2026-01-06

Otfried Weise: LOSGELÖSTSEIN – DETACHMENT


Viele Menschen definieren sich über Gewohnheiten. Sie tun das nicht nur aus Bequemlichkeit allein – sondern aus Angst vor dem leeren Raum, der entsteht, wenn Vertrautes wegfällt. Gewohnheiten sind geronnene Zeit: Sie speichern Erfahrungen, Hoffnungen, Enttäuschungen. Wer sie loslässt, lässt nicht nur ein Verhalten zurück, sondern eine Version seiner selbst.

Angewohnheiten dienen als Schutzschicht.
Viele Muster wurden ursprünglich aus Not geboren. Sie dienten als Krücken in Zeiten, in denen man nicht allein laufen konnte. Später sind sie zu Ketten geworden. Der Mensch benutzt sie jetzt nicht deshalb weiter, weil sie ihm dienen und guttun, sondern weil sie ihm bekannt sind. Das Vertraute schmerzt weniger als das Ungewisse. So wird selbst Schaden erträglich, wenn er berechenbar bleibt. Stabilität wird mit Sicherheit verwechselt.

Die Schwierigkeit des Trennens

Sich von Menschen oder Dingen zu lösen, die schaden, verlangt mehr als Einsicht – es verlangt Trauerarbeit. Denn wir trennen uns nicht nur vom Anderen, sondern von der Hoffnung, dass es doch noch besser oder zumindest anders werden könnte. Viele Menschen bleiben, weil sie an ein „Vielleicht“ gebunden sind. An das Versprechen, das nie eingelöst, aber auch nie offiziell zurückgenommen wurde.

Distanz – ein missverstandenes Wort
Gesunde Distanz ist kein Rückzug aus Kälte, sondern ein Akt der Selbstachtung. Doch sie wird oft mit Liebesentzug verwechselt. Nähe gilt als Tugend, Abgrenzung als Egoismus. Dabei ist Distanz manchmal der einzige Weg, um den persönlichen Ausdruck nicht zu verlieren. Distanz ist kein Weg-von, sondern ein Bei-sich-Bleiben.

Die Angst vor Gleichgültigkeit

Viele fürchten, dass Abgrenzung sie hart macht. Dass sie, wenn sie nicht mehr leiden, auch nicht mehr lieben können. Doch Gleichgültigkeit ist nicht das Ende des Fühlens – sie ist dessen Verweigerung.

Gesunde Abgeklärtheit hingegen ist durchlebte Emotion, nicht unterdrückte. Wer wirklich abgeklärt ist, fühlt noch – aber er ertrinkt nicht mehr darin. Abgeklärtheit ist seltene Reife und kommt nicht aus Überlegenheit, sondern aus Erkenntnis. Sie ist das feine Wissen, dass nicht alles erlitten und erduldet werden muss – und dass niemand gerettet werden kann. Viele haben sie nie gelernt, weil sie in einer Welt aufgewachsen sind, die Durchhalten höher bewertet als Loslassen. Abgeklärtheit ist kein Panzer, sondern eine durchlässige Haut.

Die feine Grenze
Zwischen Nähe und Distanz, zwischen Mitgefühl und Selbstaufgabe, zwischen Loyalität und Selbstverrat verläuft kein klarer Strich, sondern ein fließender Durchgang. Wer dort verweilt, zögert, schwankt, handelt menschlich. Ein Irrtum wäre es, das eigene Leid für einen Beweis von Tiefe zu halten.

Poetisch gesprochen:

Manche Menschen halten fest wie an Dornen, nur um nicht mit leeren Händen dazustehen. Andere lernen irgendwann, dass offene Hände nicht Verlust bedeuten, sondern Freiheit.
Und vielleicht ist Reife nichts anderes als das stille Einverständnis mit der Erkenntnis:
NICHT ALLES WAS WIR LIEBEN MUSS BLEIBEN.

Bild: Chanakya Lama

Quelle:Otfried Weise

[mascha: Herzlichen Dank lieber Otfried💖]

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