Für Menschen, die Mitgefühl nicht verloren haben, zeigt sich hingegen oft ein anderes Erleben, nämlich eine tiefe Ohnmacht. Dies geschieht nicht aus Passivität, sondern vielmehr aus dem klaren Spüren der eigenen Begrenztheit. Man sieht, was geschieht, erkennt Zusammenhänge und weiß zugleich, wie wenig sich davon unmittelbar verändern lässt. Diese Ohnmacht ist schmerzhaft, weil sie nicht aus Unwissen entsteht, sondern aus Bewusstheit. Sie ist der Preis dafür, nicht wegzusehen.
Gerade hier entscheidet sich viel. Ohnmacht kann verhärten oder öffnen. Sie kann in Zynismus, Resignation oder moralische Überlegenheit kippen oder sie kann zu einem stilleren, reiferen Mitgefühl führen. Ein Mitgefühl, das nicht mehr retten will, sondern bezeugt, dass auch nicht alles erklären oder lösen muss, sondern beim Menschlichen bleibt. Manche fühlen diese Zeit als Aufforderung zum Handeln im äußeren Sinn und andere als eine Prüfung der inneren Standfestigkeit. Wie viel Wahrheit kann ich halten, ohne mich selbst zu verlieren? Wie viel Leid kann ich wahrnehmen, ohne mein Herz zu verschließen? Die Antwort darauf wird nicht kollektiv gegeben, sondern individuell gelebt.
So gesehen markiert diese Kluft zwischen den „zwei Welten“ keinen endgültigen Bruch, sondern einen Übergang. Manche werden sich weiter abkoppeln müssen, um zu überleben. Andere werden lernen, mit offeneren Augen und weicherem Herzen in dieser Spannung zu bleiben. Ich glaube, dass es nicht unsere gemeinsame Aufgabe ist, die Realität zu kontrollieren, sondern fähig zu werden, sie zu tragen, ohne die eigene Menschlichkeit preiszugeben und damit meine ich nicht Rückzug aus Verantwortung, inneres Erstarren oder das Sich-Abfinden mit dem, was geschieht. Das ist Stagnation und davon gibt es im Moment bereits genug. Was jetzt gebraucht wird, ist jedoch keine hektische Aktivität und auch kein blindes Reagieren, sondern bewusste, ausgerichtete Bewegung. Bewegung, die nicht aus Angst oder Empörung entsteht, sondern aus einer inneren Klarheit. „Fähig werden, die Realität zu tragen“ heißt in diesem Sinn, sie nicht abzuwehren, nicht zu verleugnen und nicht zu betäuben, damit die Energie, die aus dem Erkennen entsteht, überhaupt fließen kann. Wer innerlich kollabiert oder sich abschottet, kann sich nicht bewegen. Erst wenn etwas innerlich gehalten werden kann, wird Handlung möglich, die nicht destruktiv ist. Diese Bewegung zum Licht ist nicht als Flucht aus der Dunkelheit zu verstehen, sondern ein Durchgang durch sie. Sie zeigt sich nicht unbedingt in großen äußeren Gesten, sondern oft in klaren Entscheidungen: nicht mehr mitmachen, wo Entwürdigung geschieht; nicht mehr schweigen, wo Wahrheit nötig ist und nicht mehr Energie in Systeme geben, die Leben verneinen. Das ist keine Passivität, sondern eine stille, konsequente Form von geistigen Widerstand. Diese Zeit verlangt nicht nach Erlöserfiguren oder Aktionismus, sondern nach Menschen, die innerlich ausgerichtet sind und dadurch handlungsfähig bleiben, ohne sich zu verhärten. Licht entsteht nicht durch Kampf gegen die Dunkelheit, sondern dadurch, dass Menschen beginnen, anders zu handeln, anders zu sprechen, anders zu leben- sichtbar, verkörpert und im Konkreten.
Klaus Praschak
Bild: printerest.de danke

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