Das mystische „Dazwischen“ beschreibt keinen physikalischen Zustand, sondern einen Bewusstseinsraum. Es ist der Ort jenseits von Bewertung, jenseits von Wollen und Ablehnen und jenseits von Identifikation. Es ist kein Vakuum im Sinn von Abwesenheit, sondern ein offener Raum, in dem Gegensätze gleichzeitig gehalten werden können, Innen und Außen, Aktivität und Ruhe, Geist und Körper und auch hier gilt: Es ist nicht leer, sondern potenziell.
Was beide Konzepte verbindet, ist nicht Inhalt, sondern Form, denn beide beschreiben einen Zustand jenseits der Polarität, beide widersprechen der Idee, dass Stillstand - Nichts sei und beide weisen auf ein Feld hin, das tragend, nicht steuernd ist. Nun könnte man sagen: Die Physik entdeck:, Selbst das Nichts ist nicht nichts und die Mystik erfährt: Selbst die Stille ist nicht leer. In beiden Fällen wird eine Denkgewohnheit überschritten.
Nun ist es sehr wichtig den entscheidenden Unterschied zu verstehen, denn der Unterschied liegt im Zugang. Die Nullpunktsenergie ist ein Mess- und Rechenbegriff und das mystische Dazwischen ist ein Erfahrungsraum. Die Physik beschreibt, dass etwas so ist. Die Mystik erfährt, wie es sich anfühlt, dort zu sein. Gefährlich wird es nur, wenn man beides vermischt und behauptet, das eine erkläre oder beweise das andere. Das tut es nicht. Sie sprechen unterschiedliche Sprachen über unterschiedliche Ebenen derselben Wirklichkeit. Man könnte vorsichtig so sagen: Die Nullpunktsenergie deutet an, dass das Fundament der Welt kein starres Sein ist. Das mystische Dazwischen erfährt, dass auch das Fundament des Bewusstseins kein Stillstand ist. Oder noch einfacher: Wo nichts mehr festgehalten wird, beginnt nicht das Nichts, sondern das Mögliche.
Im scheitern der gewohnten Denkkategorien berühren sich Wissenschaft und Mystik, wenn man sie als Grenzerfahrung des Denkens versteht. Mehrere große Denker der Physik sind an einen Punkt gekommen, an dem das rein materialistische Weltbild nicht mehr ausreichte, um das Erfahrene zu beschreiben. Wenn etwa Max Planck sinngemäß sagte, dass am Ende der wissenschaftlichen Suche nicht Materie, sondern Geist stehe, oder wenn Werner Heisenberg formulierte, man begegne am Boden des atheistischen Bechers Gott, dann meinten sie damit keinen kirchlichen Gott. Sie beschrieben einen Punkt, an dem das Denken in Ursache–Wirkung, Objekt–Subjekt, Innen–Außen zusammenbricht. Die größten Denker kommen bis an den Rand und die Mystiker sprechen von dort, wo das Fragen verstummt. Beide begegnen sich am selben Punkt, aber von entgegengesetzten Seiten. Am Nullpunkt, an dem diese Trennungen instabil werden, verliert das Denken seine eigene Grundlage. Es kann noch beschreiben, dass dort etwas ist, aber nicht mehr was dort ist.
Weiterzugehen hieße, das eigene Instrument aus der Hand zu legen und genau das kann Denken aus sich heraus nicht leisten. Hier zeigt sich das Paradoxe: Je klarer ein Denker denkt, desto präziser stößt er an die Grenze des Denkens. Er sieht das Tor, aber er kann es nicht durchschreiten, ohne sich selbst zu überschreiten. Mystiker bewegen sich von einer anderen Seite her. Sie kommen nicht über Analyse, sondern über Einlassung. Nicht über Begriffe, sondern über Erfahrung. Sie verzichten nicht auf Verstand, aber sie lassen ihn zurücktreten. Dadurch geraten sie nicht an die Grenze von außen, sondern finden sich plötzlich auf der anderen Seite wieder, ohne genau sagen zu können, wann der Übergang geschah. Darum wirkt es manchmal paradox oder sogar schmerzhaft, denn die klügsten Köpfe der Welt stehen staunend vor dem Nullpunkt, während einfache, oft unscheinbare Menschen von innen her sprechen, als hätten sie nie eine Grenze erlebt.
Das soll jetzt kein Werturteil sein, denn es sind zwei verschiedene Bewegungen: Das Denken will verstehen. Die Mystik will sein und beides ist menschlich. Doch nur eines ist bereit, sich selbst loszulassen. Vielleicht lässt sich mein Empfinden so fassen: Es ist begrenzt, weil Denken nicht über sich hinaus kann. Es ist paradox, weil genau dort, wo Denken endet, Erfahrung beginnt.
Oder noch einfacher: Der Verstand klopft von außen an die Tür des Geheimnisses. Der Mystiker steht innen und hört das Klopfen. Beide sind echt, aber sie sprechen nicht dieselbe Sprache, doch wäre es schön, wenn sie einander achten.
Klaus Praschak
Bild: printerest.de danke

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