Es war einmal eine Nacht wie eine gewebte Decke aus Samt. Ich legte mich hin, und mein Atem wurde langsam. Die Welt zog sich wie ein Vorhang zurück, und hinter dem Vorhang öffnete sich ein Garten, den ich nie zuvor betreten hatte. Im Traum führte ein schmaler Pfad mich durch dichten Nebel. Die Stille dort war nicht leer, sondern voll von leisen Stimmen, alten Liedern, die nur die Ohren der Seele verstehen. Der Pfad endete an einem Tor aus silbernen Ranken, bewacht von zwei Gestalten, eine aus Mondlicht, die andere aus Morgendämmerung. Sie neigten das Haupt, und das Tor öffnete sich von selbst; nicht, weil ich es bestimmte, sondern weil mein Herz stimmig war. Hinter dem Tor lag ein Feld, das in Farben schillerte, die meine Augen nie zuvor gesehen hatten. Blumen wogen wie kleine Sonnen, Blätter funkelten wie Schriftzeichen, und in der Mitte auf einem Himmelssofa aus Tau, wuchs eine einzige, seltsame Blume. Ihre Blütenblätter waren durchscheinend wie Glas, und zugleich weich wie ein Duft. Sie schimmerte in Tönen, die zwischen Blau und Gold tanzten, und ihr Atem war die Erinnerung an etwas, das ich einst verloren hatte.
Als ich mich näher beugte, hörte ich eine Stimme, keine Worte, sondern die Gewissheit meines Herzens: „Nenne mich nicht. Ich bin das, was dein Herz braucht, nicht das, was du verstehst.“ Meine Finger berührten die Blüte, und ein Bild stieg auf: eine Tür, die ich längst verschlossen glaubte, öffnete sich in mir. Ein kleines Licht, das ich kaum noch gespürt hatte, hob den Kopf. Ich pflückte die Blume. Sie fühlte sich leichter an als Luft und schwerer als Erinnerung. Ein Tropfen Nektar rann über meine Hand und hinterließ auf meiner Haut keine Feuchtigkeit, sondern eine kleine göttliche Klarheit; wie wenn man mit den Fingerspitzen das Echo einer Melodie streift. Dann geschah nichts Außerordentliches, und zugleich alles Wunderbare, denn die Ranken des Gartens verwoben sich zu einem Schleier, der Pfad zog sich zurück, und ich wandelte langsam wieder den Weg zurück zum Tor. Die Mondgestalt neigte sich noch einmal, als wollte sie zu mir sprechen: „Trage es nicht wie ein Besitz, trage es wie ein Versprechen.“
Ich schlief weiter, und als die ersten Stunden des Morgens mich sanft aus dem Traum lösten, erwachte ich. Meine Hand lag auf der Decke und in ihrer Mitte ruhte die Blume. Es war keine Einbildung, auch kein Stück Stoff oder Papier. Die Blume atmete leise. Ich spürte ihren Kern gegen meine Hand schlagen wie meinen eigenen Puls. Der Duft war da, kaum stark, doch wahr: Erinnerung, Trost, ein Ausblick. Die Tage danach trug ich die Blume bei mir. Manchmal hob ich sie an mein Herz und spürte, wie ein Bild aufstieg; ein verletzter Freund, dem ich verziehen hatte; eine Angst, die sich löste; ein Wort, das ich aussprach und das Heilung brachte. Die Blume schien nicht zu verwelken, weil sie nicht nur Pflanze war, sondern ein Samen von etwas anderem, von einer Klarheit, die sich in der Welt verankern wollte. Manche Menschen sagen, es sei nur Einbildung gewesen. Andere meinten, die Blume sei ein Geschenk der Engel. Einige glaubten, mein Traum habe die Schleier zwischen den Welten dünner gemacht, und die Blume sei ein Beweis dafür, dass das Heilige in den Alltag fallen kann wie Morgentau.
Aber ich wusstest etwas anderes: Ich hatte ein Stück meiner inneren Landschaft mit in die Welt gebracht. Die Blume war kein Besitz und kein Talisman, sie war eine Aufgabe. Jedes Mal, wenn mein Blick die Blüte traf, erinnerte sie mich daran, dass ein Teil von mir die Fähigkeit hatte, Türen zu öffnen, Stimmen zu hören und Licht dorthin zu tragen, wo Schatten lange geherrscht hatten. Sie forderte mich nicht, sie flüsterte nur: „Geh hinaus. Lebe, was du empfangen hast. Lass das Traumlicht in die Tätigkeiten des Tages fallen.“ So wurde die Blume zu einem einfachen Ritual: Ich bat still um Führung, legte die Blüte ans Herz und atmete. Dann stand ich auf und ging hinaus, mit den Händen, die das Unsichtbare hielten, und mit den Augen, die ein mehr sahen als zuvor und wenn die Frage kommt, ob es sich nur um ein Märchen handelt, so antwortet eine leise Stimme: Manche Türen öffnen sich nur im Schlaf; manche Geheimnisse kehren als Blumen in unsere Hände zurück, damit wir die Welt mit ihnen neu bepflanzen.
Klaus Praschak
Bild: Isabelle Menin danke

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Bei Kommentaren bitten wir auf Formulierungen mit Absolutheitsanspruch zu verzichten sowie auf abwertende und verletzende Äußerungen zu Inhalten, Autoren und zu anderen Kommentatoren.
Daher bitte nur von Liebe erschaffene Kommentare. Danke von Herzen, mit Respekt für jede EIGENE Meinung.