2026-10-23

Klaus Praschak: Die Sehnsucht als treibende Kraft


Die Sehnsucht ist zu Beginn unserer inneren Reise wie ein leuchtender Stern am Horizont. Sie zieht uns, wenn wir selbst noch nicht wissen, wohin wir gehen. Sie schenkt uns die Kraft, aufzubrechen, Altes hinter uns zu lassen und uns nach etwas Höherem auszurichten.

Am Anfang ist sie fast schmerzhaft, eine innere Unruhe, ein Ziehen in der Seele, das uns zeigt, dass das Leben in seiner gewohnten Form uns nicht mehr erfüllt. Diese Sehnsucht ist wie ein göttlicher Ruf, der uns aus dem Schlaf des Gewohnten weckt.

Sie ist die treibende Kraft, die uns die ersten Schritte gehen lässt, oft durch Dunkelheit, durch Fragen, durch Zweifel. Sie ist das Feuer, das uns weiter antreibt, auch wenn wir den Weg noch nicht klar sehen.

Doch je weiter wir uns entfalten, desto mehr erfüllt uns die Gegenwart selbst. Wir beginnen, in dem zu ruhen, was ist, dann verliert die Sehnsucht ihre Kraft, weil wir das, wonach wir uns gesehnt haben, allmählich im eigenen Herzen finden.

An die Stelle der Sehnsucht tritt eine stille Liebe, eine feine Freude, ein beständiges Vertrauen.

Wir brauchen den Zug nach außen nicht mehr, weil wir im Inneren angekommen sind. So ist die Sehnsucht ein Geschenk, ein göttlicher Motor, der uns anstößt, bis wir gelernt haben, dass das Ziel nicht außerhalb liegt, sondern in uns selbst.

In der Tiefe jedes Menschen wohnt diese heilige Kraft, die uns immer wieder anspornt, über das Bekannte hinauszugehen. Sie drängt uns, die Begrenzungen des Egos zu überwinden, um das Licht des Göttlichen in uns zu berühren. Sie lässt uns nach Wahrheit suchen, nach Liebe, nach Frieden – und in Wahrheit sucht sie immer nur eines: das Wiedererkennen des Selbst in allem, was ist.
Die Sehnsucht ist wie der Wind in den Segeln eines Schiffe: unsichtbar, doch kraftvoll.

Am Anfang treibt sie uns unaufhaltsam voran, hinaus in unbekannte Gewässer. Später, wenn wir gelernt haben, das Ziel in uns selbst zu finden, weht sie sanft weiter, aber nicht mehr als Drang, sondern als stille Begleiterin. Wenn wir der Sehnsucht erlauben, uns zu führen, gelangen wir unweigerlich in tiefere Schichten unseres Seins. Dort, wo Worte versagen und Gedanken still werden, beginnt die feine Bewegung des Lebens selbst – der Atem. Der Atem ist die Brücke zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen Körper und Geist, zwischen Mensch und göttlicher Quelle. Er ist das erste Geschenk, das uns beim Eintritt in dieses Leben zuteilwird, und das letzte, das wir wieder zurückgeben. Wer lernt, bewusst zu atmen, lauscht in Wahrheit dem Rhythmus der Schöpfung. In jeder Einatmung empfängt er Leben und in jeder Ausatmung lässt er los. So offenbart sich durch die Atmung das ewige Prinzip von Geben und Empfangen, von Hingabe und Vertrauen.

Klaus Praschak

Bild: printerest.de

Quelle: Klaus Praschak

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