Doch in dieser Betrachtung fehlt noch eine weitere Qualität, die wir als das Satanische bezeichnen können. Dabei meine ich nicht zuerst die Vorstellung einer dämonischen Gestalt, sondern eine Kraft oder Tendenz, die sich in ihrer tiefsten Bedeutung als Trennung und Gegnerschaft zeigt.
Das Satanische wäre dann nicht einfach die Bewegung nach oben oder nach unten, sondern die Bewegung „gegen etwas“. Es macht aus dem anderen den Widersacher. Aus dem Unterschied wird Trennung, aus der Trennung Gegnerschaft und aus der Gegnerschaft schließlich die Überzeugung, dass das Eigene nur Bestand haben kann, wenn das Andere bekämpft, abgewertet oder ausgeschlossen wird. Diese Kraft beginnt viel unscheinbarer, als wir denken. Sie kann dort wirken, wo wir ständig einen Schuldigen suchen. Wo wir andere Menschen in Schubladen stecken. Wo wir uns selbst für die Erwachten und andere für die Unbewussten halten. Wo wir unsere Wahrheit nicht mehr als eigene Erfahrung, sondern als Maßstab für den anderen betrachten. Sie kann aber auch nach innen gerichtet sein, wenn wir uns selbst unaufhörlich anklagen, ablehnen oder für nicht würdig genug halten.
So gesehen ist das Satanische nicht unbedingt dort zu suchen, wo wir es spektakulär vermuten würden. Es kann mitten in unserem Alltag wirken - in einem Gedanken, einem Urteil, einer Abwertung, einer Angst oder in dem kaum bemerkten Gefühl: Ich gegen dich.
Genau hier ist eine der entscheidenden Fragen des geistigen Weges zu stellen: Wo wirken diese Kräfte in mir selbst? Wo lasse ich mich von äußeren Strukturen bestimmen und verliere meine innere Freiheit? Wo flüchte ich mich in geistige Vorstellungen, weil mir die Wirklichkeit des Menschseins zu schwer erscheint? Wo mache ich aus einem anderen Menschen einen Gegner, weil ich seine Andersartigkeit nicht aushalten kann?
Es wäre zu einfach, Ahriman, Luzifer oder das Satanische ausschließlich außerhalb von uns zu suchen. Denn solange wir diese Kräfte nur bei anderen erkennen, haben wir möglicherweise noch nicht verstanden, wie subtil sie auch in uns selbst wirken können. Geistige Wachheit besteht nicht darin, möglichst viele solcher Begriffe zu kennen, sondern die eigenen Bewegungen des Bewusstseins wahrzunehmen.
Wenn ich mich über andere erhebe - was wirkt in mir? Wenn ich mich nur noch an das Materielle klammere - was wirkt in mir? Wenn ich mich von der Welt abwende, weil ich mich für geistiger halte - was wirkt in mir? Wenn ich einen Menschen zum Gegner mache, weil er anders denkt, anders glaubt oder anders lebt - was wirkt in mir?
Diese Fragen können unangenehm sein, aber gerade deshalb sind sie wertvoller als jede Vorstellung davon, bereits „erwacht“ zu sein. Denn der Christusimpuls scheint mir gerade dort auf, wo diese Einseitigkeiten überwunden werden können. Christus führt den Menschen weder aus der Erde heraus noch lässt er ihn in der Verhärtung des Irdischen zurück. Er verbindet Himmel und Erde, Geist und Mensch, Freiheit und Verantwortung. Das bedeutet aber auch, dass ich nicht aufhören muss, ein individuelles Ich zu sein. Ich muss mich auch nicht aus der Welt zurückziehen. Vielmehr darf mein Ich so frei werden, dass es nicht mehr in Trennung leben muss.
Ich darf anders sein, ohne den anderen zum Gegner zu machen.
Ich darf frei sein, ohne mich über andere zu erheben.
Ich darf die Welt lieben, ohne mich in ihr zu verlieren.
Ich darf den Geist suchen, ohne vor dem Menschsein davonzulaufen.
Der gelebte Geist beginnt dort, wo wir nicht mehr nur nach dem Licht außerhalb von uns suchen, sondern bereit werden, auch unsere eigenen Schatten im Licht zu betrachten.
Denn die entscheidende Frage ist nicht, welche Kräfte wirken in der Welt, sondern welche Kräfte dürfen durch mich wirken? Und erst wenn wir beginnen, diese Frage ehrlich an uns selbst zu stellen, wird aus geistiger Erkenntnis ein Weg.
Klaus Praschak
Bild: printerest. de danke

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