2026-01-20

Otfried Weise: LEBE DEIN LEBEN SO INTENSIV WIE MÖGLICH


Das Spiel des Lebens mit vollem Einsatz zu spielen bewahrt dich nicht vor Höhen und Tiefen. Es geht auch nicht darum, am Ende in einem äußeren Paradies anzukommen. Vielmehr hängt alles davon ab, was du dir als Seele vorgenommen hast – und ob du bereit bist, diese Entscheidung im Laufe des Lebens durch zu halten oder gar zu optimieren.

Seelen sammeln Erfahrungen in jeder Inkarnation, unabhängig davon, ob diese als angenehm oder schmerzhaft erlebt werden. Den konditionierten Egos, den Rollen, die sie spielen, ist das oft nicht bewusst. Sie streben nach Sicherheit, nach Sinn, nach Glück. Die Seele hingegen misst anders. Für sie ist ein paradiesischer Zustand nur eine Möglichkeit unter vielen, Erfahrungen zu machen. Keine ist höher, keine niedriger. Alle sind gleich bedeutsam.

Vielleicht legt eine Seele gar keinen Wert auf ein Leben im Paradies, weil sie dadurch einer anderen Seele etwas ermöglichen möchte. Erfahrung entsteht nicht isoliert. Sie entsteht im Miteinander, im Spiegel, im Zusammenspiel. So bekommen auch Leid, Begrenzung und Herausforderung eine andere Würde – nicht romantisiert, aber eingeordnet in einen größeren Zusammenhang.

Entscheidend ist dabei der Unterschied zwischen unsterblicher Seele und konditioniertem Ego, der Persönlichkeit. Aus dieser Perspektive verlieren Kategorien wie „leicht“ oder „schwer“, „glücklich“ oder „leidvoll“ ihren absoluten Wert. Sie werden zu Erfahrungsqualitäten, nicht zu Bewertungsmaßstäben. Ein „gelungenes Leben“ misst sich dann nicht am Ergebnis, sondern an der gelebten Tiefe und Intensität.

Hier erklärt sich auch die innere Spannung, die viele Menschen kennen: Das Ego leidet, sucht Halt und Zuckerlecken, während die Seele genau in der Reibung Fruchtbarkeit findet. Dass das Ego davon oft nichts weiß, ist keine Ironie, sondern Voraussetzung dafür, dass die Erfahrung echt, authentisch ist.
Gleichwertigkeit der Erfahrungen bedeutet nicht Gleichgültigkeit, sondern Tiefe. Sinn entsteht nicht durch das Erreichen eines glücklichen Zustands, sondern durch Intensität und Beziehung zu den Mitmenschen.

Freiheit liegt nicht darin, Höhen und Tiefen zu vermeiden, sondern sie zu durchleben – bewusst oder unbewusst.

In unserer Zeit scheint sich etwas zu verdichten. Viele erleben, dass heute in einem einzigen Leben mehr gesehen, gelöst und geheilt werden kann als früher. Nicht, weil diese Zeit magisch wäre, sondern weil Bewusstseinserweiterung schnell wie nie zuvor stattfindet. Wir haben Zugang zu fremden Sprachen, zu Wissen, zu Therapie, zu Selbsterfahrung und Spiritualität. Verdrängung funktioniert schlechter. Innere Konflikte melden sich schneller. Das Nervensystem ist feiner geworden, alte Muster zeigen sich früher und deutlicher.

So gesehen will nicht „die Seele reinen Tisch machen“. Vielmehr ist der Mensch als System heute fähiger, Unklares nicht mehr dauerhaft wegzuschieben. Eine innere Kohärenz drängt nach Ausdruck. Inkongruenz – sich verbiegen, sich verlieren, Rollen spielen – wird schmerzhaft. Authentizität ist kein Luxus mehr, sondern eine Notwendigkeit. Das ist kein Auftrag. Es ist ein Sog.

Ob daraus äußere paradiesische Zustände entstehen, ist offen. Vielleicht ist das gar nicht entscheidend. Die wichtigere Frage ist eine andere: Führt dieser Weg zu einem Paradies im Inneren?
Nicht als Dauerzustand von Glück, sondern als geringerer innerer Widerstand.
Als weniger Selbstverleugnung.

Als mehr Präsenz im Moment.
Als größere Freundlichkeit mit dem, was ist.
„Nix wissen, nix wollen, sich führen lassen im Jetzt.“
Das ist keine Passivität.
Das ist radikale Gegenwärtigkeit.

Innere Freiheit entsteht nicht dadurch, dass alles gelöst ist, sondern dadurch, dass nichts mehr verdrängt werden muss. Die sogenannte „Neue Zeit“ ist kein Versprechen auf Erlösung. Sie ist eine Einladung zu Ehrlichkeit ohne Netz. Das Paradies ist nicht das Ziel – es ist ein mögliches Nebenprodukt von Wahrhaftigkeit.

Und vielleicht bedeutet „gefährlich leben“ genau das:
Sich nicht länger vor der eigenen Tiefe zu schützen.

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