
Als alle schweigend Platz genommen hatten, trat aus dem Inneren des Tempels ein schlanker, wohlgewachsener älterer Mann hervor. Sein Haar und sein Bart waren dunkelbraun und silbergrau meliert. Die hohe Denkerstirn beeindruckte ebenso wie die langen, gepflegten Finger, an denen ein großer Türkis in goldener Fassung schimmerte. Er trug ein indigoblaues Gewand aus feinster ägyptischer Baumwolle mit weiten Ärmeln.
Doch am eindrucksvollsten waren seine Augen. Aus ihnen strömte ein Licht unendlichen Verstehens, das unmittelbar das Herz berührte. Ohne nachzudenken wusstest du: Es ist Pythagoras.
Er nahm auf einem Polster im Schatten zwischen den Säulen Platz und ließ seinen liebevollen Blick über die Versammelten schweifen.
„Meine lieben Freundinnen und Freunde der Weisheit“, begann er, „ihr nehmt hier an einem besonderen Experiment teil. Noch nie hat ein Lehrer gewagt, junge Frauen und Männer gemeinsam zu unterrichten. Ihr teilt miteinander nicht nur Wissen, sondern das ganze Leben.
Seid euch des Vertrauens bewusst, das ich euch schenke und zugleich der Verantwortung, die ich von euch fordere. Ihr habt die seltene Gelegenheit, Philosophie und Philousia, die Weisheit, nicht nur als Lehre zu studieren, sondern als Lebensweg zu erfahren.
Weisheit ist kein trockenes Wissen. Wissen ist lediglich der Anfang. Weisheit entsteht, wenn ihr euch bei allem beobachtet, was ihr denkt, fühlt und tut. Sie wächst, wenn ihr euch auf Menschen einlasst, die euch vertraut sind, ebenso wie auf jene, die euch fremd erscheinen.
Weisheit ist die Vereinigung von Erkenntnis und Mitgefühl. Sie ist Verstehen. Sie ist die Einsicht in das, was uns verbindet, in die gemeinsame Quelle allen Lebens.
Sie bedeutet die Verwandlung der Gedanken, die Läuterung der Persönlichkeit und die Begegnung auf der Ebene der Seele. Sie ist das Eintauchen in jene Göttliche Wirklichkeit, die wir von Anbeginn sind und immer sein werden.“
Seine Stimme wurde kraftvoll.
„Wacht auf! Ihr habt lediglich vergessen, wer ihr seid, als ihr in diesen dichten Körper inkarniertet. Ihr seid einzigartige Individuen, und zugleich seid ihr alle EINS im göttlichen Bewusstsein.
Auf der Ebene der Persönlichkeit erscheint Trennung, und daraus entsteht Kampf. Kämpft, wenn ihr kämpfen müsst, doch werdet dabei bewusster. Beobachtet euch selbst. Denn ihr seid auf dieser Erde, um Verstehen zu lernen.
Verstehen bringt Weisheit. Weisheit bringt Frieden. Frieden bringt Liebe. Und Liebe führt zur Dankbarkeit.“
Die Zuhörer lauschten in tiefer Andacht. Jedes Wort schien mit kristallklarer Reinheit aus seinem Mund zu perlen.
Nach einer Weile fuhr er fort:
„Weisheit kann man nicht lernen wie eine Rechenkunst oder ein Handwerk. Ihr müsst sie in euch entfalten. Dies geschieht nicht in Einsamkeit, sondern im täglichen Miteinander. Das Leben selbst ist die Schule der Weisheit.
Beobachtet euch bei allem, was ihr tut. Erforscht neue Formen des Umgangs miteinander. Lernt, über eure Gewohnheiten hinauszuwachsen. So wird Wissen zu Mitgefühl und Mitgefühl zu Verstehen.“
Dann schloss Pythagoras für einen Moment die Augen.
„Ohne Verstehen wird das Herz hart wie Stein. Trennung bringt Leid und Schmerz. Wie sollte euer Herz Freude, Glück und Liebe empfinden, wenn es von seiner Quelle abgeschnitten wird?
Denkt mit dem Verstand, ja. Ich lehre euch Mathematik, Musik, Philosophie und die Gesetze der Natur. Doch über allem steht die Entwicklung bedingungslosen Verstehens.
Verstehen bedeutet nicht unterschiedsloses Mitleid. Mitgefühl ja, Mitleid nein. Mitgefühl führt zu verantwortlichem Handeln, Mitleid oft nur zu weiterer Verstrickung.
Seid wachsam. Prüft eure Motive. Lernt die Dinge ganzheitlich zu betrachten, wie mein Freund Hermes Trismegistos mich lehrte: Im Detail offenbart sich das Ganze.“
Nun erhoben sich einige der Weisheitssucher und stellten Fragen.
„Wie führt Freiheit zur Weisheit?“
Pythagoras lächelte.
„Freiheit ist die Voraussetzung jeder Weisheit. Wie könntet ihr verstehen, solange Vorurteile euren Blick trüben, solange ihr von unbewussten Gewohnheiten gelenkt werdet?
