Und dennoch möchte ich mich gar nicht in die Kritik einreihen, denn in dieser Kritik liegt bereits etwas Wertvolles, nämlich die Sehnsucht danach, dass Spiritualität wieder unmittelbarer, ehrlicher und menschlicher werden darf. Wir müssen tatsächlich nirgendwohin, denn wir sind irgendwann müde davon, uns selbst ständig als ein Projekt zu betrachten, das verbessert, geheilt, optimiert oder auf eine höhere Ebene gebracht werden muss.
Dann stellt sich allerdings eine andere Frage: Was bleibt, wenn wir aufhören, irgendwohin kommen zu wollen? Da bleibt zunächst einmal sehr wenig. Keine neue Methode, kein neues Versprechen und kein nächstes Ziel, mit dem sich das kleine Ich beschäftigen könnte. Da ist nur dieser Augenblick, dieser Mensch und dieses Leben.
Doch genau hier beginnt etwas, das wir bisher auf unserer Suche übersehen haben. Denn auch die Suche nach Erleuchtung kann zu einer Form von Flucht werden. Wir können so sehr damit beschäftigt sein, eine andere Bewusstseinsebene zu erreichen, dass wir den Menschen übersehen, der gerade vor uns steht. Wir können über Liebe sprechen und dabei nicht bemerken, dass wir gerade urteilen. Wir können nach innerer Freiheit suchen und gleichzeitig von unseren eigenen Vorstellungen darüber abhängig sein, wie Freiheit auszusehen hat.
Deshalb ist geistige Entwicklung nicht unbedingt ein Aufstieg, sondern ein Zurückkehren ins eigene Herz. Zurück zum eigenen Erleben, zurück zur Stille, zurück zum Körper, zurück zum Menschen neben uns und zurück zu dem, was in diesem Augenblick tatsächlich geschieht. Nicht, um dort stehen zu bleiben, sondern um endlich wirklich da zu sein.
Dafür braucht es gar nicht noch mehr Wissen, sondern es braucht manchmal sogar weniger. Weniger Erklärungen, weniger fertige Antworten und weniger Vorstellungen davon, wie ein bewusster Mensch zu sein hat.
Dafür braucht es einen Raum. Einen Raum, in dem ein Gedanke einmal nachwirken darf, statt sofort vom nächsten überlagert zu werden. Einen Raum, in dem jemand sagen darf: „Ich weiß es gerade nicht.“ Einen Raum, in dem eine Erfahrung nicht sofort bewertet oder in ein spirituelles Konzept eingeordnet werden muss. Einen Raum, in dem wir einander begegnen können, ohne dass einer bereits wissen muss, wo der andere hin sollte.
„Raum für unser wahres Sein“ ist kein Konzept darüber, was wahres Sein ist. Es ist ein Versuch, einen äußeren Rahmen zu schaffen, in dem Menschen ihrem eigenen Erleben begegnen können. Ein Raum, in dem wir erfahren können, was geschieht, wenn wir für einen Augenblick aufhören, jemand anderes werden zu wollen.
Möglicherweise beginnt dann etwas ganz Subtiles. Es braucht keine „Teilnahmeleistung“, aber eine innere Bereitschaft zur Begegnung. Jemand muss nicht besonders viel wissen, spirituell erfahren sein oder gut schreiben können. Aber braucht es die Bereitschaft, etwas von sich zu zeigen, eine eigene Erfahrung einzubringen, eine Frage zu stellen, einem anderen wirklich zuzuhören, auch einmal zu sagen „Ich weiß es nicht“, und einen Gedanken nicht nur zu lesen, sondern ihn in sich weiterzubewegen.
Das ist etwas anderes als Aktivität. Der Raum ist die Form. Was durch ihn hindurch lebendig wird, können wir nicht vorwegnehmen. Die Tiefe dieses Raumes kann dort entstehen, wo wir aufhören, etwas darstellen zu wollen, und beginnen, uns wirklich zu begegnen.
Klaus Praschak
Bild: printerest.de

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Bei Kommentaren bitten wir auf Formulierungen mit Absolutheitsanspruch zu verzichten sowie auf abwertende und verletzende Äußerungen zu Inhalten, Autoren und zu anderen Kommentatoren.
Daher bitte nur von Liebe erschaffene Kommentare. Danke von Herzen, mit Respekt für jede EIGENE Meinung.