2026-09-21

Klaus Praschak: Wo das Wir aus der Liebe entsteht – und der Geist lebendig wird


Geistige Reife besteht nicht darin, immer feinere Räume aufzusuchen, sondern darin, das Feine auch dort nicht zu verlieren, wo die Welt grob geworden ist. Und das ist wohl ein Teil dessen, was wir lernen dürfen... nicht nur dort zu lieben, wo Liebe leichtfällt, sondern auch dort, wo uns etwas in uns selbst berührt, das wir lieber nicht spüren würden. Denn dort zeigt sich, ob unsere innere Feinheit auch dann Bestand hat, wenn das Leben uns an unsere eigenen Grenzen führt.

Zu Lieben fällt uns oft dort leicht, wo wir selbst geliebt und angenommen werden, wo man uns respektiert, uns Wertschätzung entgegenbringt oder uns ein Mensch einfach sympathisch ist. Dort müssen wir unsere Liebe kaum bewusst wählen – sie entsteht beinahe von selbst.

Wahre Liebe beginnt allerdings dort, wo sie nicht mehr so leicht fällt... wo uns jemand verletzt, uns nicht versteht, uns ablehnt oder etwas in uns berührt, das wir lieber nicht spüren würden. Dann zeigt sich, ob wir innehalten und still werden können, bevor wir urteilen, bewerten oder spontan in Handlung verfallen. Das bedeutet nicht, alles hinzunehmen oder jede Beziehung aufrechterhalten zu müssen. Es bedeutet vielmehr, auch in schwierigen Begegnungen die Verbindung zu uns selbst und zu dem, was wir als Liebe erkennen, nicht sofort zu verlieren.

Häufig höre und lese ich, insbesondere dann, wenn es um politischen Unmut geht: „Wir müssen etwas verändern“ oder „Wir dürfen uns das nicht gefallen lassen.“ Wenn das Ich in Not gerät, entsteht plötzlich ein Wir-Gedanke. Doch im Überlebensmodus finden wir noch kein echtes Wir. Wir verbinden uns zunächst über das, was wir gemeinsam ablehnen, was uns bedroht oder wovor wir Angst haben.

Ein echtes Wir beginnt für mich erst dort, wo wir die inneren Begrenzungen überschreiten, die uns voneinander trennen. Dort, wo wir nicht mehr nur fragen: Was geschieht mit mir und mit uns?, sondern beginnen wahrzunehmen, dass auch der andere Mensch - selbst wenn er anders denkt, fühlt oder handelt als wir – aus derselben Tiefe des Seins hervorgegangen ist.

Zum echten Wir-Gefühl gehört deshalb für mich nicht die Auflösung des Einzelnen, sondern die Überwindung jener inneren Trennung, die uns glauben lässt, wir müssten uns gegen andere behaupten, um selbst sicher zu sein.

Im Licht unseres Herzens, dort, wo Christus in uns lebendig wird, kann Einheit nicht nur erfahrbar, sondern auch lebbar werden. Dann wird das Wir nicht mehr aus gemeinsamer Angst geboren, sondern aus einer Liebe, die keinen Gegner braucht, um sich selbst zu erfahren.

Dann beginnt eine andere Form von Gemeinschaft: nicht „Wir gegen sie“, sondern ein Wir, das den anderen nicht ausschließen muss, um sich selbst zu erkennen.

Eine Frucht der Selbsterkenntnis ist die Erfahrung, dass alles miteinander verwoben ist und nichts außerhalb des göttlichen Bewusstseins existiert. In dem Augenblick, in dem uns Gnade umhüllt, zieht sich das Ich voller Ehrfurcht zurück – nicht aus Angst, sondern aus einer unmittelbaren Erkenntnis heraus. Es ist der Augenblicke, in denen das innere Fragen und Abwägen für einen Moment still wird, weil etwas erfahren wird, das sich nicht mehr durch Denken beweisen oder widerlegen lässt. Das Ich erkennt , dass es Erfahrungen gibt, die tiefer reichen als das, was es mit seinen eigenen Mitteln erfassen kann. Es ist Hingabe in stillster Form, sich dem zu öffnen, was sich unmittelbar zeigt.

Klaus Praschak

Bild: printerest .de danke

Quelle: Klaus Praschak

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