2026-08-10

Klaus Praschak: Der rote Faden


Es gibt jene Momente, die einen dazu auffordern, einen Rückblick auf das eigene Leben zu wagen, um den roten Faden der Wahrheit zu erkennen, der sich durch all die Jahre gezogen hat. Nicht jede Station unseres Lebens lässt sich verstehen, wenn wir mitten in ihr stehen. Manches erschließt sich erst im Rückblick, wenn wir erkennen, dass scheinbar voneinander getrennte Ereignisse miteinander verbunden waren und mehr zu uns gehörten, als wir damals ahnen konnten.

Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, frage ich mich manchmal: Wie passt das alles zusammen? Wie passen die Erfahrungen meiner Kindheit, meine Rebellion gegen gesellschaftliche Erwartungen, meine beruflichen Brüche, meine Beziehungen, meine Verluste und all die mystischen Erfahrungen, die mein Leben geprägt haben, in ein gemeinsames Bild?

Als Kind wurde ich von Lichtwesen begleitet, die mir ein tiefes Gefühl von Geborgenheit und Schutz vermittelten. Da war eine Liebe, die eine innere Welt in mir entstehen ließ, die mit der äußeren Welt kaum etwas gemeinsam zu haben schien. Ich wurde nicht religiös erzogen und hatte dennoch schon früh eine tiefe Verbundenheit zu einer geistigen Wirklichkeit, für die mir damals jede Erklärung fehlte.

Als Heranwachsender war ich alles andere als leicht zu erziehen - zum Leidwesen meiner Eltern. Auch später fiel es mir schwer, mich in die Konstanz einzufügen, die das Berufsleben von einem Menschen erwartet. Ich war kaum länger als sechs Monate an einer Arbeitsstelle, es sei denn, ich machte mich selbstständig. Doch auch dort verlor ich mich nicht selten in dem, was ich tat, bis mich das Leben auf manchmal schmerzhafte Weise wieder zu mir selbst und damit auch zurück zu meiner inneren Welt führte.

Ich war nie das, was man allgemein als vernünftig bezeichnete. Wenn ich heute zurückblicke, kann ich sagen, dass ich oft wild und ungestüm war, besonders dann, wenn es um die Moral und die Vorstellungen der Gesellschaft ging. Ich wollte mich nicht einfach in eine Ordnung einfügen, die mir innerlich widersprach. Dadurch wurde es nicht leichter, Kontakte zu finden. Wenn ich Menschen begegnete, mit denen eine tiefere Verbindung möglich war, waren es nicht selten ebenfalls Menschen, die sich gegen gesellschaftliche Normen auflehnten und dadurch an den Rand gedrängt worden waren.

Auch für ernsthafte Liebesbeziehungen blieb in meinem Leben wenig Raum. Meine große Liebe starb viel zu früh bei einem Autounfall. Für die Beziehungen, die danach kamen, fehlte mir nicht selten das Interesse oder auch die Bereitschaft, die äußeren Voraussetzungen zu schaffen, die ein gemeinsames Leben braucht. Ich habe dem Geld nie besonders viel Bedeutung beigemessen und hatte, entgegen den Erwartungen mancher meiner Partnerinnen, nie die große Ambition, beruflich erfolgreich zu werden oder gesellschaftlich aufzusteigen.

Manchmal begegneten mir Menschen, deren Persönlichkeit durch ihren Beruf sichtbar wurde. Gestandene Menschen, die Autorität ausstrahlten, die wussten, was sie wollten und ihren Platz in dieser Welt gefunden zu haben schienen. Ich konnte ihre Fähigkeiten durchaus anerkennen und bewundern. Gleichzeitig empfand ich nicht selten eine eigenartige Traurigkeit, weil ich hinter dieser äußeren Sicherheit eine Gefangenheit spürte.

Wenn mein Leben von außen betrachtet oft wenig geordnet und weit entfernt von gesellschaftlichen Vorstellungen eines gelungenen Lebens gewesen sein mag, hatte ich innerlich immer das Gefühl, von etwas Lichtvollem begleitet zu werden. Selbst durch die Erfahrungen, die mir Leiden brachten, entstand in mir nie wirklich das Gefühl, bestraft zu werden. Vielmehr begann ich irgendwann zu erkennen, wie tief diese Welt gespalten ist und wie weit sich der Mensch von seinem göttlichen Ursprung entfernen kann. Ich musste manches selbst erfahren, um diese Trennung überhaupt erkennen zu können.