Wer sich ausschließlich mit seinem vergänglichen Körper identifiziert, bleibt gefangen. Erst wenn ihr euch als unsterbliche Seele erkennt, beginnt wahre Freiheit.
Der Mensch besitzt einen freien Willen. Er ist ein kostbares Geschenk, mit dem jeder verantwortungsvoll umgehen sollte. Ihr könnt euch dem Licht zuwenden oder euch von ihm abwenden. Selbst Gott wird euren freien Willen nicht antasten.
Doch Freiheit bedeutet nicht Beliebigkeit. Stellt euch vor, ihr steht vor einem Festmahl und erkennt, dass alle Speisen vergiftet sind. Würdet ihr sie essen, nur weil ihr die Freiheit dazu habt?
Wahre Freiheit entsteht dort, wo Erkenntnis das Handeln leitet.“
Ein weiterer Schüler fragte:
„Wie kann ich mein Herz verstehen?“
Noch bevor die Frage vollständig ausgesprochen war, hob Pythagoras erneut an.
„Herz und Verstehen sind letztlich dasselbe.
Wie könnte ich lieben, ohne zu verstehen?
Wie könnte ich verstehen, ohne zu lieben?
Weisheit, Liebe wie Mitgefühl sind drei Namen für eine einzige Wirklichkeit. Ihr Sitz ist das Herz.
Du verstehst dein Herz in dem Augenblick, in dem es zur höchsten Instanz deines Lebens wird. Solange allein Emotionen, gesellschaftliche Erwartungen oder der Verstand herrschen, bleibt sein Ruf ungehört.
Gib deinem Herzen seinen rechtmäßigen Platz zurück. Dann wirst du mit ganzem Herzen leben. Freude wird dein Dasein durchlichten. Menschen werden sich von deiner Echtheit angezogen fühlen, weil du nicht länger eine Rolle spielst, sondern du selbst bist.“
Nun wandte sich Pythagoras wieder an alle Anwesenden.
Seine Stimme wurde sanft.
„Meine Lieben, mein Herz strömt über vor Göttlicher Glückseligkeit. Ich wünsche euch nichts sehnlicher, als dass ihr die Fesseln falscher Vorstellungen sprengt.
Ihr seid unendlich viel mehr, als ihr euch vorstellen könnt.
Verstehen macht frei.
Verstehen erlöst.
Verstehen führt aus dem Gefängnis von Instinkten, Begierden, Ängsten und Illusionen.
Kein Meister kann diesen Weg für euch gehen. Doch Meister können euch erinnern, wer ihr wirklich seid. Deshalb bin ich hier. Und deshalb werden nach mir viele andere kommen.
Aus Freiheit erwächst Verstehen.
Aus Verstehen erwachsen Licht und Liebe.
Und aus Licht und Liebe erwächst die Fähigkeit, Worte zu sprechen, die Herzen berühren.
Wie könnte ich lieben, ohne zu verstehen?
Wie könnte ich verstehen, ohne zu lieben?
Weisheit, Liebe wie Mitgefühl sind drei Namen für eine einzige Wirklichkeit. Ihr Sitz ist das Herz.
Du verstehst dein Herz in dem Augenblick, in dem es zur höchsten Instanz deines Lebens wird. Solange allein Emotionen, gesellschaftliche Erwartungen oder der Verstand herrschen, bleibt sein Ruf ungehört.
Gib deinem Herzen seinen rechtmäßigen Platz zurück. Dann wirst du mit ganzem Herzen leben. Freude wird dein Dasein durchlichten. Menschen werden sich von deiner Echtheit angezogen fühlen, weil du nicht länger eine Rolle spielst, sondern du selbst bist.“
Nun wandte sich Pythagoras wieder an alle Anwesenden.
Seine Stimme wurde sanft.
„Meine Lieben, mein Herz strömt über vor Göttlicher Glückseligkeit. Ich wünsche euch nichts sehnlicher, als dass ihr die Fesseln falscher Vorstellungen sprengt.
Ihr seid unendlich viel mehr, als ihr euch vorstellen könnt.
Verstehen macht frei.
Verstehen erlöst.
Verstehen führt aus dem Gefängnis von Instinkten, Begierden, Ängsten und Illusionen.
Kein Meister kann diesen Weg für euch gehen. Doch Meister können euch erinnern, wer ihr wirklich seid. Deshalb bin ich hier. Und deshalb werden nach mir viele andere kommen.
Aus Freiheit erwächst Verstehen.
Aus Verstehen erwachsen Licht und Liebe.
Und aus Licht und Liebe erwächst die Fähigkeit, Worte zu sprechen, die Herzen berühren.
Sendet solche Worte hinaus in die Welt.
Führt die Menschen vom bloßen Wissen des Kopfes
zum lebendigen Verstehen des Herzens.“
Dann schwieg Pythagoras.
Und in der Stille zeigte sich der Tempel als lebender Organismus.
Führt die Menschen vom bloßen Wissen des Kopfes
zum lebendigen Verstehen des Herzens.“
Dann schwieg Pythagoras.
Und in der Stille zeigte sich der Tempel als lebender Organismus.
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