2026-03-06

Klaus Praschak: Warum kommen wir nicht zusammen?


Gestern war ich Teil einer kleinen Gesprächsrunde. Eigentlich war es ein ganz gewöhnliches Zusammensein, doch wie so oft dauerte es nicht lange, bis das Gespräch auf politische Themen gelenkt wurde. Einer sagte mit großer Entschiedenheit, wer heute keine klare politische Meinung habe oder nicht bereit sei, öffentlich dafür einzustehen, sei ein Schwachkopf. Ein anderer war überzeugt, dass der hohe Anteil an Ausländern an der Misere unseres Landes schuld sei. Wieder ein anderer widersprach ihm und meinte, es gehe gar nicht um Herkunft, sondern darum, dass alle, die keine Steuern zahlen würden, das Land verlassen müssten. Die Stimmen wurden lauter, die Argumente härter, und sehr schnell ging es nicht mehr darum, etwas zu verstehen, sondern darum, Recht zu behalten. Jeder versuchte, seine Sicht mit Nachdruck zu verteidigen. Das Gespräch verwandelte sich in einen Schlagabtausch, in dem die Positionen immer schärfer wurden. Irgendwann stand ich einfach auf und verließ schweigend den Raum, denn mich überkam ein Gefühl der Müdigkeit und einen leisen Traurigkeit. Während ich hinausging, dachte ich bei mir: Wir sind verloren.

Doch je länger ich darüber nachdachte, desto mehr fragte ich mich, ob es wirklich die unterschiedlichen Meinungen sind, die uns voneinander trennen. Vielleicht liegt das eigentliche Problem gar nicht darin, dass Menschen verschiedene Ansichten haben. Unterschiedliche Perspektiven hat es immer gegeben und wird es auch immer geben. Das, was uns auseinanderbringt, ist vielleicht etwas anderes. Es ist die Geschwindigkeit, mit der wir urteilen. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir Menschen in Kategorien einteilen. Die Gewissheit, mit der wir glauben, die Wirklichkeit bereits verstanden zu haben und vielleicht auch die wachsende Unfähigkeit, einen Raum auszuhalten, in dem verschiedene Sichtweisen nebeneinander stehen dürfen, ohne sofort bekämpft zu werden. In solchen Momenten scheint es nicht mehr darum zu gehen, gemeinsam nach Wahrheit zu suchen. Es geht um Zugehörigkeit zu einer Position, zu einer Gruppe, zu einer Erklärung der Welt. Wer sich nicht klar positioniert, wird schnell verdächtig. Wer differenziert, wirkt schwach und wer versucht zuzuhören, findet oft keinen Platz mehr in der Lautstärke der Meinungen. De eigentliche Herausforderung unserer Zeit liegt vermutlich nicht darin, die richtige politische Antwort zu finden, sondern darin, wieder lernen zu können, miteinander zu sprechen, ohne uns sofort gegenseitig zu Feinden zu erklären. Wieder lernen zu können, die Wirklichkeit als etwas Komplexes zu betrachten, das selten in einfache Schuldzuweisungen passt, denn solange wir uns gegenseitig in Lager einteilen und glauben, die Probleme der Welt ließen sich durch das Wegschieben bestimmter Gruppen lösen, entfernen wir uns immer weiter voneinander und ich sehe die größte Gefahr nicht in der Krise selbst, sondern in der Art, wie wir beginnen, übereinander zu denken. Die Frage ist also nicht nur, wer recht hat, sondern stellt sich mir die die Frage, sind wir überhaupt noch fähig sind, einander zuzuhören.

Was uns jedoch voneinander entfernt, ist die starre Gewissheit, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein. Wenn Menschen beginnen, unbeweglich an ihren Überzeugungen festzuhalten und jede andere Sicht sofort als falsch, gefährlich oder dumm abzutun, entsteht kein Raum mehr für Begegnung. Dann wird aus einem Gespräch sehr schnell ein Kampf. Doch Menschlichkeit wächst selten dort, wo Menschen auf ihren Positionen verharren. Sie entsteht eher dort, wo jemand bereit ist, einen Schritt zurückzutreten, zuzuhören und anzuerkennen, dass die Wirklichkeit größer ist als die eigene Perspektive. Es geht gar nicht darum, dass am Ende alle derselben Meinung sind. Ein gemeinsamer Nenner entsteht nicht dadurch, dass Unterschiede verschwinden, sondern dadurch, dass wir lernen, mit ihnen umzugehen. Dass wir erkennen, dass hinter jeder Überzeugung auch eine Lebensgeschichte, eine Erfahrung und eine persönliche Prägung stehen. Ein wirklicher Dialog beginnt erst dann, wenn wir uns selbst und auch dem anderen einen inneren Raum zugestehen. Einen Raum, in dem nicht sofort bewertet, verurteilt oder zurückgeschlagen werden muss. Einen Raum, in dem Gedanken ausgesprochen werden dürfen, ohne dass sie sofort zu Waffen im Streit werden und ich denke, es ist eine der großen Aufgaben unserer Zeit wieder lernen zu können, diesen Raum zu halten. Den Raum des Zuhörens, des Nachdenkens und auch des Zweifelns, denn wenn wir nur noch darauf bestehen, recht zu haben, verlieren wir etwas, das für das menschliche Zusammenleben viel wichtiger ist, nämlich die Fähigkeit, einander überhaupt noch zu begegnen.

Klaus Praschak

Bild: printerest.de danke

Quelle: Klaus Praschak

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Bei Kommentaren bitten wir auf Formulierungen mit Absolutheitsanspruch zu verzichten sowie auf abwertende und verletzende Äußerungen zu Inhalten, Autoren und zu anderen Kommentatoren.

Daher bitte nur von Liebe erschaffene Kommentare. Danke von Herzen, mit Respekt für jede EIGENE Meinung.