2026-06-08

Otfried Weise: DIE MAGIER DES OSIRIS


Versuche, dich von allem zu lösen, was dich in den vergangenen Stunden beschäftigt hat. Nimm Kontakt mit deinem Atem auf und beobachte, wie die Luft durch die Nase ein- und ausströmt.

Stelle dir vor, du betrittst im Erdgeschoss deines Hauses den Aufzug, um in deine Wohnung zu fahren. Du drückst auf den Knopf für den dritten Stock. Die Tür schließt sich automatisch, und der Fahrstuhl setzt sich in Bewegung. Zu deinem Erstaunen bringt er dich jedoch nicht nach oben, sondern bewegt sich langsam und sicher nach unten.

Du wunderst dich und blickst auf die Anzeigetafel. Unterhalb des Haltepunktes „Keller“ ist eine Skala angebracht, die zusätzliche Kelleretagen anzeigt. Am Aufleuchten der Lampen kannst du mit verdutztem Gesicht verfolgen, wie die Reise vonstattengeht.

Jetzt blinkt das erste Licht unter dem Keller auf. Du atmest tief durch.
Jetzt blinkt das zweite Licht auf. Du atmest tief durch.
Jetzt blinkt das dritte Licht auf. Du atmest noch einmal tief durch.

Der Fahrstuhl bewegt sich immer noch und gleitet geräuschlos und behutsam in die Tiefe.

Jetzt blinkt das vierte Licht auf. Du atmest noch einmal tief durch.

Nun leuchtet das fünfte Licht. Du nimmst einen weiteren tiefen Atemzug und konzentrierst dich ganz auf die Bewegung und die Anzeigetafel.

Jetzt blinkt das sechste Licht auf. Immer noch kein Ende. Du atmest tief durch.

Schließlich blinkt das siebte Licht auf. Der Aufzug kommt langsam zum Stehen. Die Tür öffnet sich. Du nimmst einen weiteren tiefen Atemzug und gehst ins Freie.

Du siehst dich um und findest dich am Ufer eines Stromes an einem Landungssteg wieder. Vor dir und hinter dir stehen insgesamt einundzwanzig Männer und Frauen. Sie sind soeben im Begriff, in ein großes Boot einzusteigen, das vor dem Landungssteg schaukelt.

Du nimmst mit den anderen auf Bänken in Dreierreihen Platz. Keiner spricht ein Wort, um die feierliche Stimmung nicht zu stören.

Du blickst an dir hinunter und siehst, dass du, wie die übrigen, in ein mittellanges Gewand und eine Hose aus feinem grünem Leinen gekleidet bist. An den Füßen trägst du Sandalen aus geflochtenem Schilf.

Auf der Brust deines Gewandes ist mit goldfarbenem Garn ein großes Ankh, das Henkelkreuz, aufgestickt. Auf dem Rücken befindet sich ein Tet, das Symbol eines stilisierten Baumes. Daran erkennst du dich als Priesterin beziehungsweise Priester des Gottes Osiris.

Das Boot legt ab und gleitet unter den kräftigen Ruderschlägen von zweimal sieben muskulösen, braunhäutigen Nubiern rasch nilabwärts.

Links und rechts ziehen Oasen und Gärten an dir vorbei, mit Dattelpalmen, Orangen- und Maulbeerbäumen sowie Weizen- und Hirsefeldern. An einer Gruppe von Lehmhütten werden Kamele entladen.

Hinter dem schmalen Oasenstreifen dehnt sich linker Hand bis zum Horizont die unendliche Weite der Wüste aus. Rechter Hand erkennst du in der Ferne hohe, schroffe Wüstengebirge.

Mit deinen Gedanken bist du jedoch bei den Ereignissen der vergangenen Wochen. Harte Prüfungen hast du durchstehen müssen. Über fünfzig Neophyten waren es am Anfang. Nur du und die zwanzig Gefährtinnen und Gefährten, die jetzt mit dir im Boot sitzen, haben die rigorosen und überaus gefährlichen Tests bestanden.

Noch heute schaudert es dich, wenn du daran denkst, wie knapp du dem Tod entgangen bist.

Dies alles ist nun vorbei.

