2026-01-10

Klaus Praschak: Wenn Nahrung mehr ist als Konsum - Bewusstheit statt Überforderung


Nun erzeugen viele Beiträge in sozialen Medien den Eindruck, Lebensmittel seien grundsätzlich gefährlich. Ob Zucker, Gluten, Fett, Zusatzstoffe oder industrielle Prozesse, alles wird problematisiert. Für manche Menschen entsteht daraus nicht Bewusstsein, sondern Verunsicherung, Angst und ein beinahe zwanghaftes Kontrollbedürfnis. Das kann den Bezug zum Essen eher verschlechtern als verbessern. Gleichzeitig liegt unter dieser oberflächlichen Alarmrhetorik eine verdeckt sinnvolle Botschaft, die jedoch oft unglücklich vermittelt wird, nämlich die Einladung, wieder bewusster mit Lebensmitteln umzugehen. Nicht im Sinn von Angst, sondern von Beziehung. Ursprünglich bedeutete Nahrung mehr als bloße Kalorienzufuhr. Sie war eingebettet in Zyklen, Rituale, Dankbarkeit und Maß. Essen war ein Akt der Verbindung mit der Erde, mit dem eigenen Körper und mit der Gemeinschaft. 

Diese Beziehung ist in einer hochverarbeiteten, beschleunigten Konsumkultur weitgehend verloren gegangen. Die ständige Warnung vor „gefährlichen“ Lebensmitteln ist daher weniger Ausdruck von Erkenntnis als von Entfremdung. Der bewusster Umgang heißt nicht alles vermeiden, sondern wahrnehmen, was der eigene Körper wirklich braucht, Qualität über Quantität stellen, Maß statt Extreme finden und Essen wieder als lebendigen Prozess begreifen, nicht als Risiko, denn Angst trennt, doch Bewusstsein verbindet. Wenn Essen nur noch als Bedrohung gesehen wird, verliert es seine nährende Dimension, körperlich wie seelisch. Ein bewusster Zugang hingegen stärkt Vertrauen in den Körper, in seine Rückmeldungen und in die Fähigkeit zu unterscheiden. Die eigentliche Aufgabe ist nicht, „das Richtige“ zu essen, sondern richtig zu essen, nämlich präsent, dankbar und im Kontakt mit sich selbst. Dann wird Nahrung wieder zu dem, was sie ursprünglich war etwas, das Leben unterstützt, statt es zu verkomplizieren. Diese Deutung, dass hinter der lauten Warnung eine leise Einladung zur Achtsamkeit liegt, halte ich daher für sehr stimmig. Entscheidend ist, ob wir diese Einladung aus Angst annehmen oder aus Bewusstheit.

Solltest du auch in der Situationen sein, gerade nur noch auf Sonderangebote zurückgreifen zu können, dann ist das kein Versagen, sondern eine Antwort auf eine Realität, die für viele schwer geworden ist. Steigende Preise, knappe Mittel, Krankheit oder Alter sind kein Ausdruck von Schwäche, sondern ein bitterer Teil unserer Zeit. Bewusst mit Lebensmitteln umzugehen heißt nicht, teuer einzukaufen oder „alles richtig“ zu machen. Es heißt zuerst, gut zu dir zu sein, mit dem, was möglich ist. Auch einfache Nahrung kann nähren, wenn sie ohne Angst, ohne Schuld und mit etwas Ruhe gegessen wird. Bitte lass dir nicht einreden, dass du etwas falsch machst, weil du sparen musst. Dein Wert misst sich nicht an dem, was du dir leisten kannst. Freundlichkeit dir selbst gegenüber ist gerade jetzt wichtiger als jede Regel oder jedes Ideal.

Lebensmittel sind mehr als Produkte. Sie sind Teil eines Kreislaufs, der uns mit der Erde, mit dem Leben und miteinander verbindet. Wie wir mit ihnen umgehen, spiegelt, wie wir mit uns selbst umgehen.

Diese Zeit ruft uns in allen Bereichen des Lebens zu mehr Bewusstheit auf. Dort, wo wir achtsam werden, beim Essen wie im Handeln, beginnt eine leise Rückverbindung. Es gehört zum Wandel, dass wir wieder lernen, dem Leben mit Respekt, Maß und Dankbarkeit zu begegnen. Nicht alles lässt sich sofort verändern, aber alles lässt sich bewusster leben. Und genau darin liegt die Kraft des Kleinen.

Klaus Praschak

Bild: printerest.de danke

Quelle: Klaus Praschak

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