2026-01-13

Klaus Praschak: Präsenz statt Programm - Die Rückkehr in den inneren Raum


Das, was mich gerade berührt, ist ein sehr grundlegender Punkt und zugleich etwas, das im Alltag meist unsichtbar bleibt. Ein großer Teil unserer Unfreiheit entsteht nicht durch äußere Zwänge, sondern durch innere Programme, die unbewusst wirken und sich wie „ich selbst“ anfühlen. Wir Menschen sind im Alltag weit weniger frei, als wir glauben, weil ein großer Teil unseres Denkens, Fühlens und Handelns nicht bewusst gewählt, sondern von inneren Programmen gesteuert wird. Diese Programme sind nichts falsches, sondern erlernte Überlebensstrategien. Sie entstehen früh aus Prägung, Beziehungserfahrungen, kulturellen Erwartungen und aus Angst vor Verlust oder Ausschluss. Man kann sich diese inneren Programme als frühe Anpassungsstrategien vorstellen. Sie sind entstanden, um Zugehörigkeit, Sicherheit oder Anerkennung zu sichern. Das Problem ist nicht ihre Existenz, sondern dass sie weiterlaufen, ohne dass wir sie noch wählen. Diese inneren Programme bestimmen unseren Alltag, in unseren Reaktionen, wenn wir glauben auf Situationen zu reagieren. In Wirklichkeit reagieren wir oft auf alte innere Muster, wie z. B. Anerkennungsdrang, Angst vor Konflikt, Bedürfnis nach Kontrolle oder Vermeidung von Scham. Der Körper reagiert schneller als das Bewusstsein. Freiheit wäre hier nicht, anders zu reagieren, sondern überhaupt wahrzunehmen, dass ein Programm aktiv ist. Zentrale Bereiche, in denen diese Abhängigkeit deutlich wird, sind unsere emotionalen Programme, durch sie kommt es zu vielen Reaktionen in unserem Alltag, die nicht frei gewählt sind, sondern automatisiert, wie z.B. der Drang zu gefallen, das Bedürfnis rechtzuhaben, die Angst falsch zu sein und das Vermeiden von Konflikt oder Nähe. Der Körper reagiert schneller als das Bewusstsein. Freiheit wäre hier nicht, anders zu reagieren, sondern überhaupt wahrzunehmen, dass ein Programm aktiv ist. Freiheit beginnt nicht mit Kontrolle, sondern mit dem Bemerken dieser Abläufe. Viele Entscheidungen entstehen nicht aus Klarheit, sondern aus innerem Druck: Ich sollte, Ich darf nicht, Ich muss. Diese Stimmen wirken wie innere Autoritäten. Solange sie unbemerkt bleiben, erleben wir ihre Vorgaben als „uns selbst“. Tatsächlich sind es verinnerlichte Fremdbilder und wir handeln häufig aus Bildern von uns selbst, aus unseren Identitätsprogrammen : „Ich bin der Starke“, „ Ich darf niemanden zur Last fallen“, „ So bin ich halt“. Diese Sätze sind keine Wahrheiten, sondern gespeicherte Erfahrungen, die zur Identität geworden sind. Sie begrenzen den inneren Möglichkeitsraum. Ein großer Teil unseres Alltags ist auch durch unsere Beziehungsprogramme und deren unsichtbaren Regeln geprägt: Nähe nur, wenn sie sicher ist – Wahrheit nur, wenn sie akzeptiert wird und Grenzen nur, wenn sie niemanden verletzen. Diese Programme erzeugen Anpassung statt Begegnung. Man ist anwesend, aber nicht wirklich frei.

Warum das so viel Unfreiheit erzeugt ? Innere Programme wirken leise, konstant und scheinbar logisch. Sie erzeugen das Gefühl von Kontrolle und genau darin liegt die Unfreiheit. Denn wir handeln nicht aus Gegenwärtigkeit, sondern aus Wiederholung. Das Leben wird vorhersehbar, aber eng. Unfreiheit entsteht nicht durch äußere Regeln allein, sondern dadurch, dass wir sie innerlich weiterführen, selbst wenn sie längst nicht mehr notwendig sind. Der Versuch, alles zu verstehen, zu planen oder abzusichern, wirkt vernünftig, ist aber oft ein Ausdruck von Angst. Kontrolle ersetzt Vertrauen und wo Kontrolle regiert, ist Freiheit eingeschränkt. Freiheit heißt nicht, keine Programme mehr zu haben auch das wäre illusionär.

Der entscheidende Wendepunkt beginnt nicht mit dem Abschalten dieser Programme, das wäre ein neues Kontrollprogramm, aber Freiheit beginnt dort, wo wir unterscheiden lernen: Das geschieht gerade in mir, aber es bin nicht ich. Diese kleine innere Distanz ist Präsenz und vor allem schafft sie Raum und in diesem Raum wird Wahl möglich.

Wirkliche Freiheit im Alltag bedeutet nicht programmfrei zu sein, sondern sie zu durchschauen, sie nicht mehr für das eigene Wesen halten und zwischen Impuls und Handlung Raum entstehen zu lassen. In diesem Raum taucht Präsenz auf und Präsenz ist die eigentliche Gegenkraft zur inneren Unfreiheit. Wir sind nicht unfrei, weil wir programmiert sind. Wir sind unfrei, wenn wir nicht merken, dass wir es sind. Je mehr dieser innere Raum bewusst bewohnt wird, desto weniger bestimmen Programme unser Leben und desto mehr entsteht eine Freiheit, die leise ist, aber real.

Klaus Praschak

Bild: printerest.de danke

Quelle: Klaus Praschak

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