2026-10-20

Klaus Praschak: Der gelebte Geist


Der gelebte Geist ist keine neue idealistische Forderung und er will auch nicht erklären, wie man leben soll. Es geht darum, selbst etwas zu verkörpern, das der Welt, wie sie gegenwärtig ist, eine neue Möglichkeit eröffnet. Eine alte Wirklichkeit lässt sich nicht allein dadurch überwinden, dass wir ihren Verfall erkennen und ihre Widersprüche kritisieren. Selbst die treffendste Kritik vermag noch keine neue Welt hervorzubringen. Erneuerung beginnt dort, wo etwas Lebendiges entsteht. Für mich ist dies der entscheidende Gedanke des Gelebten Geistes: Erkenntnis darf nicht im Denken verharren. Sie möchte Gestalt annehmen, unser Sein durchdringen und sich in unserem Handeln ausdrücken.

Wenn wir die Trennung erkennen, müssen wir Verbundenheit leben.
Wenn wir Lieblosigkeit erkennen, muss Liebe in uns und durch uns wirksam werden.
Wenn wir die Entfremdung des Menschen von seiner inneren Wahrheit erkennen, genügt es nicht, darüber zu sprechen. Wir müssen beginnen, aus dieser Wahrheit heraus zu leben.

Das Neue entsteht nicht dadurch, dass wir das Alte bekämpfen, sondern dadurch, dass wir etwas verwirklichen, das über dessen Möglichkeiten hinausgeht.

Die Herausforderung in der Zeit des Wandels liegt nicht länger darin nur über eine andere Menschheit nachzudenken, sondern selbst zu Menschen zu werden, durch die eine andere Wirklichkeit erfahrbar wird. Denn der Geist verändert die Welt nicht allein dadurch, dass wir ihn erkennen. Er verändert sie, indem wir ihn verkörpern. „Aus Erkenntnis wird Verkörperung, aus Verkörperung wird gelebter Geist, und aus gelebtem Geist der Liebe entsteht jene neue Welt nach der wir uns sehnen.“

Unser Bewusstsein muss sich über die Grenzen von Zeit und Raum erheben, wenn wir die tieferen Zusammenhänge des Daseins erfassen und ein Weltbild entwickeln wollen, in dem wir uns nicht länger als isolierte Wesen begreifen, sondern als Kinder der Ewigkeit und des Kosmos. Dazu müssen wir bisweilen die Tür zur äußeren, materiellen Welt schließen, um in unser ewiges Bewusstsein einzutauchen. Erst wenn die gewohnte Wahrnehmung zur Ruhe kommt und wir uns von ihren Begrenzungen lösen, kann sich uns möglicherweise eine Wirklichkeit erschließen, die über das sinnlich Erfahrbare hinausreicht. Doch unser Weg führt nicht allein aus der Welt hinaus. Wir kehren in sie zurück, um fortan aus einer anderen Tiefe heraus in ihr zu leben. Es geht darum, beide Dimensionen miteinander in Einklang zu bringen: die Ewigkeit, die wir in unserem Innersten berühren, und die zeitliche Wirklichkeit, in der wir unseren menschlichen Weg gehen.

Nun müssen wir nicht zwischen der geistigen und der materiellen Welt wählen, sondern aus dem Bewusstsein unserer tieferen Verbundenheit heraus mit dieser Welt zu leben und ihr eine neue Qualität zu verleihen. Das unbewältigte Ego sieht in der Welt vor allem Chaos, Krisen und Zerstörung. Es richtet seinen Blick auf die täglichen Katastrophenmeldungen, nimmt sie als Bestätigung seiner Ängste und gelangt zu der Überzeugung, dass die Menschheit unaufhaltsam ihrem Untergang entgegengeht.

Was es kaum zu erkennen vermag, ist die Möglichkeit einer Wandlung, die nicht allein durch äußere Veränderungen, sondern aus einer tieferen Quelle hervorgeht, nämlich durch die Gegenwart Gottes im Menschen. Solange unser Bewusstsein ausschließlich an der Oberfläche des Geschehens haftet, bleibt uns verborgen, dass inmitten aller Krisen auch etwas Neues heranreifen kann. Eine Wandlung des menschlichen Seins, die dort beginnt, wo der Mensch seine Trennung vom Göttlichen überwindet und sich wieder aus jener inneren Wahrheit heraus zu leben erlaubt, die seinem Wesen zugrunde liegt. Das Ego sieht den drohenden Untergang einer vertrauten Welt. Das erwachende Bewusstsein hingegen vermag auch die Möglichkeit einer neuen Welt zu erkennen – nicht als Garantie für einen glücklichen Ausgang, sondern als Aufgabe, die in jedem Menschen beginnt, der die göttliche Liebe nicht nur erkennt, sondern verkörpert und lebt.

Um den eigentlichen Sinn eines Gelebten Geistes zu verstehen, müssen wir beginnen, über das Denken in den Grenzen unserer Endlichkeit hinauszugehen. Das Ego betrachtet das Leben aus der Perspektive seiner begrenzten Lebenszeit. Es denkt: Eine neue Welt werde ich ohnehin nicht mehr erleben. Warum sollte ich mich also bemühen, etwas zu verändern? Aus dieser Perspektive erscheint es folgerichtig, die eigenen Kräfte vor allem auf das persönliche Überleben zu richten und sich innerhalb der bestehenden Verhältnisse einzurichten. Was über die eigene Lebensspanne hinausgeht, verliert an Bedeutung. Doch mit dieser Sichtweise bleibt uns möglicherweise eine tiefere Dimension des Daseins verschlossen. Denn wenn wir uns nicht mehr ausschließlich als vergängliche Einzelwesen begreifen, sondern uns als Teil einer Wirklichkeit erfahren, die unser persönliches Leben übersteigt, verändert sich auch unser Verhältnis zur Zukunft und zu unserer Verantwortung für das Ganze.

Wer die unmittelbare Gegenwart Gottes erfahren hat, kann erkennen, dass Liebe nicht lediglich eine Tugend ist, die wir während unseres Lebens verwirklichen sollten. Sie wird sich als eine allgegenwärtige Wirklichkeit offenbaren, aus der wir leben und die durch unser Sein und Handeln Ausdruck finden möchte.

Klaus Praschak
Bild: printerest.de danke

Quelle: Klaus Praschak

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