So begann ich, die mystischen Schriften zu lesen, nicht weil ich einer bestimmten Lehre folgen wollte, sondern weil ich nach Worten für etwas suchte, das ich selbst erfahren hatte und das mein Verstand nicht begreifen konnte. Und je mehr ich las, desto deutlicher wurde mir, dass Menschen in den unterschiedlichsten Zeiten und religiösen Traditionen etwas Ähnliches gesucht und erfahren haben. Hinter ihren unterschiedlichen Begriffen und Bildern schien etwas Gemeinsames auf: eine Sehnsucht nach der unmittelbaren Erfahrung des Göttlichen, nach Einheit, nach Liebe und nach der Überwindung jener Trennung, in der der Mensch sich selbst und seine Welt so oft erlebt.

So begann ich Religionen und Glaubensrichtungen irgendwann anders zu betrachten. Nicht mehr nur als Systeme, die darüber bestimmen wollen, was ein Mensch glauben soll, sondern auch als Brücken, die einen Menschen zu einer eigenen geistigen Erfahrung führen können. Ihre tiefere Bedeutung besteht darin, dass wir irgendwann nicht mehr nur über Gott sprechen, sondern beginnen, ihn selbst zu erfahren. Und ist auch das der Grund, weshalb ich Jesus heute anders verstehe als früher. Für mich wollte er nicht einfach eine weitere religiöse Lehre begründen. Er verwies immer wieder auf eine Wirklichkeit, die hinter den äußeren Formen liegt. Er ist für mich die Tür zum Vater. Eine Tür, durch die wir hindurchgehen sollen, anstatt ein Leben lang vor ihr stehen zu bleiben und sie anzubeten.
Der tiefere Sinn seiner Botschaft besteht für mich darin, die Trennung zu durchschauen und wieder in die Einheit mit Gott hineinzuwachsen. Es ist keine Weltflucht, sondern ein Erwachen mitten in dieser Welt. Es geht auch nicht darum immer mehr über Gott zu wissen, sondern wir lassen zu, dass seine Liebe in uns lebendig wird.

Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, sehe ich deshalb nicht mehr nur die vielen Brüche, die Umwege und das vermeintliche Scheitern an dem, was man gemeinhin ein gelungenes Leben nennt. Ich sehe einen Menschen, der sich immer wieder in der äußeren Welt verloren hat und doch immer wieder nach innen zurückgeführt wurde. Einen Menschen, der sich gegen vieles gewehrt hat, was andere für selbstverständlich hielten, und der dabei vielleicht nicht immer den richtigen Weg gegangen ist, aber nie aufgehört hat, nach einer tieferen Wahrheit zu suchen.

Mein Leben war niemals ein geradliniger Weg, aber es war viel Bewegung. Vom Suchen zum Erfahren. Vom Erfahren zum Erkennen. Vom Erkennen zum Loslassen und vom Loslassen zur Liebe. Das ist der rote Faden, den ich heute erkennen kann. Nicht alles, was mir widerfuhr, muss deshalb vorherbestimmt gewesen sein. Nicht jede meiner Entscheidungen war richtig. Nicht jeder Umweg war notwendig. Aber durch all das hindurch hat sich etwas in mir entwickelt, das mich immer wieder zu jener Wirklichkeit zurückführte, die ich bereits als Kind gespürt hatte. So war die geistige Welt nie etwas, das ich erst entdecken musste. Ich musste mich nur oft genug von allem entfernen, was mich von ihr getrennt hat, um wieder zu erkennen, was in Wahrheit immer da war.

Klaus Praschak

Bild: Netzfund danke

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Bei Kommentaren bitten wir auf Formulierungen mit Absolutheitsanspruch zu verzichten sowie auf abwertende und verletzende Äußerungen zu Inhalten, Autoren und zu anderen Kommentatoren.

Daher bitte nur von Liebe erschaffene Kommentare. Danke von Herzen, mit Respekt für jede EIGENE Meinung.