2015-03-27

Die Herzintelligenz gegen Stress nutzen

Jeder Mensch kennt diese Momente, in denen ihm die Kontrolle zu entgleiten droht. Je nachdem, unter welchem Stresspegel die Nerven vibrieren, fällt die Reaktion aus. Eher gelassene Typen fühlen den Ärger aufsteigen wie eine Druckwelle nach der Explosion. Sie atmen tief durch und stoßen heftige Flüche aus. Andere gebärden sich wie Rumpelstilzchen auf Ecstasy: Sie lärmen, schäumen, toben. Wenn der Wutanfall abebbt, fühlen sich Choleriker erschöpft und ausgebrannt.

Bild: commons.wikimedia.org

Der kleine Ärger setzt dem Körper langfristig mehr zu als eine Lebenskrise – das haben zahlreiche wissenschaftliche Studien bewiesen. „In unserer hektischen Welt stehen die Menschen unter Druck wie ein Schnellkochtopf“, vergleicht der amerikanische Stressforscher Doc Childre. Zusammen mit den Wissenschaftlern des von ihm gegründeten Instituts HeartMath im kalifornischen Boulder Creek hat der 60-Jährige ein Übungsprogramm gegen Stress und Ärger entwickelt, das die geschäftstüchtigen Amerikaner unter den Begriffen „Freeze Frame“ (den gewohnten Rahmen einfrieren) sowie „Herzintelligenz“ schützen ließen. „Gleichmäßig hohe Lebensqualität und innere Ausgeglichenheit“ verspricht die Methode, bei der sich Geübte auf ihr Herz konzentrieren und dessen „Intelligenz“ nutzen sollen. Childre's schnell zu erlernendes Programm stellt ein machtvolles Werkzeug dar, um negative Emotionen beherrschen und neu bewerten zu lernen.

In einem Moment des Stresses schüttet der Körper die Hormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol aus. Eine ganz natürliche, für unsere Vorfahren überlebensnotwendige Reaktion bei Gefahr, denn die Hormone bereiten den Organismus auf außergewöhnliche Anforderungen vor und spornen ihn zu Höchstleistungen an. Sie versetzen ihn in die Lage, kämpfen oder fliehen zu können. Dieser Überlebensmodus stört allerdings, wenn der zivilisierte Mensch eine Mathematikaufgabe lösen soll, wenn er mit dem Auto im Stau festhängt oder das Kind im Supermarkt die Schokolade aus dem Regal reißt. „Solche Situationen können wie Filme im Zeitraffer erscheinen. Das Leben läuft immer schneller, und der Ärger frisst sich in den Körper“, beschreibt Rollin McCraty, Mitbegründer und Forschungsleiter des HeartMath-Instituts. Die von ihm mitentwickelte Freeze-Frame-Technik „wirkt, als würde man die Pausentaste drücken“.

Anfänger trainieren fünf Schritte, die zwar simpel erscheinen mögen, aber geübt werden müssen wie Tonleitern am Klavier. Diese Schritte lauten:

1. Erkennen Sie den Stress, und nehmen Sie eine kurze Auszeit. Jeder Mensch reagiert anders. Sobald
typische Anzeichen auftreten, wie Kopfschmerzen oder Magendrücken, sollte man in Gedanken die
Stopptaste drücken. „Wer Regisseur seines eigenen Films sein will, muss einen Schritt zurücktreten und
das gesamte Bild betrachten“, empfiehlt McCraty.

2. Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit bewusst auf die Herzgegend. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Mitte,
stellen Sie sich vor, mit dem Herzen zu atmen und Energie hineinfließen zu lassen. Mit dieser –
vielleicht etwas seltsam klingenden – Aufgabe soll der Gestresste dem Gefühlswirrwarr sämtliche Kraft
entziehen und Klarheit im Kopf schaffen.

3. Erinnern Sie sich nun an ein positives, fröhliches Gefühl oder an eine besonders schöne Zeit.
Versuchen Sie, diese noch einmal zu erleben. Für den Anfänger mag dies eine Herausforderung
darstellen, denn er muss seinen aktuellen Ärger vergessen und an eine Situation denken, die Gefühle
wie Freude, Wertschätzung, Mitgefühl oder Liebe weckt.

4. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Herzgegend, und fragen Sie sich mit all Ihrem gesunden
Menschenverstand, welche Reaktion angebracht ist. Das Herz speichere tief empfundene positive Gefühle und Erlebnisse, so die Theorie. Wer diese erlernten Muster nutze, könne auch in schwierigen Situationen „gute Entscheidungen“ treffen.

5. Hören Sie auf die Antwort des Herzens.
Diese könnten erstaunlich einfach sein, oder sie bestätigen die eigene Intuition. In der Mehrzahl der
Fälle erlebt der Übende nun eine positive Wahrnehmung.

