2026-07-22

Otfried Weise: HERZENSNAHRUNG



Aus der unendlichen Tiefe eines dankbaren Herzens entspringt eine Quelle, die nie versiegt. Ihr Wasser kennt keinen Anfang wie kein Ende. Es fließt durch die Landschaft der Seele, berührt Verborgenes und weckt, was lange zu schlafen schien.

Liebe schenkt sich wie das Licht der Morgensonne, das ohne Unterschied über Wiesen und Wälder, über Felsen und Flüsse gleitet. Sie fragt nicht, wem sie gehören darf. Sie ist einfach da, ein warmes Leuchten, dass das Leben in seinem innersten Wesen erkennt.

Was aus einem erfüllten Herzen gegeben wird, gleicht dem Duft einer blühenden Linde, den der Wind in alle Richtungen trägt. Niemand vermag ihn festzuhalten, und doch bleibt er im Herzen derer, die ihn empfangen. Unsere Lieben fühlen sich genährt wie ein Baum, dessen Wurzeln nach einem langen Sommerregen tief aus der Erde trinken. Geborgenheit breitet sich aus wie ein schützender Himmel, unter dem jede Seele aufatmen darf.

Im Schenken geschieht etwas Wunderbares: Die Hände, die geben, bleiben nicht leer. Sie werden selbst zu Schalen, die sich mit einer Freude füllen, die aus keiner äußeren Quelle stammt. Je freier wir verschenken, desto weiter wird der Raum unseres Herzens, wie ein Tal, das den Klang eines unsichtbaren Baches immer tiefer in sich aufnimmt.

Und dann geschieht das Staunen.

Als würde sich ein feiner Schleier aus Nebel heben, zeigt sich für einen flüchtigen Augenblick das verborgene Antlitz des Seins. Was eben noch gewöhnlich erschien, beginnt von innen zu leuchten: ein Blatt im Wind, das Lächeln eines geliebten Menschen, der Gesang eines Vogels in den frühen Morgenstunden, der kühle Atem der Erde. Alles spricht dieselbe lautlose Sprache.

Das Geheimnis ist niemals verborgen, nur sanft verhüllt. Wie eine Knospe, die sich noch nicht öffnen lässt und sich dann dem Licht anvertraut, entfaltet sich auch das Wesen des Lebens nur dort, wo Liebe und Dankbarkeit wohnen. Nicht das Denken löst seine Hülle, sondern das offene Herz.

So erkennen wir staunend: Wir sind nicht getrennt von diesem unendlichen Strom. Wir sind Tropfen wie Quelle zugleich, Atemzug wie Wind, Welle wie Meer. Die Liebe, die wir verschenken, ist dieselbe Liebe, die seit Anbeginn durch die Schöpfung fließt und Sterne leuchten lässt, Samen zum keimen bringt und Herzen füreinander öffnet.

In diesem Erkennen wird jeder Augenblick zu einem stillen Heiligtum. Jede Begegnung wird zu einer Blüte am Weg. Jeder Blick kann ein Fenster in die Ewigkeit sein.

Und wir gehen unseren Weg mit leichten Schritten, nicht, weil wir alle Antworten gefunden hätten, sondern weil wir dem Innersten vertrauen, das uns trägt. Aus Dankbarkeit fließt die Liebe. Aus Liebe wächst die Erfüllung. Und aus der Erfüllung erhebt sich jenes wortlose Staunen, in dem Himmel wie Erde sich im menschlichen Herzen begegnen.

Quelle: Otfried Weise

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