2026-08-25

Klaus Praschak: Die göttliche Kraft in dir


Wir tragen in uns weit mehr, als wir gewöhnlich wahrnehmen.

Unter all den Vorstellungen darüber, wer wir sind, unter unserer Geschichte, unseren Erfahrungen, Ängsten und Gewohnheiten, gibt es eine tiefere Wirklichkeit, die nicht erst erschaffen werden muss. Sie ist bereits da. Wir nennen sie das Göttliche, den Geist, das höhere Selbst oder einfach jene stille Gegenwart, die sich unserem Denken entzieht und dennoch zutiefst vertraut sein kann. Das persönliche Ich möchte vieles wissen, gestalten, kontrollieren und erreichen. Es sucht Sicherheit und möchte wissen, wohin der Weg führt. Doch darin liegt seine größte Begrenzung. Denn das, was aus der Tiefe unseres Wesens zu uns spricht, lässt sich nicht erzwingen. Das „Ich Bin“ ist nicht die Summe dessen, was wir über uns denken. Nicht unser Name, unser Beruf, unser Alter, unsere Vergangenheit oder die Rolle, die wir im Leben einnehmen.

„Ich Bin“ ist, bevor wir etwas daran hängen.

Die innere Freiheit beginnt dort, wo wir für einen Augenblick aufhören, uns über all das zu definieren, was wir zu sein glauben. Dann wird das persönliche Ich nicht ausgelöscht. Es darf vielmehr seinen Platz finden. Es wird vom Herrscher zum Diener, vom Kontrollierenden zum Empfangenden. Der Verstand verliert dabei nicht seine Bedeutung, doch er muss nicht länger über alles bestimmen. Denn es gibt eine Weisheit, die nicht aus dem Denken kommt.

Sie zeigt sich manchmal als leise Eingebung, als Gewissheit ohne Beweis, als ein Gedanke, der nicht gesucht wurde, als ein Gefühl von Frieden, das plötzlich da ist. Es ist jene innere Stimme, die Menschen seit jeher als die Stimme der Seele oder des göttlichen Geistes erfahren haben. Deshalb braucht es manchmal nichts weiter als Stille. Es geht nicht darum etwas Besonderes zu erzwingen, auch nicht darum eine außergewöhnliche Erfahrung hervorzubringen. Sondern um wahrzunehmen, was längst da ist. Sei still und wisse: Ich Bin. Es genügt nicht, diesen Satz nur zu denken, sondern ihn für einen Augenblick in sich wirken zu lassen. Wer bin ich, wenn ich nichts hinzufügen muss? Wer bin ich, wenn meine Geschichte für einen Moment schweigt? Wer bin ich jenseits all dessen, was ich über mich gelernt habe? Mag sein, dass du nicht sofort eine Antwort hörst und vielleicht wird zunächst nur Stille entstehen. Doch manchmal beginnt gerade in dieser Stille etwas in uns zu erinnern.

Ich durfte erfahren, dass Stille etwas anderes ist als bloße Abwesenheit von Geräuschen. Sie kann zu einem Raum werden, in dem uns etwas begegnet, das im Lärm des äußeren Lebens nicht wahrnehmbar ist. Ich habe es einmal so empfunden: Wenn ich die Stille liebe, beginnt die Stille, mich zu lieben. Das war für mich keine schöne Metapher, sondern Teil eines tiefen mystischen Prozesses. Je weniger ich von der äußeren Welt brauchte, um mich selbst zu erfahren, desto tiefer zog mich die Stille nach innen. Sie nahm mir nichts, sondern führte mich vielmehr zu etwas zurück, das ich lange außerhalb meiner selbst gesucht hatte. Es war, als würde die Stille Schicht für Schicht von dem lösen, womit ich mich identifiziert hatte. Gedanken, Vorstellungen, Rollen und Ängste verloren allmählich ihre Selbstverständlichkeit. Und unter all dem wurde etwas spürbar, das nicht erst entstehen musste.

Mein wahres Selbst musste nicht gefunden werden. Es musste nur freigelegt werden. Und hier liegt die eigentliche Kraft der Stille: Sie gibt uns nicht unbedingt Antworten. Sie nimmt uns zunächst die vielen Antworten weg, die wir uns selbst gegeben haben. Und irgendwann wird die Stille nicht mehr als Leere erfahren. Sie wird zu einer Gegenwart.

In ihr kann etwas hörbar werden, das der Verstand nicht hervorbringen kann. Eine leise Gewissheit. Ein Frieden, der keinen äußeren Grund braucht. Und eine Liebe, die nicht mehr auf ein Gegenüber gerichtet sein muss, weil sie einfach da ist. So wurde die Stille für mich zu einem Weg nach innen – und dieser Weg führte nicht in eine Abkehr vom Leben, sondern immer tiefer zu dem, was ich in Wahrheit bin. 

Doch gerade dort liegt eine eigentümliche Gefahr, denn sobald wir einen solchen Zustand erfahren haben, möchte der Verstand ihn festhalten. Er möchte verstehen, wiederholen und vielleicht sogar erreichen, was sich nicht erzwingen lässt. Aus der Erfahrung kann so erneut eine Suche werden und aus der Suche wiederum ein Wollen. Ich habe gelernt, dass auch das Loslassen dieses Wunsches Teil des Weges ist. Wenn sich ein solcher Moment einstellt, müssen wir ihn nicht festhalten. Auch die Sehnsucht nach einem besonderen Zustand kann wieder zu einer Form des Suchens werden. Das Göttliche muss nicht festgehalten werden. Es möchte erfahren und gelebt werden, dann wird aus innerem Geist gelebter Geist.

Hier beginnt das, was wir Hingabe nennen. Hingabe besteht nicht darin, dass wir unseren eigenen Willen aufgeben oder passiv werden, sondern darin, dass wir aufhören, alles selbst hervorbringen und kontrollieren zu wollen. Wir dürfen unseren Willen behalten, aber wir können lernen, ihn für etwas zu öffnen, das tiefer reicht als unsere persönlichen Vorstellungen. Nicht mein Wille muss verschwinden. Er darf sich verwandeln. Es geht nicht um die Frage, wie ich die göttliche Kraft nutzen kann, sondern wie kann ich so still, wahrhaftig und offen werden, dass diese Kraft durch mich wirken kann?

Hingabe bedeutet für mich deshalb, den eigenen Weg weiterhin bewusst zu gehen und zugleich eine Tür offen zu lassen für das, was wir selbst nicht vorausgesehen haben. Wir dürfen planen, wünschen und handeln. Aber wir dürfen ebenso lernen, nicht darauf zu bestehen, bereits zu wissen, wohin dieser Weg führen muss. Dann führt uns das Leben manchmal gerade dorthin, wo unser persönlicher Wille niemals hingeführt hätte. Und hier liegt die tiefste Form von Vertrauen verborgen, nämlich nicht mehr alles selbst bestimmen zu müssen, um sich dennoch sicher genug zu fühlen, den nächsten Schritt zu gehen.

Klaus Praschak
Bild: printerest.de

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