Heute Nacht sollst du die Früchte deiner Anstrengungen ernten: die Aufnahme in den Kreis der Magier, der Hüter und Anwender der zeitlosen Geheimnisse.

Die Sonne steht schon tief über der Wüste, als das Boot endlich anlegt. Du steigst aus und legst deine Sandalen ab. Dann schreitest du mit den anderen in Dreierreihen auf einem mit blank polierten Marmorplatten ausgelegten Weg langsam und würdevoll voran.

Links und rechts des Weges stehen in etwa fünfzehn Metern Abstand voneinander Skulpturen, die auf ihren Hinterbeinen sitzende Widder darstellen.

Auf halbem Wege nehmen zwei Thesmoteten, die Meister der Rituale, die schweigende Gruppe in Empfang.

Du schreitest weiter und spürst die Wärme der heißen Wüstensonne, die die Steinplatten aufgeheizt hat. Du fühlst, wie der heiße Wüstenwind durch deine Kleider streicht und jeden Schweißtropfen sofort trocknet.

Vor dir erblickst du die drei großen Pyramiden von Giseh.

Die spiegelblank polierten dreieckigen Seitenflächen aus Marmor glänzen in der tief stehenden Sonne. Die Spitzen, die mit der Speziallegierung Electrum aus Silber und Gold bedeckt sind, strahlen wie Sterne in alle Richtungen. Was für ein erhabener Anblick!

Jetzt erreichst du die Große Sphinx. Die Gruppe steht schweigend und in höchster Konzentration vor ihr.

Zwischen den Füßen der Sphinx öffnet sich eine Tür. Du schreitest mit den anderen in einen unterirdischen Gang. Deutlich hörbar schließt sich die Tür hinter euch.

Der Gang ist schwach erleuchtet, doch nirgends kannst du eine Lichtquelle entdecken. Er gabelt sich an vielen Stellen und führt abwechselnd auf- und abwärts. Die beiden Thesmoteten bewegen sich mit traumwandlerischer Sicherheit voran.

Über längere Abschnitte müsst ihr hintereinander, zum Teil in gebückter Haltung, gehen. Es ist heiß und stickig. Der Schweiß läuft dir den Rücken hinunter, und deine Muskeln schmerzen.
Keiner spricht ein Wort.

Nach einem endlos scheinenden Hin und Her, Herauf- und Heruntersteigen hast du jeglichen Orientierungssinn verloren.

Jetzt kletterst du über eine längere, nahezu senkrechte Steilstrecke in eine Art Galerie. Bei der schwachen Beleuchtung ist nicht zu erkennen, wie hoch die Decke ist.

Endlich kannst du wieder ohne Schwierigkeiten aufrecht stehen.

Über Metallkrampen geht es am Ende der Galerie senkrecht nach oben. Durch eine Öffnung im Boden kletterst du in eine etwa fünf mal zehn Meter große und sechs Meter hohe Kammer.

Du atmest auf.

Hier ist die Luft ausgezeichnet. Offensichtlich wird die Kammer über Schächte belüftet.

An der Stirnwand gegenüber der Einstiegsöffnung steht auf einem hohen Sockel ein offener Sarkophag aus braunem Gestein.

Der Raum ist in ein mildes, warm-goldenes Licht getaucht.
Die beiden Ritualmeister postieren sich rechts und links des Sarkophags.

Du schließt die Augen und vernimmst die Stimme eines Thesmoteten:
„Von dir unbemerkt erscheint jetzt durch eine verborgene Öffnung in der Wand der Hierophant, der Hohepriester und Oberste der Magier, der Bewahrer des Heiligen Wortes und Meister der Einweihungen.“

Du erkennst ihn an seiner Stimme.

Er spricht:
„Singt mit mir das OM zum Segen eures physischen Körpers.“
Ein lang anhaltendes, melodisches OM erklingt und du fühlst, wie sich die Muskeln deines Körpers lockern und die Verspannungen im Schulterbereich lösen.

Dann spricht er:
„Singt das OM zur Beruhigung eurer Emotionen.“
Wieder erklingt ein lang anhaltendes, melodisches OM. Du spürst, wie sich in deinem Inneren vollkommene Ruhe ausbreitet.

