2026-10-03

Klaus Praschak: Es gibt nichts zu erreichen


Immer wieder begegnet mir im spirituellen Austausch ein Satz, der mich nachdenklich macht:

„Ich bin noch nicht so weit.“

Aber wann ist man eigentlich weit genug? Welche Vorstellung steht hinter diesem Satz? Müssen wir erst eine bestimmte Bewusstseinsstufe erreicht haben, bevor wir uns der Liebe öffnen können? Müssen wir alte Muster vollständig überwunden, Ängste geheilt, unser Ego erkannt und unser Leben entsprechend verändert haben?

Und wer entscheidet eigentlich, wann wir weit genug sind? In dieser Vorstellung liegt bereits ein Missverständnis. Denn wenn es um spirituelle Entwicklung geht, geht es für mich nicht darum, etwas zu erreichen, das irgendwo über uns liegt. Es geht auch nicht darum, bestimmte Fähigkeiten zu entwickeln oder ein bestimmtes spirituelles Ideal zu verkörpern. Es geht zunächst um Bereitschaft, nämlich um die Bereitschaft, für einen Augenblick still zu werden. Nicht um etwas zu bekommen, nicht um eine Erfahrung zu erzwingen und auch nicht um „höher“ zu kommen. Einfach still zu werden und wahrzunehmen, was in dieser Stille geschieht. Denn die Stille ist nicht, wie viele glauben, ein leerer Raum. In ihr begegnen wir etwas, das schon lange in uns gegenwärtig ist. Im stillen Raum erfahren wir, dass auch Liebe nicht etwas ist, was wir erst lernen oder herstellen müssen. Sie ist etwas, dem wir uns allmählich wieder öffnen können. 

Dann beginnt spirituelle Entwicklung nicht mit dem Vorsatz: „Ich muss mich verändern.“ Sondern mit einer viel einfacheren Bewegung: „Ich bin bereit zu sehen, was in mir ist.“ Von diesem Augenblick an kann ein innerer Prozess beginnen. Und dieser Prozess muss nicht von uns geplant werden. Wir wissen nicht, wohin er führt. Wir wissen nicht, welche Erkenntnis als Nächstes auftaucht, welche alten Vorstellungen sich lösen oder welche Erfahrungen uns begegnen werden. Aber das ist der Punkt, an dem wir beginnen, geführt zu werden.

Nicht im Sinne eines äußeren Führers, der uns sagt, welchen Weg wir gehen müssen. Sondern indem wir immer feiner wahrnehmen, was in uns geschieht und wohin uns diese Wahrnehmung führt. Eine Erkenntnis kann die nächste hervorbringen. Eine Erfahrung kann eine tiefere Frage öffnen. Eine Frage kann uns in die Stille führen. Und die Stille kann etwas sichtbar machen, das wir vorher nicht sehen konnten.

So entsteht ein Weg, den wir vorher nicht kennen konnten. Der Weg entsteht beim Gehen. Deshalb müssen wir auch gar nicht „weit“ sein. Oder etwas umsetzen. Es genügt, bereit zu sein. Bereit, uns berühren zu lassen, bereit, nicht alles sofort erklären zu müssen,bereit, unsere eigenen Vorstellungen zu hinterfragen und bereit, in der Stille auszuhalten, dass wir noch keine Antwort haben. Und vielleicht ist sogar der Mensch, der sagt:„Ich bin noch nicht so weit“ bereits viel näher, als er glaubt. Denn er muss gar nicht weiter, er muss nur anfangen, sich erinnern zu lassen.

Ein Mensch muss gar nicht erst tief fallen, es braucht keinen Zusammenbruch und keine große Krise. Manchmal genügt ein stiller Augenblick, in dem die Sehnsucht nach etwas Tieferem stärker wird als die Gewohnheit, weiterzufunktionieren.
 
Klaus Praschak
Bild. Printerest.de

Quelle: Klaus Praschak

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