2026-09-21

Otfried Weise: DAS LEBEN - EIN FEST



Menschen sitzen beisammen,
doch wie viele sitzen wirklich beieinander?
Wie viele lachen und doch liegt unter diesem Lachen
ein leises Fragen, das keiner laut ausspricht,
weil sie fröhlich sind und wie viele lachen,
weil man es eben tut, wenn alle lachen?
Zwischen Bierkrügen und Kaffeetassen,
zwischen Bratenduft und Mehlspeisen
wandern die Gespräche von Tisch zu Tisch.
Wer hat gebaut, wer hat geheiratet,
wer hat ein neues Auto, wer ist krank geworden,
wer hat mit wem gestritten.
Das Leben wird vermessen
an Häusern, Kindern, Besitz und Erfolg.

Und irgendwo dazwischen
sitzt einer still, der seine Frau verloren hat,
eine andere trägt die Sorge um ihren Sohn
wie einen unsichtbaren Stein in der Tasche.
Jemand lächelt freundlich, obwohl er nachts nicht schlafen kann,
weil die Rechnungen sich stapeln und vieles immer teurer wird.
Doch darüber spricht man nicht, zwischen Schnitzel und Musik.
Keiner will die Stimmung verderben.

Also hebt jeder sein Glas
und prostet sich zu:“ Auf das Leben“.
Auf welches Leben eigentlich?
Auf jenes, das wir zeigen,
oder auf jenes, das wir verbergen?
Denn unter den bunten Girlanden
hängen auch die Schattenseiten des Lebens.
Der Krieg ist weit weg und doch ist er näher, als uns lieb ist.
Menschen verlieren ihre Häuser, ihre Kinder, ihre Heimat,
während wir darüber diskutieren, ob die Benzinpreise wieder gestiegen sind.
Flüchtlinge kommen über Grenzen, getragen von Geschichten,
die wir lieber nicht hören wollen.
Manche begegnen ihnen mit Mitgefühl, andere mit Misstrauen,
und viele mit einem Achselzucken, weil das eigene Leben
schon kompliziert genug erscheint.
Auch das Klima schleicht sich längst durch die Festzelte.
Die Sommer werden heißer, die Böden trockener,
die Unwetter heftiger, mancher erinnert sich an den Bach,
der früher harmlos durch das Dorf floss und plötzlich zum reißenden Wildbach wurde.
Einige sprechen kurz darüber, dann erklingt wieder Musik. Und irgendwo zwischen Schlagern, Hip-Hop und Rap verändert sich die Welt.

Unsere Kinder wachsen hinein in eine Zeit voller Möglichkeiten
und Unsicherheiten. Sie können die ganze Welt wie ein Smartphone in der Hand tragen, und wissen häufig nicht, wo sie hingehören. Sie sind miteinander verbunden und fühlen sich dennoch nicht gesehen und wertgeschätzt. Sie haben tausend Freunde im Netz
und manchmal keinen, dem sie um drei Uhr morgens
sagen können: „Ich kann nicht mehr.“

Auch die Einsamkeit sitzt mit am Festtisch. Nur trägt sie kein Namensschild.
Sie sitzt neben dem alten Mann, dessen Kinder längst in der Stadt leben, neben der Frau, deren Ehe nur noch aus Gewohnheit besteht, neben dem Jugendlichen, der zwischen all den Menschen keinen Platz für sich findet.

Und auch die Angst hat ihren festen Platz gefunden.
Angst vor Krankheit, Angst vor dem Älter werden, Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, Angst davor, nicht mehr mithalten zu können, Angst vor einer Welt, die schneller wird, als der Mensch in ihr leben kann.

Wir haben mehr und fürchten mehr, wir wissen mehr
und verstehen trotzdem weniger.
Wir können jeden Menschen auf der anderen Seite der Erde erreichen und finden doch immer schwerer den Weg zum Miteinander.
Dies ist der seltsamste Widerspruch unserer Feiern:
Die Menschen lieben Partys und werden einander oft fremder.
Viele reden ständig und sagen immer weniger.
Viele spüren eine Leere, die trotz Ablenkung nicht verschwindet und viele leben auch schon an der Armutsgrenze und werden vom Staat unterstützt.

Vielleicht braucht es deshalb zwischen all den Festen
manchmal einen stillen Bereich. Einen Raum ohne Musik,
ohne laute Reden, ohne politische Parolen,
ohne den Zwang, glücklich erscheinen zu müssen.
Eine Möglichkeit, dass einer bekennen kann:
„Ich habe Angst.“
Und ein anderer:
„Ich bin einsam.“
Und ein Dritter:
„Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.“
Und möglicherweise antwortet dann keiner
mit einem schnellen Rat, es genügt, hinzuhören.

Denn das wäre vielleicht ein anderes Fest:
Nicht ein Fest des Überflusses,
sondern ein Fest der Menschlichkeit.
Nicht das Fest, bei dem die Gläser klingen sondern jenes,
bei dem sich die Herzen berühren.
Ein Fest gelingt dann, wenn niemand vergessen wird.
Der Traurige hat seinen Platz, der Fremde wird integriert, der Arme wird unterstützt, der Alte wird als Mensch geachtet, der anders Denkende wird wertgeschätzt.

Denn unter der Oberfläche des fröhlichen Feierns
fließt eine andere Energie.
Dort sammelt sich, was wir verdrängen:
die Angst vor dem Morgen,
die Sehnsucht nach Frieden,
die Sorge um unsere Kinder,
die Einsamkeit der Alten,
die Müdigkeit der Arbeitenden,
die Überforderung der Jungen,
die Wunden der Vergangenheit
und die unbeantworteten Fragen
auf die berechtigten Sorgen.
Und dann hören wir
für einen kurzen Augenblick
zwischen zwei Musikstücken
diese Stille.
Nur für einen Moment.
Dann sieht einer den anderen
nicht mehr als Nachbarn,
als Vereinsmitglied,
als Parteigänger,
als Stammtischbruder
oder als Fremden,
sondern einfach
als Menschen.
Dann hebt einer sein Glas,
nicht auf den Schein
einer heilen Welt,
sondern darauf,
dass wir alle
unsere Geschichten haben und verletzbar sind und dies auch zum Ausdruck bringen dürfen.
Das Leben ist ein Geschenk
und das eigentliche Fest
beginnt erst dann,
wenn wir den Mut haben,
auch über das zu sprechen,
was uns zu tiefst berührt.

Quelle: Otfried Weise

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