„Singt mit mir das OM zur Verlangsamung eures Gedankenstromes.“

Erneut erklingt das OM aus vollen Kehlen. Es erscheint dir, als würde der Gedankenfaden in einem Augenblick zerreißen und ein Gefühl tiefer Glückseligkeit durchströmt deinen Körper.

„Singt mit mir das OM, um Kontakt aufzunehmen mit eurem Höheren Selbst, eurer Seele.“

Ein besonders langes und intensives OM lässt die Königskammer vibrieren.

„Und nun nehmt ein letztes Mal mit einem OM Kontakt auf mit dem Schatz zeitloser Weisheit, deren Eingeweihte ihr durch das Bestehen eurer Prüfungen geworden seid.“

Diesmal tönt das OM so kraftvoll, dass du das Gefühl hast, selbst zum OM geworden zu sein.

Dann spricht der Hierophant:
„Wir stehen hier und heute am Beginn eines epochenmachenden Experimentes.
Bisher wurdet ihr einzeln eingeweiht. Jeder musste seinen Weg für sich allein gehen. Das Wachstum des Einzelnen war entscheidend.

Nun müssen wir lernen, diesen Prozess zu beschleunigen, damit die Menschheit nicht erneut eine so große Katastrophe wie jene von Atlantis erleiden muss.

Es obliegt uns, hier und jetzt den neuen Weg der Gruppeneinweihung erstmals auszuprobieren, damit diejenigen, die heute hier versammelt sind, in dreitausend Jahren am Beginn des Wassermannzeitalters gerüstet sein werden, einer dürstenden Menschheit den Weg zu weisen.

Wenn ihr als Gruppe meditiert, wenn ihr begreift, dass ihr vereint mehr vermögt als die Summe eurer einzelnen Fähigkeiten ausmacht, wenn ihr also versteht, dass das Leben erst in der Ganzheitlichkeit richtig erblüht, dann könnt ihr euer eigenes Bewusstsein und das Bewusstsein der Menschheit in einer Geschwindigkeit anheben, die einem Wasserfall im Vergleich zum Nil gleicht.

Noch musstet ihr eure Prüfungen allein bestehen. Auch das wird später nicht mehr notwendig sein.

Von nun an werdet ihr in dieser neuen Gruppe magischer Weltendiener gemeinsam arbeiten, wachsen und wirken.

Ihr werdet eine Gruppe von Seelen sein, in der die Persönlichkeiten mehr und mehr in den Hintergrund treten und schließlich keine Entscheidungsträger mehr sind.

Dann wird es keine nutzlosen Diskussionen und Beschlüsse mehr geben, keine Macht- und Flügelkämpfe, keine Intrigen und Feindschaften.

Ihr werdet alle an demselben Strang ziehen, vereint und verschmolzen im Verstehen, in Freiheit und Liebe.

Endlich wird sich die Vision unseres weisesten Magiers, des großen HERMES TRISMEGISTOS verwirklichen.“

Dreifacher Magier von Wille, Macht und Freiheit, von Verstehen, Liebe und Weisheit sowie von Ganzheitlichkeit, aktiver Intelligenz und Anpassungsfähigkeit.

‚Wie im Kleinen, so im Großen. Wie oben, so unten. Wie Innen so Außen.

Dies sind die Kernsätze seiner Lehre. Sie weisen uns klar den Weg vom holistischen Weltbild zur ganzheitlichen, ökologischen Schau.

Hier und heute beginnt für euch ein neuer Lebensabschnitt.

Ihr habt in den letzten Tagen einige zutiefst beeindruckende und erschütternde Erlebnisse erfahren. Euer Leben ist seither zweigeteilt.

Hinter euch liegt die Unbewusstheit, vor euch der steile Pfad zum Licht.

Und denkt daran: Mit diesem Experiment geht ihr wichtige Abschnitte des Weges gemeinsam mit eurer Gruppe.

Es wird trotzdem kein ausgetretener Weg sein. Es ist ein Pfad, der erst dadurch entsteht, dass ihr ihn geht.

So ist das Leben auf diesem Planeten Erde. Wir begreifen es, indem wir es tun.
Das Leben hier ist ein Geheimnis, das gelebt werden will.

Am Ende habt ihr den Schleier des Geheimnisses gelüftet. Ihr erfährt Bereiche, die ihr noch nie gesehen habt, und lernt eure Aufgaben kennen, während ihr sie erfüllt.

