2026-08-29

Otfried Weise: DAS LEBEN EIN HAUCH VON LIEBENDEM FLIESSEN



Ich tauche ein
in das Wasser meiner selbst,
dorthin, wo unter den Wellen
die Stille tiefer reicht
als jeder Gedanke.

Unter dem Wasserspiegel
wird alles langsamer.
Zwischen Schilf und Schatten
gleiten Fische durch mein Inneres,
wissend, ohne zu fragen.
Licht bricht sich
in ihren Bewegungen.

Silberne Rücken blitzen auf,
bunte Farben tauchen empor
und sinken wieder
in die Tiefe.

Jeder trägt etwas in sich,
eine Erinnerung,
eine Sehnsucht,
eine Angst,
eine Traurigkeit,
die niemand sehen durfte.

Einen Wunsch,
der noch keinen Namen trägt,
noch nicht geboren ist
und doch schon
in der Tiefe lebt.

Ich füttere die Fische
nicht mit Angst,
auch nicht mit Zweifel,
ob sie verweilen.

Ich versuche nicht,
sie festzuhalten,
nicht, sie zu zähmen,
nicht zu bestimmen,
wohin sie schwimmen.

Ich schenke ihnen
meine volle Aufmerksamkeit.

Ich sehe sie kommen,
ich sehe, wie sie wieder auf und abtauchen,
und wieder verschwinden.

Alles ist in Bewegung.
Und etwas,
das in mir verborgen lag,
findet seinen Weg
aus der Dunkelheit
ins offene Wasser.

Hier in der Tiefe
muss nichts festgehalten werden.
Hier darf ich fühlen, dass das Alte
seine Gestalt verliert.

Was ich bewahren wollte,
beginnt sich zu wandeln,
lautlos,
wie Farbe im Wasser.

Zuerst ist sie noch wie eine dunkle Wolke,
verdichtet, sichtbar,
wie eine schmerzhafte Erfahrung aus der Vergangenheit,
dann breitet sie sich aus und Farbe und Wasser verschmelzen langsam.

So geschieht Loslassen.
Es ist nicht das Ende einer Geschichte, es ist die Erkenntnis, indem ich aufhöre, mich mit ihr zu identifizieren.

Ich bin nicht
die Geschichte.

Die alten Bilder
verlieren ihren Anspruch.
Die Gefühle dürfen fließen,
ohne mich zu bestimmen.

Und auch die Kontrolle
lässt nach.
Die Vorstellung,
ich müsse mich schützen
vor allem,
was mich berühren könnte,
wird still.

Denn ich bin nicht getrennt.
Ich bin verbunden
mit dem Wasser,
mit seinem dunklen Grund,
mit dem Licht auf der Oberfläche.

Ich spüre meinen Atem,
das stille Strömen, das schon immer da ist,
ALLES FLIESST

Quelle: Otfried Weise

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