2026-07-27

Klaus Praschak: Im Schweigen Gottes reift die Liebe.


Es gibt Zeiten im Leben, in denen uns das Göttliche oder die Liebe weit entfernt erscheinen. Zeiten, in denen wir uns fragen, warum unser Herz nicht mehr so offen ist wie früher oder weshalb wir Gottes Nähe kaum noch wahrnehmen. Manche Menschen glauben dann, sie hätten den Weg verloren oder Gott habe sich von ihnen entfernt.

Doch es ist genau umgekehrt, denn Gott hat sich nicht entfernt, sondern es hat sich lediglich unsere Wahrnehmung verändert. So wie die Sonne nicht aufhört zu scheinen, nur weil dichte Wolken den Himmel verdecken, bleibt auch die göttliche Liebe gegenwärtig, selbst wenn wir sie eine Zeit lang nicht spüren können.

Gerade in solchen Phasen zeigt sich, wie tief unsere innere Ausrichtung wirklich ist. Solange wir nur dann vertrauen, wenn wir Trost, Frieden oder Freude empfinden, bleibt unser Vertrauen an unsere Gefühle gebunden. Erst wenn wir auch in Zeiten der Trockenheit, der Zweifel oder der inneren Leere den Blick auf das Licht gerichtet halten, beginnt etwas in uns zu reifen.

Diese scheinbar dunklen Abschnitte gehören sogar zum geistigen Weg. Sie laden uns ein, nicht länger von außergewöhnlichen Erfahrungen zu leben, sondern aus einem stillen Vertrauen, das auch dann Bestand hat, wenn das Herz schweigt.

Deshalb sollten wir den Mut nicht verlieren, wenn wir Gottes Gegenwart einmal nicht mehr so deutlich wahrnehmen. Die Liebe Gottes ist nicht von unserer Empfindung abhängig. Sie trägt uns auch dann, wenn wir sie gerade nicht fühlen können. Unsere Aufgabe besteht nur darin, die Ausrichtung unseres Herzens zu bewahren und darauf zu vertrauen, dass sich das Licht wieder zeigen wird – vielleicht nicht so, wie wir es erwarten, aber genau dann, wenn wir bereit sind, es neu zu empfangen.

Der Mensch lernt, Gott nicht mehr wegen der tröstenden Erfahrungen zu suchen, sondern um Gottes selbst willen. Solange wir Gott suchen, um Trost zu finden, bleibt unser Herz unbewusst an den Trost gebunden. Erst wenn wir bereit sind, auch die Trostlosigkeit anzunehmen, ohne die Liebe zu verlieren, beginnt eine tiefere Vereinigung. Dann wird Gott nicht länger zum Mittel für unser Glück, sondern zur Quelle unseres Seins. Solange wir Gott wegen seiner Gaben suchen, kreist unsere Liebe noch um uns selbst. Erst wenn wir Gott auch dann lieben, wenn alle Gaben schweigen, beginnt die Liebe frei zu werden.

Mich erinnert das an ein Wort des Mystikers Meister Eckhart: „Wer Gott um etwas bittet, bittet nicht um Gott.“ Ich verstehe diesen Satz nicht als Verbot zu beten. Vielmehr weist er auf denselben inneren Wandel hin: Die Liebe reift von einem „Gib mir“ zu einem „Ich will bei dir sein.“ Das ist keine Geringschätzung unserer menschlichen Bedürfnisse – wir dürfen mit allem zu Gott kommen. Aber es beschreibt den Weg, auf dem die Seele langsam erkennt, dass die größte Gabe Gottes letztlich Gott selbst ist. Genau das ist die tiefste Erfüllung jeder Sehnsucht.

Klaus Praschak
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Quelle: Klaus Praschak

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