Freilich haben wir euch auf euer Wirken als Priester und Magier gut vorbereitet. Schließlich habt ihr während vieler Leben intensiv studiert und euren Körper über Jahre hinweg gereinigt und geschult.

An ein Ende seid ihr deshalb aber nie gekommen. Es geht immer weiter und hört niemals auf.“

Der Hierophant pausiert einige Minuten.

Dann erhebt er beide Arme, konzentriert die gesamte Kraft seiner Seele auf die Spitze der Pyramide, die sich genau über ihm befindet, und spricht:

„Hiermit nehme ich euch auf in den Kreis der Magier des Osiris.“

In diesem Augenblick erstrahlt die Königskammer in gleißendem silbernem Licht.
Vor deinem inneren Auge zerreißt ein Vorhang und du begreifst in einem gemeinsamen, machtvollen inneren Gruppenverstehen, dass in der Tat alles, aber auch wirklich alles, in dieser unendlichen Schöpfung miteinander verbunden ist.

Du erkennst, dass du nicht getrennt bist und dass Einsamkeit eine Illusion ist.
Ihr fasst euch bei den Händen und spürt, wie ein Strom goldenen Lichtes euch alle miteinander verbindet.

Du spürst jeden Einzelnen in der Gruppe und zugleich die Gruppe als Ganzes, als einen integrierten, lebenden Organismus.

Nach diesem Höhepunkt verabschiedet sich der große Hierophant.

Mit gefalteten, erhobenen Händen und einem Blick, der jeden der neuen Magier einzeln berührt, verschwindet er ebenso geheimnisvoll, wie er gekommen ist.

Die Thesmoteten begleiten dich und die Gruppe zurück durch die endlosen Gänge.

Schließlich erreicht ihr an den Füßen der Sphinx wieder das Freie.

Inzwischen ist die Sonne untergegangen und die Nacht ist hereingebrochen.

Du bleibst stehen und blickst nach oben.

Über dir spannt sich ein leuchtender, märchenhafter Sternenhimmel wie ein samtiger Baldachin mit unzähligen funkelnden Lichtern.

Der Mond bildet eine schmale Sichel, die wie eine Schale einige kleinere Sterne des Tierkreiszeichens Steinbock in sich gesammelt hat.

Darüber erkennst du den Saturn, der dich an die hohe Verantwortung erinnert, die du nun als eingeweihter Magier für deine Mitmenschen trägst.

Du schreitest die noch warmen Steinplatten langsam hinunter zur Anlegestelle am Nil und besteigst das Boot, das dich und die anderen zu eurer neuen Wohnstätte bringen wird.

Während du schweigend mit geschlossenen Augen nilaufwärts gleitest und das rhythmische Eintauchen der Ruder spürst, siehst du dich plötzlich wieder in dem Aufzug, der dich nach Ägypten gebracht hat.

Die Tür schließt sich.
Der Aufzug bewegt sich nach oben.
Am Aufleuchten der Lampen verfolgst du die Rückreise.
Jetzt blinkt das erste Licht auf. Du atmest tief durch.
Jetzt blinkt das zweite Licht auf. Du atmest tief durch.
Jetzt blinkt das dritte Licht auf. Du atmest tief durch.
Der Fahrstuhl bewegt sich immer noch und gleitet geräuschlos und behutsam nach oben.

Jetzt blinkt das vierte Licht auf. Du atmest tief durch.

Nun leuchtet das fünfte Licht. Du nimmst einen tiefen Atemzug und konzentrierst dich auf die Bewegung.

Jetzt blinkt das sechste Licht auf. Du atmest tief durch.
Schließlich leuchtet das siebte Licht.
Der Aufzug kommt zum Stehen.
Die Tür öffnet sich und du stehst vor dem Eingang zu deiner Wohnung.
Du gehst hinein, setzt dich auf die grüne Couch im Wohnzimmer und gibst deinen Erinnerungen an das Erlebte freien Lauf.

Vielleicht erkennst du dabei, dass das Leben nicht aus getrennten Ereignissen besteht, sondern aus einem großen Ganzen, in dem alles miteinander verbunden ist.

Das Leben in seiner Ganzheitlichkeit.

Quelle: Otfried Weise

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