2026-08-21

Klaus Praschak: „Lass die Toten ihre Toten begraben“


Wenn man Jesu Aussage „Lass die Toten ihre Toten begraben“ nicht nur sozial oder wörtlich liest, sondern mystisch, bekommt das Wort „tot“ eine zweite Bedeutung. Jesus spricht dort zu einem Menschen, der ihm folgen möchte, aber zunächst seinen Vater begraben will. Jesus antwortet: „Folge mir nach und lass die Toten ihre Toten begraben.“ Matthäus 8,22...Wörtlich verstanden ist das ein harter, geradezu verstörender Satz. Mystisch gelesen unterscheidet Jesus jedoch den biologischem Tod und geistigem Tod. Denn der Mensch, zu dem er spricht, lebt ja, dennoch bezeichnet Jesus andere Menschen als „Tote“. Wenn das trennende Ego den Menschen davon überzeugt, dass er ein von Gott, von anderen Menschen und letztlich vom Leben getrenntes Wesen ist, dann entsteht eine Art inneres Grab. Der Mensch lebt biologisch weiter. Er arbeitet, konsumiert, plant, kämpft, besitzt, urteilt, begehrt und verfolgt seine Ziele und kann dennoch geistig in einem Zustand leben, den Jesus als Tod bezeichnet, weil er nicht am göttlichen Leben teil hat.

Der geistige Tod ist nicht das Ende des biologischen Lebens. Er ist das Leben in der Trennung und hier bekommt Jesus Aussage eine ganz andere Tiefe. „Lass die Toten ihre Toten begraben.“ Man kann sie mystisch so verstehen: Lass das, was in der Trennung lebt, das Vergangene verwalten. Du aber folge dem Leben. Der geistig Erwachte muss nicht die ganze Welt aus ihrem Bewusstseinsgrab herausziehen. Er muss nicht jeden Menschen überzeugen. Er muss nicht gegen jede gesellschaftliche Struktur kämpfen. Er muss zunächst selbst aus dem Grab herausgehen. Sobald Christus in einem Menschen lebendig wird, verändert sich auch sein Verhältnis zu den anderen. Er muss ihnen nicht mehr ihre Dunkelheit vorwerfen. Er kann ihnen begegnen, ohne selbst wieder in die Trennung einzusteigen. Ich hatte bereits darüber geschrieben, dass die „Auferstehung der Toten“ mystisch als Erwachen verstanden werden kann und hieraus entsteht eine bemerkenswerte Linie: Bewusstseinsgrab - geistiger Tod - Ruf Christi - Erwachen - Auferstehung - neues Leben. So ist das eigentliche Wunder der Auferstehung dann nicht, dass ein biologisch toter Körper wieder funktioniert, sondern dass ein Mensch, der in der Trennung gelebt hat, wieder zum göttlichen Leben erwacht. Paulus formuliert diesen Gedanken später ähnlich: „Wache auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird Christus dich erleuchten.“ Epheser 5,14...hier ist es besonders deutlich, das die Angesprochenen körperlich lebendig sind, aber aufgefordert werden, „von den Toten“ aufzustehen.
 
Das Grab, aus dem Christus uns ruft, ist nicht aus Erde und Stein gebaut. Es ist das Grab der Trennung, in das sich das Ego selbst eingeschlossen hat. Die Antwort darauf ist nicht der Kampf, sondern das Erwachen. Denn Christus ruft den Menschen nicht einfach dazu auf, ein besseres Ego zu werden. Er ruft ihn aus dem Ego heraus in das Leben.

Wenn Christus den Menschen aus diesem Grab ruft, beginnt eine andere Form des Lebens. Es ist nicht die Flucht aus dem Körper und auch nicht die Verachtung der Welt. Es ist das Erwachen zu einer Wirklichkeit, die tiefer reicht als die Persönlichkeit und nicht mit dem Tod des Körpers endet.
Deshalb ist die Verbindung zwischen „Lass die Toten ihre Toten begraben“ und dem ewigen Leben so bedeutsam. Die einen leben noch im Bewusstseinsgrab und beschäftigen sich mit dem Vergänglichen; der andere hört den Ruf zum Leben.

Wer aus diesem Grab erwacht, erkennt allmählich, dass das, was er im Innersten ist, nicht mit seinem Körper entstanden ist und deshalb auch nicht mit ihm sterben kann. Der Körper ist vergänglich, die Persönlichkeit wandelt sich, doch der Geist, der aus Gott hervorgegangen ist, unterliegt nicht derselben Vergänglichkeit.

Das ewige Leben ist dann nicht etwas, das erst nach dem Tod beginnt. Es beginnt in dem Augenblick, in dem der Mensch aus der Trennung erwacht und erkennt, dass sein eigentliches Leben in Gott gründet. Der Tod des Körpers beendet dieses Leben nicht - er beendet lediglich eine Form, in der es sich erfahren konnte. Deshalb ist die Auferstehung zunächst eine innere Erfahrung: Der Mensch erwacht, während er noch lebt. Wer einmal aus diesem Bewusstseinsgrab erwacht ist, beginnt zu verstehen, was Jesus mit dem Leben meinte, das nicht vergeht.

Klaus Praschak
Bild: printerest. de danke

Quelle: Klaus Praschak

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