2026-08-09

Otfried Weise: IM DYNAMISCHEN GLEICHGEWICHT


Die Essenz des Lebens ist nicht Stillstand, alles ist in Bewegung, in relativem Gleichgewicht.

Ein relatives Gleichgewicht, ist eine innere Ausgeglichenheit, ein Äquilibrium, nicht als starrer Zustand, den man einmal erreicht und dann festhält, sondern als etwas Lebendiges, das sich Augenblick für Augenblick neu einstellt.

So wie Wasser.

Wasser ist weich und kraftvoll zugleich. Es kann still sein wie ein klarer See am frühen Morgen, glatt und beinahe unbewegt. Und doch genügt ein kleiner Windhauch, ein fallendes Blatt, ein Stein, der seine Oberfläche berührt und schon entstehen Kreise, Wellen breiten sich aus.
Wasser widersetzt sich der Bewegung nicht. Es nimmt sie auf.

Und darin liegt eine tiefe Form von Heilung.

Wasser bringt uns nicht deshalb ins Gleichgewicht, weil es immer ruhig wäre, sondern weil es uns daran erinnert, dass Ruhe und Bewegung keine Gegensätze sind. Auch die Welle gehört zum Wasser, auch der Sturm, auch das Wogen, auch die Tiefe, die unter einer aufgewühlten Oberfläche vollkommen still sein kann.

Eine Woge ist nicht unausgeglichen, weil sie sich bewegt.
Im Gegenteil:
Ihre Bewegung ist ihr Gleichgewicht.
Sie steigt auf, erreicht ihren Höhepunkt, sinkt wieder zurück. Nichts muss festgehalten werden. Nichts muss für immer bleiben.

Auch wir können unser Leben auf diese Weise gestalten.
Nicht immer ruhig.
Nicht immer gelassen.
Nicht immer harmonisch.

Wir dürfen intensiv leben, wir dürfen begeistert sein, traurig, leidenschaftlich, zornig, verliebt, überschäumend, voller Leben. Ausgeglichenheit bedeutet nicht, nichts mehr zu empfinden. Sie bedeutet, von dem, was in uns geschieht, nicht vereinnahmt zu werden.

Die Tiefe darf stürmisch sein.
Und trotzdem bleibt etwas in uns, das weiß:
Auch das geht vorüber.
Auch diese Welle darf da sein.
Ich muss sie nicht bekämpfen.
Ich muss sie aber auch nicht festhalten.

Das Leben ist Bewegung und Offenheit.

Es ist nicht vollständig festgelegt, es muss nicht schon jetzt wissen, wie es sich entwickeln wird. Jeder Augenblick öffnet einen neuen Raum von Möglichkeiten. Wir können planen, gestalten und entscheiden und gleichzeitig offen bleiben für das, was wir nicht vorhersehen können.

Alles ist in Bewegung. Deshalb ist nichts endgültig.

Dies bedeutet, nichts vorschnell zu bewerten:
Das ist gut. Das ist schlecht. Das darf nicht sein. So hätte es kommen müssen,
sondern einfach wahrnehmen:
Ah, das ist jetzt da.
Ein Gefühl.
Eine Begegnung.
Ein Verlust.
Eine unerwartete Möglichkeit.
Ein Gedanke.
Ein Mensch, der plötzlich in unser Leben kommt.
Eine Tür, von der wir nicht wussten, dass sie existiert.
Nicht alles muss sofort verstanden werden.

Ein kleines Bild:
Stell dir einen Menschen vor, der an einem Sommerabend an einem See sitzt.
Der Tag war anders verlaufen als geplant. Etwas hat nicht funktioniert. Eine Begegnung hat ihn enttäuscht. 

Zunächst kreisen seine Gedanken:
Warum ist das passiert? Was hätte ich anders machen müssen? Wie wird es weitergehen?
Er sitzt am Ufer und betrachtet das Wasser.

Der Wind kommt auf.
Die Oberfläche, die eben noch vollkommen glatt war, beginnt sich zu kräuseln. Kleine Wellen laufen auf das Ufer zu. Dann werden sie größer, sie kommen, brechen, ziehen sich zurück, kommen wieder.

Und plötzlich erkennt er:
Der See versucht nicht, ruhig zu sein.
Er ist einfach See.
Er nimmt den Wind auf. Er nimmt den Regen auf, wenn er kommt.
Er nimmt das Sonnenlicht auf.
Er nimmt die Dunkelheit der Nacht auf.
Er spiegelt den Himmel und verliert ihn wieder.
Nichts davon macht ihn weniger zu dem, was er ist.

Der Mensch atmet tief ein.
Zum ersten Mal an diesem Tag versucht er nicht mehr, den vergangenen Moment zu verändern oder den nächsten schon zu kennen.
Er hört auf, gegen das Jetzt anzukämpfen.

Und in dieser Offenheit entsteht etwas Neues.
Vielleicht kein großer Entschluss, keine Antwort, nur ein leiser Gedanke:
„Ich weiß nicht, was kommt, ich bin bereit, für das, was kommt.“

Er steht auf.
Er weiß noch immer nicht, wie sich die Dinge entwickeln werden.
Das Leben ist nicht einfacher geworden,
aber er ist wieder beweglicher geworden.

Dies ist die tiefere Bedeutung von Ausgeglichenheit:
es gibt keine starre Mitte, in der nichts mehr schwankt,
sondern eine lebendige Mitte, die sich nicht verliert, wenn sie in Bewegung ist.

Wie ein Mensch, der tanzt.
Wie ein Baum, der sich im Wind biegt und gerade deshalb nicht bricht.
Wie Wasser, das jede Form annimmt und doch Wasser bleibt.

Ich darf, mich bewegen.
Ich erlaube mir, mich zu verändern.
Ich darf intensiv sein.
Ich bin offen, still zu werden.
Ich darf empfangen, was kommt.
Ich darf auf den nächsten Schritt vertrauen.

Quelle: Otfried Weise

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