2026-05-17

Otfried Weise: ICH TRÄUME VOM FLIEGEN



und doch ist es mehr als ein Traum.
Es ist, als würde mein Körper die Erinnerung an den Himmel tragen,
und die Sprache der Winde verstehen.

Der Motor beginnt zu brummen —
tief, vibrierend, und der Propeller beginnt sich zu drehen.
Das Flugzeug hebt ab und die Luft wogt um mich, wie ein lebendiges Meer.
Der Steuerknüppel liegt fest in meinen Händen,
und zugleich vertraut wie die Hand eines alten Freundes.

Dann löst sich das Flugzeug von der Erde.
Langsam zuerst,
wie ein Blatt, das sich zögernd vom Ast trennt,
und plötzlich fühle ich mich leicht, wie ein Vogel.
Die Luft trägt mich.

Ich spüre ihren Widerstand auf meiner Haut,
feucht und weich, wenn Wolken sich öffnen
und feine Tropfen mein Gesicht benetzen.

Der Wind zerrt an meinen Armen,
zieht an meiner Kleidung,
bläst durch mich hindurch, wild und ungezähmt.

Unter mir gleiten Wälder und Wiesen vorbei
wie dunkelgrüne Wellen.
Flüsse glänzen im Sonnenlicht
wie leuchtende Spiegel. Die Welt verliert ihre Schwere.
Straßen werden zu feinen Linien,
Menschen zu Punkten,
und alles Irdische scheint plötzlich in der Ferne.

Doch mit der Höhe wächst kurz auch die Angst.
Ein flaues Gefühl im Magen.

Ich spüre meine Finger,
meinen Atem,
mein pochendes Herz.
Und gerade darin liegt das Abenteuer,
mit Mut hindurchzugehen.

Manchmal schwebe ich nur.
Kein Denken, kein Ziel.
Nur das lautlose Gleiten durch endlose Durchsichtigkeit.

Die Luft wird zu einem unsichtbaren Strom,
der mich trägt und ich begreife,
dass Loslassen nicht Fallen bedeutet,
sondern Vertrauen.

Der Sinkflug beginnt,
die Erde hat mich wieder.

Der Motor klingt tiefer, schwerer,
und die Luft riecht plötzlich nach Wasser und Gras.
Ich lande auf einem See.

Die Oberfläche zerreißt unter mir in tausend funkelnde Splitter.
Gischt schlägt hoch, warm auf meiner Haut.

Das Wasser rauscht gegen den Rumpf,
und ich lache —
nicht aus Übermut,
sondern aus reiner Freude am Erleben.

Denn die Luft ist mein Element.
Dort oben werde ich weiter, stiller.

Der Himmel löst die Schwere aus meinen Gedanken und Gefühlen
und der Wind trägt fort,
was ich am Boden nicht mehr brauche.

Ich bin zurück,
mit nassen Händen,
mit dem Feuer des Abenteuers glühend in der Brust.

Jetzt erde ich mich wieder und
spüre festen Boden unter meinen Füßen
und höre die vertrauten Geräusche der Welt.

Etwas in mir bleibt in den Wolken zurück —
ein Teil meines Wesens,
der sich immer wieder erinnert, wir sind EINS.

Quelle: Otfried Weise

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