Ein entscheidender Gedanke Steiners war, dass der Mensch erst jetzt wirklich beginnt, frei zu werden. Frühere Zeiten waren stärker durch Tradition, Religion oder Autoritäten bestimmt. In der modernen Welt ist der Mensch zunehmend auf sich selbst gestellt. Das kann Orientierungslosigkeit erzeugen, eröffnet aber auch die Möglichkeit, eigene geistige Verantwortung zu entwickeln.
Steiner ging davon aus, dass sich das menschliche Bewusstsein im Laufe der Geschichte immer wieder verändert hat. Besonders seit dem sogenannten atlantischen Wendepunkt ist der Mensch stärker an die materielle Welt gebunden. Diese Verdichtung des Bewusstseins hatte zur Folge, dass die unmittelbare geistige Wahrnehmung früherer Zeiten verloren ging. Doch genau diese Trennung war nach Steiner notwendig, damit der Mensch lernen konnte, eigenständig zu denken und ein freies Ich zu entwickeln. Die heutige Zeit betrachtete er als eine entscheidende Übergangsphase. Einerseits erlebt die Menschheit eine starke Hinwendung zur materiellen Welt, zur Technik und zu rein äußerlichen Erklärungen der Wirklichkeit. Andererseits entsteht gleichzeitig die Möglichkeit, das Geistige wieder bewusst zu erkennen, allerdings nicht mehr aus Tradition oder Glauben heraus, sondern aus eigener innerer Erkenntnis.
Eine seiner bekanntesten Aussagen war die Idee, dass seit dem 20. Jahrhundert eine neue Form spiritueller Wahrnehmung möglich werde. Steiner sprach davon, dass sich die Christus-Wirklichkeit im „Ätherischen“ zeigen wird, also nicht mehr in einer physischen Erscheinung, sondern in einer inneren Wahrnehmung des Bewusstseins. Damit meinte er, dass Menschen beginnen könnten, geistige Zusammenhänge direkt zu erfahren, wenn sie ihre Wahrnehmung entsprechend entwickeln. Steiner sah Krisen, Umbrüche und Verunsicherungen ebenfalls als Teil dieses Prozesses. Sie würden den Menschen dazu zwingen, sich zu fragen, wer bin ich eigentlich? woraus schöpfe ich Orientierung und welche Rolle spielt der Geist in meinem Leben? In diesem Sinn betrachtete er die Gegenwart als eine Zeit, in der sich entscheidet, ob der Mensch seine Freiheit nutzt, um bewusst mit geistigen Kräften zu arbeiten, oder ob er sich vollständig im Materialismus verliert.
In diesem Spannungsfeld sieht Steiner die Aufgabe des modernen Menschen. Die äußeren Umbrüche und Krisen unserer Zeit sind demnach Ausdruck eines tieferen Wandlungsprozesses, in dem sich entscheidet, wie der Mensch mit seiner neu gewonnenen Freiheit umgeht. Die Entwicklung führt nach Steiner letztlich dahin, dass der Mensch lernt, geistige Kräfte bewusst in sein Leben zu integrieren. Auch die Erde selbst ist in diesem Weltbild Teil eines großen Wandlungsprozesses. Materielle Formen sind nicht dauerhaft, sondern dienen als Entwicklungsraum für Bewusstsein. Wenn der Mensch lernt, das Geistige wieder bewusster wahrzunehmen und zu gestalten, kann sich die materielle Welt allmählich verwandeln. In diesem Sinne verstand Steiner die Erde nicht als endgültige Wirklichkeit, sondern als eine Stufe auf dem Weg zu einer stärker vergeistigten Existenz.
Der eigentliche Fortschritt der Menschheit liegt daher nach dieser Sichtweise nicht allein in technischen oder äußeren Entwicklungen, sondern vor allem in der inneren Reifung des Bewusstseins. Der Mensch steht vor der Aufgabe, Freiheit, Verantwortung und geistige Erkenntnis miteinander zu verbinden und damit eine neue Beziehung zwischen Geist und Welt zu gestalten.
Klaus Praschak
Bild: printerest.de danke

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