2026-01-05

Klaus Praschak: Die große Ablenkung - Warum wir Katastrophen brauchen


Es ist auffällig, dass nicht nur die Vorstellung einer bevorstehenden Polverschiebung, sondern viele ähnliche Erzählungen derzeit Konjunktur haben. Sie öffnen gewissermaßen Schaufenster, in denen sich kollektive Unsicherheit nach außen projiziert. Mal sind es geophysikalische Szenarien, mal technologische Bedrohungen, mal geheime Eliten oder verborgene Pläne. Unterschiedliche Bilder, doch ein ähnlicher innerer Ursprung.

Diese Narrative greifen oft reale Beobachtungen auf: wissenschaftliche Prozesse, politische Spannungen, ökologische Veränderungen. Doch sie verschieben den Schwerpunkt. Aus langfristigen, komplexen Entwicklungen werden plötzlich akute Bedrohungen. Aus offenen Fragen werden verdeckte Absichten. Das erzeugt das Gefühl, etwas Entscheidendes werde verheimlicht und zugleich das Gefühl, selbst ohnmächtig zu sein.

Psychologisch wie auch geistig betrachtet erfüllen solche Erzählungen eine Funktion. Sie geben diffuser Angst eine Form, sie bündeln innere Unruhe in äußeren Bildern. Was im Inneren nicht gehalten werden kann, Unsicherheit, Kontrollverlust und Orientierungslosigkeit, wird nach außen verlagert und dort scheinbar erklärbar gemacht. So entsteht Ordnung im Denken, aber nicht unbedingt Ruhe im Sein.

Das Problem dabei ist weniger die Frage, ob einzelne Aspekte solcher Texte faktisch korrekt oder falsch sind. Entscheidend ist, dass sie vom Wesentlichen ablenken. Sie verlagern die Aufmerksamkeit weg von der eigenen inneren Stabilität hin zu spekulativen Zukunftsbildern. Sie nähren das Gefühl, man müsse sich vorbereiten, schützen, absichern, äußerlich, während die eigentliche Arbeit im Inneren unberührt bleibt.

Denn die tiefere Krise unserer Zeit ist nicht primär geophysikalisch, technologisch oder politisch. Sie ist eine Krise der inneren Regulation. Viele Menschen sind dauerhaft überreizt, innerlich angespannt und im Alarmzustand. In einem solchen Zustand sucht das Bewusstsein nach Erklärungen, nach Ursachen, nach Schuldigen und findet sie bevorzugt im Außen.

Mystisch betrachtet ist das kein Zeichen von Unwissen, sondern von Entfremdung. Wo die innere Mitte verloren geht, wird die Welt bedrohlich. Wo Stille nicht mehr zugänglich ist, erscheint jede Veränderung als Gefahr. Dann wird selbst die Dynamik der Erde, die seit jeher Teil des Lebens ist, zum Träger von Angst.

Das Wesentliche gerät dabei aus dem Blick: dass kein äußeres Szenario den Menschen so sehr destabilisiert wie ein unreguliertes Inneres, dass keine noch so große Erkenntnis über mögliche zukünftige Ereignisse ersetzt, was jetzt gebraucht wird sind innere Sammlung, Unterscheidungsfähigkeit und Erdung, als Voraussetzung der Welt begegnen zu können.

Die Einladung dieser Zeit liegt nicht darin, immer neue Bedrohungsbilder zu entschlüsseln, sondern darin, wahrzunehmen, warum sie so wirksam werden. Nicht darin, sich auf ein mögliches Morgen vorzubereiten, sondern die Gegenwart wieder bewohnbar zu machen, denn solange innere Unsicherheit nach außen projiziert wird, bleibt der Mensch abhängig von Narrativen. Erst dort, wo er beginnt, die eigene Angst zu halten, ohne sie sofort zu erklären oder weiterzugeben, verliert das Außen seine absolute Macht.

So gesehen lenken viele der derzeit kursierenden Angstnarrative nicht nur ab, sondern sie verstellen den Blick auf das, was wirklich trägt. Es ist nicht geheimes Wissen, nicht Vorbereitung auf Katastrophen, sondern die Fähigkeit, innerlich präsent zu bleiben, während die Welt sich wandelt.

Es braucht keinen Bunker aus Beton als Schutz, sondern einen Ort im Inneren, der nicht sofort in Angst zerfällt, wenn Sicherheiten bröckeln.

Wer vor Beginn der Pandemie aufmerksam das Geschehen im Außen beobachtet hat, konnte oft intuitiv wahrnehmen, dass eine größere Veränderung bevorstand. Weniger als konkrete Vorahnung eines Ereignisses, sondern als feine Verschiebung im Gesamtklima, eine zunehmende Verdichtung, Nervosität, Beschleunigung, innere Unruhe und die daraus entstehenden Bilder, die sich bereits lange zuvor gezeigt hatten. Etwas war nicht mehr stimmig, auch wenn es noch keinen Namen hatte.
Gerade deshalb wurde mir immer deutlicher, wie wichtig eine innere Stabilität ist, die nicht von äußeren Umständen abhängt. Denn äußere Verhältnisse verändern sich, manchmal langsam, manchmal abrupt und wer seine innere Ordnung ausschließlich aus Sicherheit, Planbarkeit oder gewohnten Strukturen bezieht, gerät unweigerlich ins Wanken, wenn diese wegfallen.

Innere Stabilität bedeutet dabei nicht Unberührtheit oder Rückzug aus der Welt. Sie meint vielmehr eine Verankerung, die tiefer liegt als Meinungen, Nachrichten oder kollektive Stimmungen. Eine Fähigkeit, wahrzunehmen, ohne sofort zu reagieren. Zu fühlen, ohne sich zu verlieren. Zu denken, ohne sich zu verengen. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell äußere Ereignisse innere Ordnungen erschüttern können und wie wenig darauf vorbereitet viele Menschen waren. Nicht, weil es ihnen an Informationen fehlte, sondern weil die innere Mitte zu sehr vom Außen abhängig geworden war. Hier liegt eine der stillen Lehren dieser Zeit, nämlich das echte Orientierung nicht aus Kontrolle entsteht, sondern aus innerer Präsenz und dass eine solche Stabilität nicht erst in Krisen aufgebaut werden kann, sondern lange davor - im Alltag, im bewussten Umgang mit sich selbst. Was auch immer sich im Außen wandelt, eine innere Stabilität, die nicht an äußere Sicherheiten gebunden ist, bleibt eine der tragfähigsten Antworten auf jede Form von Veränderung.

Klaus Praschak

Bild: printerest.de

Quelle: Klaus Praschak

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