nämlich ein feines Empfinden dafür, was wirklich wesentlich ist. Nicht im Sinne von „richtig“ oder „falsch“, sondern im Sinne von stimmig. Aus dieser Stille heraus entsteht oft kein Rückzug vom Menschen, sondern im Gegenteil ein neues Bedürfnis nach echter Begegnung. Nicht nach vielen Kontakten, sondern nach solchen, die tragen. Begegnungen, in denen man sich nicht erklären oder darstellen muss, sondern einfach da sein kann. Darin sehe ich eine Form von Entwicklung, die diese Zeit dringend braucht. Diese Form von Entwicklung trennt uns nicht von einender und sie hebt uns nicht über andere, vielmehr macht sie uns weicher, durchlässiger und damit fähiger, einander wirklich zu sehen. Die Stille führt uns nicht weg von der Welt, sondern tiefer in sie hinein, hinein in das, was zwischen Menschen entstehen kann, wenn sie einander ohne Schutz und Rolle begegnen. Es ist eine Entwicklung, die für das Ego unspektakulär ist, aber gerade deshalb um so wahrhaftiger.

Es ist kostbar, Menschen zu begegnen, die in der heutigen Zeit nicht im Strom von Politik, Krisen und Katastrophen aufgehen. Nicht, weil diese Themen unwichtig wären, sondern weil es Räume braucht, in denen der Mensch nicht nur reagiert, sondern wirklich gegenwärtig ist. In solchen Begegnungen entsteht etwas Seltenes, nämlich ein gemeinsames Jetzt. Kein Getrieben-Sein von äußeren Ereignissen, kein ständiges Bewerten und Einordnen, sondern ein Innehalten. Ein Gespräch, das nicht schwer ist, sondern trägt. Eine Stille, die nicht leer ist, sondern verbindet. Mit solchen Menschen wird es möglich, den Blick zu weiten üer die alte Realität hinaus. Wir beginnen zu spüren, dass Gegenwart mehr sein kann als das, was uns täglich vermittelt wird und das sie Licht in sich trägt, etwas Aufbauendes und Hoffnungsvolles. Es sind jene Momente, in denen wir uns gemeinsam daran erinnern, dass Zukunft nicht nur aus Sorgen entstehen muss, sondern aus inneren Bildern, die uns eine leise, aber kraftvolle Vorstellung davon schenken, wie Leben auch sein kann.

Und während wir so miteinander sind, wird diese Vorstellung nicht nur gedacht, sondern ein Stück weit fühlbar. Fast so, als würde sie für einen Moment schon Wirklichkeit werden, zwischen Menschen, die bereit sind, sich nicht im Lärm des Chaos zu verlieren, sondern einander wirklich zu begegnen. Eine überwiegende digitale Spiritualität nährt meine Seele nicht. Sie kann inspirieren, Impulse geben, vielleicht auch erinnern, doch sie bleibt oft auf Abstand. Es fehlt die unmittelbare Erfahrung und das echte Gegenüber. Der Blick, der mehr sagt als Worte und die Stille, die man gemeinsam teilt, ohne sie erklären zu müssen. Was über Bildschirme geschieht, erreicht häufig den Verstand, manchmal auch das Gefühl, aber selten die Tiefe, die entsteht, wenn Menschen sich wirklich begegnen. Wenn etwas zwischen ihnen lebendig wird, das nicht geplant oder inszeniert ist.

Wenn wir weiterhin in einer Haltung des Getrenntseins und des reinen Eigeninteresses verharren, wird das nicht ohne Folgen bleiben, weil das wahre Menschliche verloren geht. In einer Zeit, in der die Masse immer mehr gespalten wird, sollte es jenen, die sich für erwacht halten, deutlich werden, dass wir in einer besonderen Zeit leben. Einer Zeit, die uns leise dazu auffordert, bewusster miteinander umzugehen. Aufmerksamer. Wahrhaftiger. Es geht weniger darum, „höher“ zu werden, sondern echter. Den eigenen Geist nicht mit Angst, Reaktion und Trennung zu nähren, sondern mit Gedanken, die verbinden, die aufbauen, die Licht hineinbringen, in uns selbst und in das Miteinander. Denn das, was wir nähren, wird wachsen. In uns - und zwischen uns.

Klaus Praschak

Bild: printerest.de danke

Quelle: Klaus Praschak

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