Das ist alles? Manchen Menschen mag die Übung wie eine simple Kombination aus Visualisierung, Atemtechnik und fernöstlichem Zauber erscheinen. Das HeartMath-Institut jedoch will Skeptiker mit Beweisen überzeugen. Teilweise in Zusammenarbeit mit der renommierten Stanford-Universität haben Wissenschaftler Nutzen und Wirkungsweise der Herzintelligenz-Methode über mehr als zehn Jahre erforscht. Diese Studien wurden weltweit auf Medizinkongressen vorgestellt und in Fachmagazinen veröffentlicht, wie in „The American Journal of Cardiology“, „The American College of Cardiology“, „Stress Medicine“ oder im „Journal of Advancement in Medicine“. „Immer mehr Ärzte und Psychologen in Amerika, Kanada und Australien arbeiten mit dieser Technik“, sagt Direktor McCraty. Lizensierte Trainer unterrichteten in mehr als 500 Schulen, auf 35 Stützpunkten der US-Armee und in Konzernen wie Shell, Motorola oder Hewlett-Packard.

Als „bahnbrechend“ lobt Gerhard Werner, einst Dekan an der medizinischen Fakultät der Universität von Pittsburgh, die Erfolge dieser Methode bei „psychischem und körperlichem Stress“. Carol Mortimer, Betriebsärztin bei Hewlett-Packard in Großbritannien, schwärmt, die Arbeitsmoral der Mitarbeiter habe sich nach dem Lehrgang „erstaunlich“ verbessert. Mit Zahlen belegen die Forscher, was Praktizierende nur fühlen können. Sechs Monate nach dem Training von Mitarbeitern der Firma Motorola zeigten sich die Beschäftigten zufriedener, belegt eine Studie. Sie hatten mehr Spaß an der Arbeit, und die Kommunikation im Unternehmen funktionierte reibungsloser. 20 Prozent der Manager und zehn Prozent der Fabrikarbeiter sagten, sie litten seltener unter Nervosität. Weniger häufig traten auch andere negative Symptome auf wie Spannungen (Manager zwölf Prozent, Fabrikarbeiter 22 Prozent) und Wut (zwölf Prozent/sieben Prozent) oder Angst (sieben Prozent/15 Prozent). Ähnlich erfolgreich erwiesen sich die Herzintelligenz-Trainings an Schulen, beispielsweise an einer Mittelschule in Palm Springs in Florida. Hier hatten die Kinder mehr Freude am Lernen, zeigten bessere Konzentration und Motivation, mehr Energie und Selbstbewusstsein sowie freundlicheres Verhalten gegenüber Gleichaltrigen und Lehrern.

Neuere Forschungen haben bewiesen, das Herz verhalte sich, „als habe es ein eigenes Bewußtsein“. Ein eigenes intrinsisches Nervensystem agiere unabhängig vom Hirn und dem vegetativen Nervensystem, sagt McCraty, der das Herz mit dem Dirigenten eines Orchesters vergleicht. „Emotionen sind schneller als Gedanken“, glaubt er, deshalb löse Stress zuerst im Herzen eine Reaktion aus. „Bei starken Emotionen wie Liebeskummer schmerzt unser Herz, nicht der Kopf“, argumentiert der Amerikaner. Das Herz speichere Emotionen. Bei Wiederholungen von Missgeschicken – wenn zum Beispiel die Haustür ins Schloss fällt – folge der Ablauf einst gelernten Mustern: schneller Puls, Schweißausbruch, flache Atmung. „Beruhigen wir nun das Herz, entspannen wir auch das Gehirn und stoppen damit körperlich Stressreaktionen“, verspricht McCraty.

Auch im Alltag verlässt sich die Amerikanerin auf Botschaften ihres Herzens. „Ich habe wirklich an Lebensqualität gewonnen“, schwärmt sie: „Egal ob ich im Stau stehe, unfreundlichen Menschen begegne oder ein Festessen vermassle – fast immer kann ich den Ärger beherrschen.“ Wer die Technik beherrscht, kann Situationen von Ärger und Stress erkennen und verhindern. Dies spart Energie, verhilft zu klarem Denken und positiven Emotionen.

KINDER ERLERNEN DIE TECHNIK SCHNELL – UND PROFITIEREN DAVON

In einer Studie hat die Wissenschaftlerin Melinda Leaseburg die Auswirkungen des Herzintelligenz-Trainings an Schülern untersucht. Die Ergebnisse stammen von einer Mittelschule in Palm Springs in Florida. Bessere Noten – Die Schüler steigerten ihre Leistungen im Unterricht deutlich Freundliches Klima – Das Sozialverhalten verbesserte sich in der Klasse Weniger Stress – Die Kinder fühlten sich wohler und entspannter im Alltag

Die Seiten des HeartMath-Instituts in Kalifornien finden Interessierte unter
www.heartmath.org oder www.heartmath.com

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