2026-01-24

Otfried Weise: LASS DEIN ZWEIFELN NIEMALS RUHEN


Die Welt ist zwar nicht grundsätzlich trügerisch,
aber sie ist tiefgründiger
als ihr erster Eindruck vermuten läßt.
Zweifel ist kein Abstieg,
sondern ein Aufstieg nach innen.
Nichts ist so, wie es erscheint -
und das ist kein Verlust.
Es ist ein Versprechen.
Denn hinter jeder Form ruht Vielfalt,
hinter jeder Antwort eine Einladung.
Der Zweifel führt dich nicht in Abgründe,
er öffnet Räume, führt zum Wesentlichen.
Er ist die geduldige Liebe zur Wahrheit,
die weiß, dass alles Lebendige
mehrschichtig, lebendig, im Werden ist.

Ich illustriere für euch den Zweifel durch
sieben mystische, aufbauende Bilder:

Der Sternenhimmel
Er wirkt fern, kühl, und unerreichbar.
Doch Zweifel hebt nicht nur den Blick,
sondern weitet auch das Herz.
Er ahnt: Das Licht, das uns erreicht,
ist älter als unsere tiefsten Fragen
und dennoch eigens für diesen Moment unterwegs.
Vielleicht ist das Universum kein leerer Raum,
sondern eine langsame, innige Umarmung?

Die Liebe
Sie zeigt sich als Wärme,
als Ankommen, als zu Hause.
Der Zweifel veredelt sie:
Er fragt nicht, um zu trennen,
sondern um tiefer zu verbinden.
Denn wahre Liebe weiß,
dass der andere ein Geheimnis bleibt -
und genau darin unerschöpflich ist.

Der Traum
Im Traum fällt die Schwere der Welt ab.
Der Zweifel begleitet ihn, nicht um zu stören,
sondern um geheimnisvoll zu lauschen.
Vielleicht spricht dort nicht das Unbewusste allein,
sondern ein älterer Teil von uns,
der sich an geheime Möglichkeiten erinnert,
die weit jenseits von Denken und Vernunft wohnen.

Das Leiden
Es erscheint uns dunkel, deprimierend,
doch Zweifel entzündet darin kein Misstrauen,
sondern fragt nach dem tieferen Sinn.
Es flüstert: Auch dies ist nicht leer.
Manches Leid hinterlässt keine Narben,
sondern füllt Gefäße,
in denen Mitgefühl, Tiefe und Sanftmut wachsen.

Der Tod
Er wirkt wie ein Schweigen.
Der Zweifel hört genauer hin und erkennt:
Vielleicht ist es kein Verstummen,
sondern ein Wechsel der Tonart.
Ein Übergang aus dem Sichtbaren
in eine andere Weise von Gegenwart,
die wir nur noch nicht lesen können.

Das Selbst
Wir glauben, wir seien fest geformt.
Doch der schöpferische Zweifel macht uns weit.
Er zeigt: wir sind mehr Prozess als Form,
mehr Fluss als Ufer.
Und in dieser Offenheit
liegt keine Verlorenheit, sondern Freiheit.

Das Göttliche

Es erscheint fern, erhaben, jenseitig.
Der Zweifel lächelt und senkt den Blick.
Vielleicht ist das Heilige näher als gedacht —
im Atem, der sich selbst trägt,
im Staunen ohne Namen,
in der Liebe, die nicht besitzen will.
Gott ist vielleicht kein Ziel,
sondern ein stilles Strömen durch alles, was lebt.

Quelle: Otfried Weise

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