2026-02-18

Klaus Praschak: Wenn Jesus von den „Wehen der Endzeit“ spricht


Wenn Jesus von den „Wehen der Endzeit“ spricht, verwendet er ein Bild, das weit über eine bloße Katastrophenankündigung hinausgeht. Wehen sind Schmerzen, aber sie sind nicht sinnlos. Sie sind Geburtszeichen und sie kündigen nicht das Ende allen Lebens an, sondern das Ende eines Zustandes, aus dem Neues hervorgeht. Historisch lassen sich viele seiner Aussagen durchaus auf konkrete Ereignisse seiner Zeit beziehen, insbesondere auf die Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahr 70 n. Chr. Für seine damaligen Zuhörer war das eine reale Erschütterung ihrer religiösen und gesellschaftlichen Ordnung. In diesem Sinne waren die „Wehen“ Ausdruck eines tatsächlichen Umbruchs.

Doch die Bildsprache Jesu ist tiefer angelegt. Sie beschreibt nicht nur ein einmaliges historisches Ereignis, sondern ein geistiges Prinzip. Immer wenn alte Strukturen nicht mehr tragen, wenn Sicherheiten zerbrechen und vertraute Weltbilder ins Wanken geraten, entstehen Spannungen. Diese Spannungen fühlen sich wie Krise – oder auch wie Endzeit an, aber im Bild der Geburt liegt bereits der Hinweis, dass es nicht um Vernichtung geht, sondern um Übergang.

Auffällig ist zudem, dass Jesus jede konkrete Datierung relativiert. Niemand kenne Tag oder Stunde. Damit verschiebt er den Fokus weg von der Frage nach dem „Wann“ und hin zur inneren Haltung im „Jetzt“. Die Endzeit wird nicht zu einem berechenbaren Zeitpunkt in der Zukunft, sondern zu einer Schwelle, die sich immer wieder im Lauf der Geschichte und im Leben des Einzelnen ereignet.

So verstanden sind die „Wehen“ kein einmaliger kosmischer Untergang, sondern ein zyklischer Reifungsprozess. Das Ende einer Illusion, das Ende einer Machtstruktur, das Ende einer falschen Sicherheit kann sich für unser Nervensystem apokalyptisch anfühlen, doch jede echte Transformation enthält eine Phase der Auflösung. Schmerz bedeutet hier nicht Zerstörung um ihrer selbst willen, sondern die Loslösung vom Überholten.

Überträgt man dieses Verständnis auf die Gegenwart, dann erscheinen gesellschaftliche Erschütterungen weniger als endgültiger Untergang, sondern es sollte uns bewusst werden, dass wir an einer Schwelle stehen. Alte Gewissheiten bröckeln, Institutionen verlieren Autorität, neue Kräfte entstehen. Das kann Angst auslösen. Doch die entscheidende Frage bleibt nicht, wann alles endet, sondern worauf wir gegründet sind, wenn etwas endet.

Für mich geschieht die eigentliche „Endzeit“ nicht im äußeren Lärm, sondern im Inneren des Menschen, nämlich immer dann, wenn falsche Fundamente zerbrechen und Bewusstsein reift. Dann endet eine alte Welt, und eine neue beginnt. Im Inneren geschieht es nicht laut und auch nicht datierbar, aber real. Hier sehe ich die tiefere Hoffnung im Bild der Wehen ,dass durch Erschütterung etwas geboren wird, das tragfähiger ist als das, was vergeht.

In nahezu jeder Epoche haben Gelehrte und Theologen versucht, die Worte Jesu über die „Wehen“ auf ihre eigene Zeit zu beziehen. Ob der Fall Jerusalems, die Pest, die Weltkriege oder der Kalte Krieg, immer wieder glaubte man, nun stehe die Menschheit unmittelbar vor der Endzeit, kurz vor einer neuen Geburt. Die apokalyptische Bildsprache ist so kraftvoll und zugleich so offen formuliert, dass sie sich auf viele Krisen anwenden lässt. Jede Generation erkennt sich in ihr wieder. Das macht sie zeitlos, aber auch anfällig für vorschnelle Deutungen.

Doch das Bild der Geburtswehen wird oft missverstanden. Es wird so gelesen, als müsse aus jeder Katastrophe zwangsläufig etwas Gutes hervorgehen. Als sei Leid automatisch der Vorbote einer besseren Welt, aber Geburt ist kein Automatismus. Wehen garantieren kein gesundes Kind. Sie beschreiben einen Übergang, nicht dessen Qualität. Geschichte zeigt deutlich, dass Große Erschütterungen Reifung hervorbringen können, aber ebenso Verhärtung. Der Erste Weltkrieg führte nicht unmittelbar in eine lichte Epoche, sondern in noch größere Zerstörung. Krise ist kein moralischer Filter, denn sie verstärkt, was im Menschen angelegt ist. Mein Empfinden, dass nach all den Katastrophen nicht unbedingt etwas Gutes geboren wurde, sondern oft neue Formen des Dunklen, ist wohl kein Mangel an Hoffnung, sondern nüchterner Realismus. Leid ist nicht per se heilsam. Es ist zunächst zerstörerisch. Was daraus entsteht, hängt davon ab, wie es innerlich verarbeitet wird. Ich sehe hier die tiefere Pointe der Worte Jesu. Er kündigt nicht einfach eine bessere Welt nach dem Zusammenbruch an. Er spricht zugleich von Wachsamkeit. Er warnt vor Verführung, vor Angst, vor falschen Sicherheiten. Das deutet darauf hin, dass in Zeiten der „Wehen“ nicht automatisch das Licht siegt. Es entscheidet sich etwas. Erschütterung schafft Möglichkeit, aber keine Garantie. So verstanden sind die Wehen kein Versprechen für ein goldenes Zeitalter, sondern eher eine Beschreibung kritischer Übergangszeiten. In ihnen wird sichtbar, wohin sich das Menschliche bewegt. Ob aus Chaos Reifung entsteht oder neue Verhärtung, hängt nicht allein vom Ereignis ab, sondern vom Bewusstsein der Menschen. Hierin liegt die ernste, aber zugleich hoffnungsvolle Dimension dieser Worte, denn es ist nicht die Katastrophe selbst, die das Neue gebiert, sondern die Haltung, mit der wir ihr begegnen.

Klaus Praschak

Bild: printerest.de danke

Quelle: Klaus Praschak

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Bei Kommentaren bitten wir auf Formulierungen mit Absolutheitsanspruch zu verzichten sowie auf abwertende und verletzende Äußerungen zu Inhalten, Autoren und zu anderen Kommentatoren.

Daher bitte nur von Liebe erschaffene Kommentare. Danke von Herzen, mit Respekt für jede EIGENE Meinung.