Ich habe den Eindruck, dass wir in einer Zeit leben, in der das Bewusstsein der Trennung stärker geworden ist als das Bewusstsein der Verbundenheit. Das zeigt sich in vielen Bereichen unseres Zusammenlebens; in zunehmender Polarisierung, in Misstrauen und in der Schwierigkeit, einander wirklich zuzuhören. Es geht mir dabei nicht darum, Menschen zu bewerten oder mich über sie zu stellen. Ich sehe vielmehr eine Entwicklung, die mir Sorge bereitet.
Seit der Corona-Zeit begleitet mich die Hoffnung, dass immer mehr Menschen erkennen, wohin ein Leben führt, das vor allem von Angst, Abgrenzung und Gegeneinander geprägt ist. Und tatsächlich begegne ich gelegentlich Menschen, die sich nach einer tieferen Verbindung sehnen. Sie haben erkannt, dass Einheit nicht bedeutet, alle müssten gleich denken oder gleich fühlen. Wahre Einheit kann gerade aus der Vielfalt entstehen, nämlich dann, wenn wir im anderen nicht zuerst den Gegner, sondern den göttlichen Kern erkennen. Eine neue Kultur beginnt nicht erst dann, wenn das Alte vollständig zusammenbricht. Sie beginnt schon heute - überall dort, wo Menschen sich trotz unterschiedlicher Ansichten mit Achtung begegnen und die Liebe höher stellen als das Bedürfnis, Recht zu haben. Jede solche Begegnung ist ein kleiner Schritt hin zu einem Bewusstsein der Verbundenheit und daraus wächst jenes kollektive Feld der Liebe, nach dem sich so viele Menschen sehnen.
In diesem Zusammenhang möchte jetzt mal einen spannenden Punkt ansprechen, an dem sich Mystik, Psychologie und Philosophie berühren. Es gibt einen kollektiven Geist oder, vorsichtiger formuliert, ein kollektives Bewusstsein, das unsere menschliche Wirklichkeit in erheblichem Maße mitgestaltet. Denken wir nur einmal ans Geld. Ein Geldschein ist physikalisch gesehen nur Papier. Seinen Wert erhält er dadurch, dass Milliarden Menschen an diesen Wert glauben und entsprechend handeln. Dasselbe gilt für Nationen, Grenzen, Gesetze, Religionen, wirtschaftliche Systeme und gesellschaftliche Normen. All das existiert nicht unabhängig vom menschlichen Bewusstsein. Es entsteht und bleibt bestehen, weil Menschen gemeinsame Vorstellungen teilen. In diesem Sinn erschafft das kollektive Bewusstsein tatsächlich einen großen Teil unserer gesellschaftlichen Realität. Aber......es erschafft nicht die gesamte Wirklichkeit. Die Sonne geht nicht deshalb auf, weil wir daran glauben. Ein Baum wächst nicht aufgrund eines kollektiven Gedankens. Die Gravitation richtet sich nicht nach unseren Überzeugungen. Und - aus mystischer Sicht das Wichtigste: Gott ist nicht das Produkt des menschlichen Geistes. Der kollektive Geist erschafft viele Formen unserer menschlichen Wirklichkeit. Die göttliche Wirklichkeit hingegen geht dem menschlichen Geist voraus. Das erinnert mich an den Anfang des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort...“und nicht „Im Anfang war der menschliche Gedanke.“ Der schöpferische Ursprung liegt im göttlichen Logos. Der Mensch nimmt daran teil, er ist aber nicht dessen Ursprung.
Mystisch betrachtet erschafft der kollektive Geist einen großen Teil der Welt, in der wir miteinander leben. Unsere Überzeugungen, Ängste, Werte und Vorstellungen prägen das menschliche Zusammenleben und formen unsere Wirklichkeit. Doch über diesem kollektiven Bewusstsein steht eine tiefere göttliche Wirklichkeit, die nicht vom Menschen erschaffen wurde. Der geistige Weg besteht deshalb nicht darin, eine neue Wirklichkeit zu erdenken, sondern das eigene Bewusstsein so zu öffnen, dass es sich immer mehr mit der göttlichen Wahrheit in Einklang bringt. Dort beginnt wahre Freiheit, als Erwachen zu dem, was immer schon war. Wenn der kollektive Geist unsere gemeinsame Wirklichkeit mitgestaltet, dann tragen wir auch eine gemeinsame Verantwortung für die Qualität dieses Bewusstseins. Aus diesem Grund glaube ich, dass es heute wichtiger denn je ist, Kollektive zu bilden, nicht aus dem Grund sich gegen andere abzugrenzen, sondern um Räume zu schaffen, in denen Liebe, Mitgefühl, Wahrhaftigkeit und gegenseitiges Vertrauen wachsen können. Jeder Mensch, der sich innerlich wandelt, verändert auch das Bewusstseinsfeld, das uns alle miteinander verbindet. Die tiefste Sehnsucht des Menschen erfüllt sich nicht im Alleingang, sondern dort, wo Herzen beginnen, sich in der Liebe zu begegnen. Denn Liebe möchte nicht nur im Einzelnen wohnen - sie möchte Wirklichkeit werden zwischen uns.
Klaus Praschak
Bild: printerest.de danke
Quelle: Klaus Praschak

Herzlichen Dank lieber Klaus 💖
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