2026-11-03

Otfried Weise: DIE FABEL VON DEN SIEBEN TIEREN


Am Rande eines großen Waldes, dort, wo die weite Steppe begann und ein schmaler Fluss zwei Landschaften voneinander trennte, lebten sieben Tiere. Jedes von ihnen hatte seine eigene Vorstellung von Grenzen.

Der Löwe war ein Grenzgänger. Er liebte die Weite, die Herausforderung und das Unbekannte. Grenzen waren für ihn keine Mauern, sondern ein Angebot, sie zu überschreiten, wenn sie ihn einengten, setzte er sich über sie hinweg, wenn es seine Natur verlangte. Er wusste um seine Stärke und dass Freiheit darin bestehe, sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen. Doch manchmal vergaß er, dass auch andere Lebewesen einen Lebensraum brauchten.

Die Schildkröte hingegen trug ihre Grenzen auf dem Rücken. Ihr Panzer gab ihr Schutz und Sicherheit. Sie hatte gelernt, sich mit dem Vorgegebenen abzufinden. Warum sollte sie sich in Gefahr begeben, wenn die vertraute Welt doch alles bot, was sie zum Leben brauchte? Sie bemerkte nicht, dass ihr Schutz allmählich zum Gefängnis wurde, ihre Vorsicht bewahrte sie vor Gefahren, aber auch vor Abenteuern.

Der Fuchs kannte die Kunst der Anpassung. Geschickt und listig wusste er sich in jeder Umgebung zurechtzufinden. Er schlüpfte durch Lücken, umging Hindernisse und fand stets einen Weg. Doch manchmal passte er sich so sehr den Umständen an, dass er selbst nicht mehr wusste, was sein eigener Weg war, seine Klugheit drohte zur Verstellung zu werden.

Der Adler liebte die Freiheit über den Wolken. Von oben erschienen ihm die Grenzen der Erde klein und bedeutungslos. Er erhob sich über alles, was andere einengte, doch in seiner Höhe übersah er gelegentlich die kleinen Geschöpfe am Boden. Er verwechselte Abstand mit Überlegenheit und Freiheit mit Unabhängigkeit von allem und jedem.

Der Biber dagegen war ein Baumeister. Er errichtete Dämme, schuf Ordnung und begrenzte das Wasser, um sich und seine Familie zu schützen. Er wusste, dass nicht jede Grenze ein Hindernis sein musste. Manche Grenzen ermöglichten erst das Leben. Als er immer höhere Dämme baute, staute sich das Wasser, bis es den Lebensraum anderer Tiere bedrohte, was als Schutz gedacht war, wurde zur Bedrohung.

Das Reh war empfindsam und aufmerksam. Es spürte die Grenzen der anderen und achtete darauf, niemandem zu nahe zu kommen. Aus Angst wich es häufig zurück, auch wenn es selbst Raum gebraucht hätte. Mit der Zeit wurde seine Vorsicht zum Hindernis und zur Selbstverleugnung. Es musste erst lernen, dass auch das eigene Leben einen Platz beanspruchen darf.

In diesem Zauberwald lebte auch eine Eule, alt und weise. Sie hatte viele Generationen hindurch viel gesehen und erfahren. Sie kannte die Grenzen der Nacht und des Tages, die Grenzen des Wissens und des Nichtwissens, sie wusste, dass manche Grenzen überwunden werden müssen, andere Schutz gewähren und wieder andere erst durch Begegnung ihren Sinn offenbaren.

Eines Tages versammelten sich die sieben Tiere am Ufer des Flusses. Sie stritten darüber, wer von ihnen die richtige Einstellung zu den Grenzen des Lebens habe.

Der Löwe brüllte: „Grenzen sind dazu da, überwunden zu werden!“
Die Schildkröte zog den Kopf ein: „Grenzen geben Sicherheit. Ohne sie wäre das Leben gefährlich.“

Der Fuchs lächelte schelmisch: „Man muss nur wissen, wie man mit ihnen umgeht.“
Der Adler rief aus der Höhe: „Wer sich erhebt, sieht, dass Grenzen keine Bedeutung haben!“

Der Biber verteidigte seine Dämme: „Ohne Grenzen gäbe es keine Ordnung!“
Das Reh flüsterte: „Grenzen machen mir Angst“

Da erhob die Eule ihre Stimme:
"Ihr habt alle ein wenig recht und doch nicht das Ganze erkannt. Wer sich jeder Grenze unterwirft, verliert seine Freiheit. Wer jede Grenze niederreißt, zerstört die Freiheit anderer. Wer sich immer anpasst, läuft Gefahr, sich selbst zu verlieren. Wer niemals nachgibt, wird einsam bleiben.

Eine Grenze kann Gefängnis sein oder Schutz, Hindernis oder Herausforderung, Trennung oder Begegnung. Entscheidend ist nicht allein, ob wir sie überschreiten oder achten, sondern ob wir verstehen, warum sie besteht.

Der Löwe darf lernen, dass Stärke auch Rücksicht bedeutet.
 
Die Schildkröte, dass Sicherheit nicht alles ist.
 
Der Fuchs, dass Anpassung nicht zur Selbstaufgabe werden darf. Der Adler, dass Freiheit Verantwortung einschließt.
 
Der Biber, dass Ordnung nicht zur Herrschaft werden darf und das Reh, sich selbst zu achten und zu vertrauen.“

Die sieben Tiere schwiegen.

Dann trat der Löwe an den Fluss. Er hätte ihn mit einem Sprung überwinden können. Doch diesmal blieb er stehen und betrachtete das Wasser. Auf der anderen Seite standen die anderen Tiere und zum ersten Mal fragte er sich nicht, wie er hinüberkommen könne, sondern wie die anderen Tiere das Hindernis überwinden.

Die Eule lächelte.
„Die größte Freiheit liegt nicht darin, keine Grenzen zu haben, sondern darin, bewusst mit ihnen umzugehen. Denn wer die Grenzen kennt, kann entscheiden, wann er sie überschreiten, wann er sie achten und wann er sie verändern muss.“

Und so lebten die sieben Tiere weiter, jedes auf seine Weise, aber mit einem erweiterten Bewusstsein für einander.

Sie hatten erkannt, dass Freiheit und Verantwortung keine Gegensätze sind, sondern zwei Seiten derselben Grenze.

Es wird gesagt, dass Grenzen ein Geheimnis bergen.

Worin könnte dieses Geheimnis bestehen?

Liegt es darin, dass wir erst an unseren Grenzen erkennen, wer wir wirklich sind? Dass wir im Überschreiten etwas entdecken, das uns zuvor verborgen blieb? Oder darin, dass die Grenze gar nicht dort liegt, wo wir sie vermuten, sondern dort, wo wir aufhören, uns getrennt zu fühlen.

Quelle: Otfried Weise

1 Kommentar:

  1. Viele Grenzen werden durch Ängste errichtet.
    Mancher geht nicht mehr vor die Tür, aus Angst überfahren oder überfallen zu werden.
    Einige verschließen sich neuen Bekanntschaften, da sie Angst haben enttäuscht zu werden.
    Wieder andere hören den Mitmenschen nicht mehr zu, da sie Angst haben manipuliert zu werden.
    Und so weiter und so fort.........

    Was ist das für ein Leben in dem mich meine Angst dazu anleitet, mir immer engere Grenzen zu setzen?
    Misstrauisch und aggressiv zu werden, anstatt mit Freude und Leichtigkeit meine Grenzen zu erweitern und zu geniessen?
    Nicht auf egoistische Art und Weise, sondern immer wertschätzend und respektvoll meinem Umfeld gegenüber 💞

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