Eine durch Konsum verwöhnte Gesellschaft verliert ihre Verwundbarkeit nicht trotz ihres Wohlstands, sondern gerade wegen ihm. Wenn alles jederzeit verfügbar ist, verlernt der Mensch das Warten. Wenn jeder Wunsch sofort erfüllt wird, verkümmert die Fähigkeit, Mangel als Lehrer zu begreifen. Der Überfluss betäubt die Wahrnehmung für das Wesentliche, und was einst Dankbarkeit hervorrief, wird zur bloßen Erwartung.
In einer solchen Gesellschaft wird das Äußere zum Maßstab des Inneren. Besitz ersetzt Bedeutung, Komfort ersetzt Sinn, Ablenkung ersetzt Stille. Der Mensch sammelt Dinge, um eine Leere zu füllen, die nicht materiell ist. Doch je mehr er anhäuft, desto größer wird oft die innere Unruhe, denn das, wonach die Seele sucht, lässt sich nicht kaufen. So entsteht eine subtile Abhängigkeit, nicht von Dingen selbst, sondern von dem Gefühl, ohne sie unvollständig zu sein.
Ich gehe durch meinen Alltag und höre, wie Menschen sprechen. Über Preise. Über Sicherheit. Über sich selbst. Und manchmal spreche ich aus, dass nicht alle unversehrt durch diese Zeit gegangen sind. Dass es Menschen gibt, deren Rente nicht reicht. Menschen, die krank geworden sind und nicht mehr arbeiten können. Menschen, für die der Alltag schwer geworden ist.
Die Antworten, die mir begegnen, sind oft nüchtern und kalt „Selbst schuld.“ Oder: Was geht’s mich an, mir geht es gut.“ Dann entsteht Stille in mir und ich nehme eine Müdigkeit wahr, die tiefer reicht als Erschöpfung. Eine Müdigkeit der Seele. Sie macht eng. Sie zieht sich zusammen wie ein Raum, in dem zu lange keine Luft mehr gewechselt wurde. Gedanken werden kleiner, das Herz vorsichtiger, aus dem Bedürfnis, sich zu schützen. Als wäre Weite etwas Gefährliches geworden. Als müsste man sie begrenzen, um nicht zu viel zu spüren. Ich spüre, wie diese Müdigkeit nicht nur einzelne Menschen betrifft, sondern zwischen uns liegt. Wie ein leiser Nebel, der Beziehungen dämpft. Man sieht sich noch, aber man erreicht sich nicht mehr. Worte prallen ab, weil sie keinen Raum finden, in dem sie landen dürfen. Es sind die alten Programme, die müde machen. Konsumverwahrlosung und Konkurrenzdenken sind Programme geworden, die in dieser Zeit überaus spürbar sind und ihren Preis haben werden, denn sie verlangen ständige Wachsamkeit, ständige Selbstabsicherung.
Niemand darf fallen, weil jeder Fall die eigene Angst berührt. So wird Distanz zur Gewohnheit und Mitgefühl zur Ausnahme. Der Preis zeigt sich nicht sofort. Er wird nicht mit Geld bezahlt, sondern in Beziehung. In verlorener Verbundenheit. In der schleichenden Verarmung des Inneren. Dort, wo alles verfügbar ist, aber kaum noch etwas berührt. Wo man funktioniert, sich behauptet, mithält und dabei leise den Kontakt verliert und doch spüre ich eine stille Hoffnung, dass nichts davon endgültig ist. Programme können, durch Bewusstheit unterbrochen werden. In dem Moment, in dem wir innehalten und spüren, was sie kosten, beginnt etwas anderes zu wirken. Etwas Langsameres. Weicheres und Menschlicheres. Diese Zeit sollte uns lehren, zu erkennen, was uns voneinander trennt und den Mut finden uns nicht vollständig davon bestimmen zu lassen.
Klaus Praschak
Bild: printerest.de

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